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John Fletcher
Ist gross auch immer schön?
Von Thomas Aitken
John Fletcher
John Fletcher begann mit 13 Jahren, Tuba zu blasen. Nach einer Ausbildung in Naturwissenschaften und einem pädagogischen Diplom am Pembroke College in Cambridge spielte er 4 Jahre lang im BBC-Symphonieorchester, bevor er zum London Symphony Orchestra kam, wo er seither spielt. Er ist der Blechbläserwelt bekannt als Mitglied des Philip Jones Brass Ensemble und hat das Tubakonzert von Vaughan Williams aufgenommen mit dem LSO unter André Prévin. Viele, die seinen Namen nicht kennen, kennen seinen Ton von den tollen Tubastellen in «Star Wars» her. Eine kürzliche Aufführung des Tubakonzertes von Edward Gregson mit dem Locke Brass Ensemble zeigte, dass er in seiner Kombination von Feinheit und Kraft, Technik und Musikalität unübertroffen bleibt. Ungeachtet dessen, oder vielleicht deshalb, ist er nicht uneingeschränkt glücklich mit dem, was in England mit dem Klang der Blechbläser, speziell dem Tubaklang, vor sich geht. Er erzählte Tom Aitken, warum.
Seit dem zweiten Weltkrieg sind alle Blechblasinstrumente immer weiter geworden. Bis dahin war der Klang des englischen Blechs sehr genau definiert: eher klein in der Bohrung, aber sehr vibrierend und charaktervoll. Grob ausgedrückt, eher vom französischen denn vom deutschen Klang abgeleitet.
Die ersten grösseren Instrumente, die zu uns kamen, waren deutsche Hörner — sicher anzublasen und fetter im Klang — gefolgt von amerikanischen Posaunen und später von amerikanischen Trompeten. Alle diese Instrumente hatten wesentlich weitere Bohrungen, wiesen grössere dynamische Möglichkeiten auf und vermieden jenen scherbelnden Effekt, der entsteht, wenn man ein engmensuriertes Instrument überbläst. Die Ökologie des Orchesters veränderte sich. Die Streichinstrumente haben sich mit Ausnahme der anderen Stegplazierung und der Metallsaiten nicht sehr verändert: ihr Klangvolumen hat sich in einem bescheidenen Rahmen vergrössert. Die Holzblasinstrumente haben sich etwas mehr entwickelt, indem sie weichere Blätter verwendet, um einen fetteren, pummeligen Ton zu erzielen. Aber die Blechblasinstrumente haben an Volumen und dem, was ich «Feuerkraft» nennen möchte um ein Vielfaches zugenommen.
Die grössten Missetäter von allen, würde ich meinen, waren die Pauken. Sie sind die Führer der musikalischen Aufrüster, bei denen jeder immer grössere Geschützkaliber verwendet, um — wie sie sagen — den anderen gewachsen zu sein. Dies war sicherlich immer meine Ausrede. Als ich im Beruf anfing, konnte ich keinen genügend grossen Ton erzeugen. Ich war betäubt von allen rundherum und schloss daraus, dass dies mein Fehler sein müsse. Um Schritt zu halten wechselte ich zuerst von der F-Tuba zur Es-Tuba. Dann benützte ich grössere Mundstücke. Darauf stieg ich auf C-Tuba um, die nicht so sehr der weiteren Bohrung wegen als der etwas grösseren Rohrlänge halber mehr Tiefe und «Grunzen» gibt. So ist es mir gegangen, und ich bin mit anderen zusammen schuldig. Zugleich bin ich sehr beunruhigt darüber, was bei diesem Vorgang verloren geht. Die wichtigste Fähigkeit — nämlich die, durch das Instrument zu sprechen, welche alle grossen Bläser der Vergangenheit hatten und sie zu den auch heute gern gehörten Favoriten macht — ist verloren gegangen.
Einer der Gründe für diese Entwicklung in diesem Land ist die trockene, blutleere Akustik der Londoner Royal Festival Hall. In den besten europäischen und amerikanischen Sälen besteht ein gewaltiger Unterschied dazu: Man muss nicht «feuern». Man kann in weit realistischeren Nuancen spielen und Wirkungen erzielen mit dem Klang, mit Artikulationen, mit der Art, zu projizieren. In der Festival Hall muss man «feuern», und wenn man feuert — in perfekter Analogie zur menschlichen Stimme — tönt es hässlich, jede Tonqualität ist völlig abwesend und alles, was man sagen will, klingt unmöglich und anfechtbar, sogar wenn es «Ich liebe Dich» ist. Im symphonischen Blechsatz — ermutigt von Dirigenten, die es immer lauter haben wollen — machen meine Kollegen (die ich liebe, bewundere und respektiere!) und ich einen Lärm, den wir nicht gerne haben, auch wenn er der akzeptierte Masstab geworden ist. Ich spreche nicht von Mangel an dynamischer Spannweite. (Auch das pianissimo klingt sehr gut bei vielen Leuten). Ich bin besorgt über den gegenwärtigen Charakter des Klangs.
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Brass Bulletin 47, III / 1984 Seiten 19–24
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