BrassBulletin

Internationales Magazin für Blechbläser

Brass Bulletin 31, III / 1980 (Seite 57–66) · 10 Min. Lesezeit
Alle Inhalte sind urheberrechtlich geschützt © Brass Bulletin 1980–2026

Ein Märtyrer der Posaune

Suche in diesem Artikel
Ein Märtyrer der Posaune

FÊTE VÉNITIENNE A BORD.

Gesang : Enfant, veux-tu ma haine? en voilà la moitié!

Lithographie aus «Journal pour rire» 1851, Sammlung Ernst W. Buser, CH-4102 Binningen.

Archive in Bibliotheken sind stets ein Erlebnis. Wer sie betritt, taucht alsbald in die Vergangenheit ein, mit ihren fesselnden Geschichten über vergessene Menschen und Ereignisse. Die Geschichte der Blechblasinstrumente im 19. Jahrhundert ist in jüngerer Zeit recht eingehend erforscht worden (Jean-Pierre Mathez' Arban-Buch ist ein Beispiel), und doch gibt es immer wieder Neues zu entdecken. So sind wir bei eigenen Forschungen auf die interessante Persönlichkeit des Auguste Léonard de la Tuilerie gestossen, über den nicht mehr zu erfahren ist als:

«Absolvent des Kaiserl.-Königl. Polytechnikums (1812-14), am Ende des zweiten Jahres im 38. Rang klassiert und dem Artilleriedienst zugeteilt (Demissionär).»

Seine Bemühungen um die Posaune in den Jahren 1846-48, als er bereits an der Pariser Rue Ste.-Anne Nr. 5 Apotheker war, scheinen uns ebenso interessant wie erheiternd. Wir möchten deshalb im folgenden seine Rede vor der Akademie der Künste im Wortlaut wiedergeben.

An die Herren Mitglieder der Akademie der Künste

ABTEILUNG FÜR MUSIK
(Königliches Institut von Frankreich)

Paris, den 1. Oktober 1846

Meine Herren!

In der Vorrede zu einem Musikstück¹, von mir am 22. Januar dieses Jahres veröffentlicht und wovon ich mir Ihnen anbei ein Exemplar zu überreichen erlaube, samt einer anderen von meinen Kompositionen, habe ich mich folgendermassen ausgedrückt:

«Dieses Musikstück wurde ohne die geringste Anmassung bearbeitet, denn es enthält kaum eine Note, die nicht den unsterblichen Genien entsprungen wäre, welche diese göttlichen Harmonien gewoben. Unsere Absicht war, die Wirkung aufzuzeigen, die man mit der Posaune erzielen kann, selbst im Salon, und um die Aufmerksamkeit des Publikums auf ein Instrument zu lenken, das sich in Europa bisher nur geringer Wertschätzung erfreut hat, trotz seiner dreihundertjährigen Geschichte und der zeitlosen Natur seines Bauprinzips.

In der Tat dürfte dieses Instrument, nach allem zu schliessen, was das so einfache Prinzip von Rameau und d'Alembert besagt, nämlich die Resonanz eines klingenden Körpers, eine erschöpfende Erklärung der akustischen Erscheinungen in sich bergen. Einer übergangslos ansteigenden Reihe von Orgelpfeifen vergleichbar, vermag die Posaune selbst die einzelnen Kommas² der Harmonik und Melodik auch in den kompliziertesten Beziehungen ihrer Tonarten und -geschlechter wiederzugeben. Mag sein, dass sie in sich die Ansätze zu einer ganz neuartigen musikalischen Sprache enthält.

Ich will es berufeneren Leuten überlassen, die Ideen zu entwickeln, die aufzuzeigen ich für meine Pflicht halte.»

Seither habe ich, stets in der Absicht, einem unterschätzten Instrument zur Geltung zu verhelfen, ein weiteres Werk in den Handel gebracht (opus 3 meines kompositorischen Schaffens)³, worin ich mich bemüht habe, der Posaune den Rang zukommen zu lassen, der ihr meines Erachtens gebührt, nämlich einen der vordersten. Doch niemand hat, meines Wissens, den Aufruf vernommen; man hat sich stattdessen weiterhin damit begnügt, die Posaune lediglich in Akkordblöcken zu verwenden, ohne sie jemals singen zu lassen.

In der Tat kommt mir dieses fabelhafte Instrument, trotz seiner alltäglichen Verwendung, etwa so vor wie ein Hase, neben dem man dreihundert Jahre lang hergelaufen ist, ohne seine Pracht je zu erkennen.

Deshalb möchte ich Ihnen heute einige weitere Gedanken darlegen, sie der Wertschätzung Ihres luziden Verstandes, Ihres Genies sozusagen, anempfehlen. Endlich will ich mit meinem Anliegen vor Ihr sonst so erleuchtetes Bewusstsein treten.

Ich habe diesen Weg demjenigen der Werbung vermittels Anzeigen vorgezogen, auf die Gefahr hin, mir nichts als Unkosten zuzuziehen und meine Werke für immer unverkäuflich zu wissen. Im übrigen glaube ich Sie im voraus versichern zu müssen, dass ich mich jeglicher allenfalls in Zukunft unternommenen direkten oder indirekten Untersuchung meines Gegenstandes in mathematischer, physikalischer oder gar chemischer Hinsicht voll und ganz beugen werde.

Die einfache Zugposaune, ohne Ventile, wie sie von Monsieur Darche, rue des Fossés-Montmartre Nr. 7, hergestellt und in den Regimentern der Armee verwendet wird, scheint mir das machtvollste und perfekteste aller bekannten Musikinstrumente zu sein. Gegenüber ähnlich gearteten Instrumenten wie der Violine oder anderen Streichinstrumenten hat die Posaune den Vorzug, in sich selber einwandfrei zu stimmen.

Bei ihr ist es eine einzige Note, die a priori feststeht, nämlich das B bei geschlossenem Zug, und nichts ist einfacher, als sie um einen Halbton zu erniedrigen, um sich mit dem Orchester einzustimmen.

Bei der Violine, der Bratsche, dem Quinton⁴, dem Violoncell und dem Kontrabass müssen mehrere Töne eingestimmt werden, während der Posaunenkünstler sich nur auf wenig Vorgegebenes stützen kann und deshalb das glückliche Gefühl empfindet, beim Spiel ganz auf sich selber gestellt und dadurch eher in der Lage zu sein, dem Ohr des Zuhörers seine Seele und seine wahrsten Gefühle übermitteln zu können!

Die Folgerung, welche sich aus dieser besonderen Struktur ergibt, ist die, dass die Posaune — ähnlich der Violine und womöglich noch mehr als jene — jederzeit stimmt, so man sie zu spielen weiss, während doch die andern Organe musikalischen Ausdrucks, jene, die aufgrund von Grifflöchern, Klappen, Ventilen, Hämmern, Tasten, Bälgen usw. den Vorteil zu haben scheinen, fix und fertige Töne zu liefern (die Tasteninstrumente vor allem) stets und überall eindeutig und gründlich unrein und unvollkommen sind, denn keines von ihnen trägt dem Unterschied beispielsweise zwischen ais und b Rechnung.

An diesem Punkte will ich es wagen, Sie auf mein Opus 6⁵ aufmerksam zu machen, worin ich mich bemühe, die ganze Bedeutung eines wohl angebrachten Kommas verständlich, oder mehr noch, fühlbar zu machen.

Ich möchte die Gelegenheit nutzen, meine Richter bezüglich dieses letzteren Machwerkes um Nachsicht zu ersuchen, in Anbetracht meiner völligen Unkenntnis selbst der grundlegendsten Regeln musikalischer Komposition sowie der Unzulänglichkeit meiner Vorstellungen vom Satz, der Verwendung und Auflösung auch der einfachsten Dissonanz.

Ich will nun die Posaune gar nicht erst dem Orchesterhorn gegenüberstellen, dessen gestopfte Töne dermassen mager sind, noch will ich sie mit dem Jagdhorn vergleichen, dem so geringe Mittel und so wenige Töne zu Gebote stehen.

Ich will mich in dieser Sache darauf beschränken, den hohen Herren und den Söhnen aus gutem Hause, welche ihre Mussezeit auf die Erlernung dieses letzteren Instrumentes verwenden, mitzuteilen, dass sie m. E. besser daran täten, täglich ein paar Stunden dem Studium der Posaune zu widmen. Das würde ihnen ermöglichen, mit gleichbleibender Klangqualität alle möglichen Weisen zu spielen, statt sich mit «O du lieber Augustin» und einigen belanglosen Fanfaren für Jagdpartien begnügen zu müssen.

Es wäre an dieser Stelle zweifellos angezeigt, ein Wort über jene musikalische Sprache und über die Signale zu Wasser und zu Lande zu verlieren, die ich am Ende der oben zitierten Anmerkung erwähnt habe, doch fühle ich nur zu deutlich, wie oberflächlich meine Kenntnisse in Akustik, Telegraphie und Musik sind; deshalb möchte ich es einmal mehr den Meistern der Wissenschaft überlassen, die zukunftsträchtigen Ideen, welche dieser Gedanke enthalten mag, zu formulieren und in Einklang zu bringen.

Wenn man nun die Trompete, kraft ihrer altehrwürdigen Tradition, der von ihr zu Jericho bezeugten Zerstörungskraft⁶ oder der Rolle, die sie in den bildenden Künsten und in der Dichtung bis zum heutigen Tage einnimmt, gegen die Posaune ausspielen wollte, so müsste ich gleich dem Dichter ausrufen: Nieder mit der Trompete — es lebe die Posaune!

Denn diese allein birgt in ihrem Schosse nicht weniger als sieben Trompeten, nämlich je eine in jeder Zugposition! Nun, denken Sie an die Siebenzahl, denken Sie an die Apokalypse!

Nach allen Malern der Vergangenheit zu schliessen, ist die Trompete des Würgeengels einfach und hat jene der Fama⁷, wenn man Seiner Gnaden Herrn Arouet Glauben schenken will, zwei Mundstücke, doch jene des künftigen Jüngsten Gerichts, jene unserer Epoche, jene der Revolution von 1830, sie allein ist ihrer sieben wert, denn jene Trompete ist eine Posaune!

Auf der Posaune lassen sich alle denkbaren Melodien und Volksweisen spielen, so sie leicht und musikalisch gesetzt sind und, selbstverständlich, sich an den Tonumfang des Instrumentes halten. Posaune lässt sich zu Fuss, zu Pferd, im Wagen, auf dem Schiff oder in der Eisenbahn spielen — ja, ich habe sie in einem Gewässer von fünf Metern Tiefe schwimmend geblasen!

Die Posaune bietet einen Tonumfang von rund drei Oktaven in ununterbrochener chromatischer Abfolge und, ich betone es, mit der Möglichkeit, die Kommas zu unterscheiden. Kraft der Eigenart, Qualität und Fülle ihres Klangs vermag sie alle andern Instrumente niederzuwalzen.

Zu diesem Punkt darf ich Ihnen erzählen, wie es mir vor vier oder fünf Monaten gelang, von einer Insel in der Loire bei Nantes aus einer Schar von Matrosen am Ufer zum Tanze aufzuspielen, deren Kahn etwa eine Meile von mir entfernt vor Anker lag. Dazu brauchte ich ihnen lediglich, die Gunst des Windes nutzend, die beliebte Bourrée aus der Auvergne «Wie fett sind schon die Kuckucke» zu blasen. Welches andere Instrument vermöchte solches zu vollbringen?

Wenn die Posaune kraft ihres grossen, majestätischen, strahlenden, ja schmetternden Klangcharakters für grossartige Effekte unter freiem Himmel geeignet ist, so möchte ich doch beifügen, dass ich sie für fähig halte, je nach Belieben des Bläsers auch eine ganz andere Art von Klang zu erzeugen, der ihrem Gesang eine milde, samtene, traurige und gefühlsbeseelte Tönung verleiht.

Jede ihrer Zugpositionen ergibt einen Durdreiklang, nebst einigen weiteren Tönen inner- oder ausserhalb dieses Akkordes. Deshalb eignet sie sich vorzüglich für rein harmonische Wirkungen durch mannigfaltige Verbindungen und Verschmelzungen dieser wichtigsten aller Akkorde.

Mehrere Töne lassen sich auf ihr auf verschiedene Weise erzeugen, was die Leichtigkeit der Ausführung in einzigartiger Weise begünstigt.

Im übrigen dürfte kein einziges anderes Instrument tauglicher sein, die enharmonischen Verwechslungen reiner und genauer wiederzugeben.

Gefühlsmässig möchte ich sagen, dass nach heutigem Wissen und Empfinden keine schönere Musik denkbar wäre als ein Werk für acht, zehn, zwanzig, dreissig, ja fünfzig Posaunen, von einem Meister eigens verfasst und in einer Kirche dargeboten.

Hier will ich, meine Herren, dem Fluge der Gedanken Einhalt gebieten, doch nicht ohne Sie auf die Posaunenschulen der Herren Dieppo und Vobaron aufmerksam gemacht zu haben, deren ersterer durch die Konsequenz seiner Übungen auf geschickte Weise die im Posaunenrohre schlummernden sieben Trompeten zur Geltung gebracht hat, während letzterer schon vor langer Zeit durch die harmonische Reinheit und tiefgreifende Vielfalt seiner Etüden die Bedeutung seines Instrumentes und die erhabene Rolle, die es in der Musik der Zukunft zu spielen berufen ist, vorausgesehen hat.

Sodann möchte ich die nützlichen Arbeiten der Herren Cornette und Rauda anführen, welche durch den Beifall eines wenn auch zu wenig zahlreichen Publikums hoffentlich genügend honoriert worden sind.

Gestatten Sie mir ferner, an dieser Stelle meinem Lehrer, Herrn Record, Posaunist an der Königlichen Italienischen Oper zu Paris, öffentlich meinen Dank abzustatten.

Darf ich Sie, meine Herren, der stummen und respektvollen Ergebenheit versichern, mit der ich Ihres höchstinstanzlichen Urteils harre, der ich mir die Ehre gebe, Ihr untertänigster und gehorsamster Diener zu sein.

Auguste LÉONARD

Es mag uns Posaunisten erstaunen, dass die Vorzüge unseres Instrumentes schon vor über hundert Jahren derart treffend beschrieben werden konnten.

Léonard de la Tuilerie veröffentlichte in der Folge «Eine Elementarschule für Posaune zwecks Erlernung dieses wohlbekannten, wenn auch bislang zu gering geschätzten Instrumentes, samt zahlreichen Ratschlägen diverser Autoren zum Nutzen der Künstler wie der musikalischen Liebhaber».

War er zu ungeduldig in seiner Erwartung eines unmittelbaren Erfolges? Schon einige Monate später gibt er seiner Verzweiflung in folgendem Elaborat Ausdruck:

Öffentliche Bekanntmachung

Betrifft meine Quadrillen von Kontretänzen für Posaune allein.

Seit dem 22. Januar 1846, Datum meiner ersten Publikation, ist mir nicht bekannt geworden, dass irgend jemand dem Aufruf gefolgt wäre, den ich erlassen, um der Posaune als m. E. bisher unterschätztem Instrument zu vermehrter Beachtung zu verhelfen.

Man lasse mich einige Tatsachen festhalten:

Bis dato den 16. Februar 1846 habe ich kaum für 40 Groschen von den Musikalien verkauft, die ich für teures Geld habe stechen lassen. Und nicht genug der Unbill: Sowie ich von der Posaune spreche, mokiert man sich über mich oder lacht mir geradezu ins Gesicht. Lediglich einige Künstler scheinen es bei stummem Stirnrunzeln bewenden zu lassen.

Ich habe eine gewisse Neigung, über das Menschengeschlecht *nachzudenken und Mutmassungen über die Zukunft anzustellen. Danach dürfte sich folgendes ereignen:

Entweder werden meine Ideen übernommen, oder sie werden es nicht.

Werden sie es nicht, so will ich verstummen, und all meine Mühe, meine Zeit, mein Geld, meine Arbeit, meine Vorstösse sind umsonst gewesen.

Werden sie es aber, dann wird man mich verleugnen.

Ich habe gesprochen.

Paris, am 16. Februar 1847
A. Léonard de la Tuilerie
Apotheker, Posaunist in der 10. Legion
Rue Sainte-Anne Nr. 5
im 1. Stock

Leider haben wir nichts über die Fortsetzung dieser Geschichte erfahren. Uns will scheinen, es gebe auch heute noch Leute, die ähnlich denken wie Monsieur Léonard und ihr Blechblasinstrument in den Vordergrund stellen möchten.

Hat sich denn seither so viel geändert?

Anmerkungen

¹ Zwei Trauermärsche von Van Beethoven und G. Rossini, gesetzt für Quartett von Klavier, Violine, Violoncell und Posaune.

² Kommas: Mikrointervalle, die sich aufgrund der Differenzen zwischen diatonischen und temperierten Intervallen ergeben (Anmerkung des Übersetzers).

³ Vier Lieder von F. Schubert («Abschied», «Greisengesang», «Wiegenlied», «Das Fischermädchen»), bearbeitet für Posaunentrio.

⁴ Quinton: eine Art Zwitterinstrument zwischen Violine und Bratsche (Anm. d. Übersetzers).

La Limousine, Walzer-Bourrée, Mme Jouve de Guibert zugeeignet, Schülerin von Bambini (Vater), Professor der Harmonielehre (1802), gesetzt für das Pianoforte.

⁶ Im Deutschen missverständlich, da in der deutschen Bibel von den «Posaunen von Jericho» die Rede ist, entsprechend einer etymologischen Übersetzung von lat. buccina, frz. buisine, dtsch. Busine od. Busune, was in den Bibeln der andern Völker richtigerweise als Trompete gedeutet wird (Anmerkung des Übersetzers).

⁷ Göttin des Gerüchtes (Anm. d. Übersetzers).

*Vgl. das komische Liedchen «La fin du monde» de Letellier et Marquerie.

Artikel teilen

Loading…