Michel Becquet
B.S.: Was spielst du denn als Solist?
M.B.: Ich versuche, zu zeigen, wessen das Instrument fähig ist, indem ich zuerst ein klassisches Werk und dann ein modernes Stück spiele. Ich kombiniere zum Beispiel das Konzert von Albrechtsberger mit der Ballade von Frank Martin. Den Leuten, die die Posaune noch nicht kennen, ermöglicht diese Auswahl die Entdeckung des Instrumentes.
B.S.: Benützest Du für die klassischen Konzerte, die original dafür stehen, auch die Altposaune?
M.B.: Nein, ich mag die Altposaune nicht. Dieses Instrument eignet sich gut, um im Orchester gewisse sakrale Werke auszuführen. Die Ausdauer ist besser, und der Klang mischt sich mit dem Chor. Als Soloinstrument ist die Altposaune zu steif, man kann nicht leicht trillern und die Stimmung ist zweifelhaft. Man gewinnt nichts an Schnelligkeit und verliert an Tonqualität. Man muss das Instrument so spielen, dass die Leute es schätzen und lieben, und dazu eignet sich die Tenorposaune, jedenfalls für mich, besser.
B.S.: Welches Instrument benützest Du?
M.B.: Ich spiele das neue Modell von Courtois (300 Prestige), das wir kürzlich mit Millière entwickelt haben. Es ist ein leichtes Instrument mit abnehmbarem Schallstück. Das ermöglicht, Schallstücke aus verschiedenen Legierungen zu benützen, die übrigens alle handgehämmert und von ausgezeichneter Güte sind. Wir mussten die Hersteller davon überzeugen, auf maschinelle Fertigung für die professionellen Instrumente zu verzichten. Wir haben so dank der Legierungen in Frankreich einen Fortschritt erzielt. Die französischen Posaunisten haben eine recht helle Tongebung, und die bestehenden Instrumente erleichtern diesen Klang nicht. Mit den Instrumenten anderer Hersteller, die für unseren Geschmack zu dumpf klingen, haben wir Mühe, befriedigende Ergebnisse zu erzielen. Es war daher nötig, dieses neue Modell zu entwickeln.
B.S.: Ist dieses Instrument für das Solospiel bestimmt?
M.B.: Nein, überhaupt nicht. Die Leute werfen mir das vor, aber dank dem auswechselbaren Schallstück kann man sich an Solospiel oder Orchester anpassen. Das Problem besteht darin, dass die Musiker nicht regelmässig üben und daher keine präzise Vorstellung von einem Instrument haben können. Viele Orchesterposaunisten üben erst ernsthaft, wenn sie ein Werk wie den «Boléro» spielen müssen...
B.S.: Zwar wäre es just klug, zu üben, wenn man im Orchester nicht viel zu tun hat. Wenn der «Boléro» dann heranrückt, ist es zu spät...
M.B.: Also können diese Musiker nicht sagen, das Instrument passe ihnen nicht. Ich glaube, dass gerade das Schallstück aus Neusilber eine Zukunft im Orchester hat.
Michel Becquet
B.S.: Welches ist Deine Orchestererfahrung?
M.B.: Ich war von 1972-1975 Soloposaunist im Orchestre de la Suisse Romande. Im Juni 1975 stiess ich zum Orchester der Pariser Oper. Ich muss an dieser Stelle gestehen, dass das Orchester nicht genau das ideale Umfeld zum musizieren für mich ist. Es liegt meinem Temperament und meiner Gewohnheit immer ferner. Ich möchte die Werke so spielen, wie ich will, und nicht verpflichtet sein, mich dem Willen des Dirigenten zu unterziehen. Das und das Unterrichten entspricht mir.
B.S.: Kannst Du uns etwas vom Lyoner Konservatorium erzählen?
M.B.: Das Konservatorium von Lyon ist parallel zu dem von Paris, und versucht, eine Alternative für viele zu stellen, die dort keinen Platz finden. Zwei Posaunenlehrer arbeiten dort parallel: Ich beschäftige mich mit den Posaunenkonzerten und der Kammermusik, während mein Assistent, Alain Manfrin, mehr technische Belange unterrichtet: Blattspiel, Orchesterstellen und Altposaune. Wir geben jeder zwölf Wochenstunden. Ich möchte, dass die Studenten von Anfang an eine komplette Posaune spielen, und ich lasse die schwierigen Konzerte im dritten und vierten Jahr üben. Ich habe eine Répertoireliste erstellt, und am Schluss spielt man Werke wie Tomasi, Martin, Constant neben den klassischen Konzerten, die neben der Technik auch noch Kultur verlangen.
B.S.: Verwendest Du eine bestimmte Methode?
M.B.: Man kann nicht für alle Schüler dieselbe Methode anwenden. Man muss das Übungsmaterial an den Schüler anpassen. Jeder Schüler hat seine eigenen Probleme, und dort versuche ich ihn zu fassen. Ich möchte möglichst vollständige Musiker formen. Auch ohne ausserordentliche Begabung müssen sie gut auf den Beruf vorbereitet sein. Das Problem am Konservatorium ist, dass es zuviele Kandidaten an der Aufnahmeprüfung hat. Vor einigen Jahren waren es noch 20-25, heute sind es 50! Es ist schwierig, allen wirklich aufmerksam zuzuhören bei der Ausscheidung. Ich versuche jene herauszufinden, die gute Orchesterposaunisten werden können, nicht nur Solisten.
B.S.: Kümmerst Du Dich auch um Bassposaune?
M.B.: Nein, das ist ein anderes, sehr verschiedenes Instrument, meiner Meinung nach, so verschieden wie die Tuba. Es braucht einen Spezialisten, um es gut zu unterrichten.
B.S.: Gehört zeitgenössische Musik zu Deinem Programm?
M.B.: Sie gehört an den Schluss des 4-jährigen Studienplans. Es ist mir lieber, die Studenten können alles und stehen auf einem guten Niveau, bevor sie sich an diese Werke heranwagen. Meine Répertoireliste schliesst jedenfalls Werke aller Stilrichtungen ein.
B.S.: Besteht diese Liste nicht fast ausschliesslich aus französischer Musik?
M.B.: Die Liste wurde für die Direktion der Musik (im Ministerium) erstellt und hat daher nur exemplarischen Wert. Man kann natürlich Werke hinzufügen.
B.S.: Unterrichtest Du auch im Ausland?
M.B.: Ja, und für mich ist das sehr wichtig. Man begegnet vielen Leuten, die zu uns kommen, um die französische Musik zu erlernen. In Frankreich, das muss ich sagen, haben wir unsere Spezialität: das Solospiel. Es ist daher notwendig, den Ausländern unsere Betrachtungsweise zu demonstrieren.
B.S.: Aber gleichzeitig sind die französischen Orchester nicht auf diesem hohen Stand?
M.B.: Das kommt vom Rekrutierungssystem. Bei einem Probespiel muss man denjenigen herausfinden, der sich am besten in die Gruppe integriert. Der Solist hingegen muss seine Spielweise auf die andern übertragen, um eine Homogeneität zu erzielen. Wir sind zu individualistisch, und das gilt auch für die anderen Instrumente.
B.S.: Kannst Du uns etwas von Deinen Plänen erzählen?
M.B.: Neben den Konzerten bereite ich eine Platte vor. Es sollen Auszüge aus öffentlichen Konzerten sein. Ich möchte die Entwicklung der Posaunenliteratur in der echten Konzertsaalatmosphäre zeigen.
B.S.: Michel Becquet, vielen Dank und viel Glück!
Diskographie
- Zwei LPs mit Maurice André und dem Pariser Blechbläseroktett (Erato)
- Ein Album mit Originalmusik von Janko Nilovic mit dem Pariser Posaunenensemble (Crystal Records S223)
- Zwei Alben mit dem Pariser Posaunenquartett (Pluriel)
- Janko Nilovic: «Konzert» für Posaune und Streicher, Georges Delerue: «Madrigal» für Posaunensextett, J.-Michel Defay: «Fluctuation» für Soloposaune, 6 Posaunen und 2 Schlagzeuge (Symphony Land)
- Leopold Mozart: «Serenade in D» für Trompete, Posaune und Orchester (Schwann-Musica Mundi 2005)