Ich studierte bei Robert Marsteller und erhielt den sogenannten Masters Degree, dann ging ich auf Tournee mit dem Les Brown-Orchester, damals in Amerika eine bekannte Bigband. Das dauerte anderthalb bis zwei Jahre, dann beschloss ich, mich frei in Los Angeles zu betätigen, meist als Konzertmusiker (ich hatte ja an der Uni bei Robert Marsteller studiert), und dann hatte ich Gelegenheit, beim Los Angeles Philharmonic Orchestra als Aushilfe zu spielen, weil Robert Marsteller krank war, und als er zurückkam, wollten sie vier Posaunenstellen, da erhielt ich einen Vertrag und spielte bei den Philharmonikern von 1964 bis 1971. Auch gründete ich, so um 1965, zusammen mit Tom Stevens, Roger Bobo und, ganz am Anfang glaube ich, Ronald Romm und Wayne Barrington, das Los Angeles Brass Quintet und machte dort mit, bis ich das Orchester verließ. Ich spielte damals auch etwa in Studios und bisweilen als Solist, meist aber im Orchester. 1971 nahm ich dann eine Soloposaunistenstelle im Symphonieorchester von San Francisco an. Dort blieb ich bis 1974 und ging dann nach Los Angeles zurück, wo ich freiberuflich arbeitete und nun auch viel mehr solistisch auftrat, in und um Los Angeles und zum Teil in anderen Staaten. Das wäre so etwa meine Geschichte.
J.-P. M.: Wie findest du das Gleichgewicht zwischen der notwendigen musikalischen Gelegenheitsarbeit und deinem Interesse für Neue Musik, welche doch eigentlich nur eine Randströmung ist ?
M. A.: Randströmung — meinst du verdienstmässig ?
J.-P. M.: Nein, Gelegenheits- und Studiogeschäfte sind doch dein Beruf, dein Broterwerb ? Woher dein Interesse für Neue Musik, die doch kaum der leichte Weg zum Geld ist?
M. A.: Als freischaffender Musiker bin ich einerseits am Geldmachen, andererseits am Musikmachen interessiert. So habe ich eben gelernt, dass ich von geldbringender Musik nicht erwarten darf, dass sie Spass macht und Gelegenheit bietet, gute Musik zu spielen, weisst du, aber da ich nun mal das Bedürfnis habe, tu' ich's eben — ich spiele gute Musik. Aber ich finde das alles ein grosses Problem. Das eine steht dem andern im Weg. Es ist schwierig, dem Beruf nachzugehen, den Geschäften, wenn etwas anderes in dir lieber solo spielen möchte und Musik um ihrer selbst willen machen, und wenn eine Menge Zeit für «Mucken» draufgeht, denn wenn du freischaffend bist, musst du der Arbeit nachlaufen, sie kommt nicht unbedingt immer zu dir, weisst du. Das steht dir im Weg, wenn du dich aufs Musikmachen um der Musik willen vorbereiten möchtest. Ich finde das also noch immer einen Konflikt, den ich noch nicht zu meiner Zufriedenheit habe lösen können; ich bin jetzt auf Urlaub und hoffe, auf ein paar bessere Ideen zu kommen. Doch ideal für mich wäre es, Musik nicht nur beruflich, nur um des Geldes willen zu spielen. Aber ich muss sehen, ob ich das tun kann. Schön wär's.
J.-P. M.: Nehmen wir mal ein Arbeitsjahr in Los Angeles, wieviel Zeit bleibt dir da, dich tatsächlich musikalisch zu verwirklichen ?
M. A.: Ich kann das nicht in Zahlen ausdrücken und sagen, welcher Prozentsatz meines Lebens das ist, denn angenommen, ich habe einen Job, der rein musikalisch nicht gut ist, dann kann ich darüber sehr unglücklich sein wollen und elend. Aber gewöhnlich, zumindest in Los Angeles, findet sich immer etwas, das Spass macht. Angenommen, die Musik, die ich zu spielen habe, ist an sich schlecht, aber ich bin mit ein paar ausgezeichneten Musikern, dann tun wir uns irgendwie zusammen und machen, dass es gut klingt, und darauf konzentriere ich mich. Sonst ist es lächerlich, zwecklos, den Job überhaupt zu machen. Nun, wenn du wissen willst, wieviel Zeit ich mit Konzerten oder Solostücken verbringe, die mir gefallen, dann würde ich sagen, vielleicht 25 %. Mehr als die meisten andern Leute! Aber dann spiele ich auch nicht viele Geschäfte fürs Geld, weil ich mich dann mehr auf jenes andere konzentriere, auf die «Musik-Musik», wenn du so willst. Wenn ich mehr Geld machen will, muss ich das bleiben lassen und mich nur aufs Geldmachen konzentrieren.
J.-P. M.: Du bist jetzt in einem Alter, wo ein Musiker seine vollen Fähigkeiten erlangt, und intellektuell verstehst du nun vieles — wie siehst du die Zukunft ?
M. A.: Nun, für mich persönlich, das ist im Augenblick etwas schwer zu sagen. Ich kann dir sagen, was ich gerade jetzt tue. Ich mache nun eben diesen Urlaub und versuche klar zu sehen und zu entscheiden, wie mein Leben für die Musik weitergehen soll, nicht wahr, und ich glaube, ich werde es mal wagen, weniger zu arbeiten und einfach für mich selber zu musizieren, Konzerte zu machen, mal dafür zu leben. Früher hielt ich so was nicht für möglich, aber vielleicht kann ich's doch verwirklichen, kann auch Konzerte in kleinerem Rahmen anstreben, so eine Art Musik für die Nachbarschaft, wenn du so willst. Und hoffentlich werde ich meine Phantasie gebrauchen und neue Orte zum Musikmachen erschliessen.
Was die Musik im allgemeinen anbetrifft, kann ich nicht viel prophezeien, wie die ganze Sache sich entwickeln wird, aber mich dünkt, dass sich das Musikleben, zumindest in den USA, sehr auf einige Grossstädte konzentriert hat, und hoffentlich wird sich diese Tendenz ändern, in der Richtung, dass es sich ausbreitet und wir mehr Orte haben, wo musiziert wird. Wir haben eine Menge Musiker in den USA, und die können mehr beitragen, wenn sie nicht alle in Los Angeles und New York sitzen, nicht wahr, wenn mehr Leute mal aus dem Haus können, weg vom Fernseher, und ins Konzert, ins Theater und zu anderen Veranstaltungen gehen... Aber ich weiss nicht, wann das soweit sein wird. Vielleicht wird alles mechanisch, werden sie alle zu Hause hocken und sich alles auf Videokassetten ansehen, nach allem, was ich weiss. Das bahnt sich in mancher Hinsicht schon an... Wir werden ja sehen...