Der Anstoss
Von Louis Davidson
Der Anstoß
Da alle Aspekte des Trompetenspiels mit dem Anstoß untrennbar verknüpft sind, ist es logisch, daß dieser unser erstes Thema sein soll.
Die Wichtigkeit eines guten Anstoßes kann nicht genug betont werden. Ob man nun gebunden oder gestoßen, hoch oder tief, fortissimo oder pianissimo blase — am Anfang steht immer ein angestoßener Ton. Mehr als jede andere Technik muß der Anstoß dem Bläser so natürlich, so unkompliziert, so sehr eine Reflexhandlung werden wie Atmen oder Gehen. Dazu gelangt man am ehesten, wenn man sich stets bewußt ist, daß ein Ton — ob hoch oder tief, laut oder leise — umso natürlicher und sicherer angestoßen werden kann, je weniger Aufhebens man davon macht, je weniger man ihn vorbereitet. Bevor man einatmet, um einen Ton anzublasen, sollten die Lippen einen Moment lang eine Stellung absoluter Ruhe einnehmen, um jeglicher Neigung vorzubeugen, die Lippenspannung für den zu blasenden Ton bereits vor dem Anstoß einzustellen.
Ein Anstoß gilt dann als gut, wenn der Ton frei beginnt, weder zögernd noch forciert, klangschön, unmittelbar und präsent, ohne das geringste Luftgeräusch und — selbstverständlich — ohne eine Spur von Kiekser. Dies zu erreichen, erfordert perfekte Koordination der drei Grundfaktoren beim Anstoß: Lippen, Atem und Zunge. Agiert einer von ihnen nicht genau zur rechten Zeit, so wird der Anstoß schlecht.
Wenn die Zunge auch nicht bei jedem Bläser an genau derselben Stelle anstoßen mag, so liegt der Berührungspunkt doch im allgemeinen so etwa dort, wo Gaumen und obere Schneidezähne zusammentreffen. Nie sollte die Zunge, bevor sie beim Anstoß die Luft freigibt, starr an diesem Berührungspunkt verharren, sondern sich viel eher etwa wie Paukenschlägel verhalten, wenn der Pauker leise auf das Fell schlägt: der kurzen Auf- und Abwärtsbewegung der Schlägel entspricht eine kurze Vor- und Rückwärtsbewegung der Zunge. Doch nicht der Vorstoß der Zunge ist es, der den Ton beginnt, sondern ihr Rückzug; durch diesen wird die Luft freigegeben, welche die Lippen in Schwingung versetzt.¹
Wenn es auch einige hervorragende Bläser gibt, die zwischen den Zähnen anstoßen, so bilden sie doch eher eine Ausnahme als die Regel. Welche Stellung die Zunge nach ihrer Rückwärtsbewegung einnimmt, hängt davon ab, welche der drei Silben «ta», «tu» oder «ti» (für die tiefe, mittlere bzw. hohe Lage) artikuliert worden ist. Bei «ta» wölbt sich die Zunge nach unten gegen den Mundboden, bei «tu» liegt sie flach in der Mitte des Mundes, und bei «ti» wölbt sie sich nach oben gegen den Gaumen. Dies sei nur nebenbei erwähnt, für diejenigen, welche unsicher sind, ob sie richtig blasen, weil sie spüren, daß die Zunge nach dem Zurückziehen unterschiedliche Lagen einnimmt. Hauptsache ist, daß der Punkt, wo die Zunge anstößt, immer derselbe ist, unabhängig von der Höhe, Lautstärke oder Artikulationsart (hart oder weich) des zu blasenden Tones.
Das Gefühl für die genaue zeitliche Abstimmung der beim Anstoß beteiligten Vorgänge kann man sich aneignen, indem man den Bewegungsablauf beim Anstoß vorerst ohne Mundstück und Instrument durchspielt und die Koordination der drei Grundelemente beim Anstoß — Atem, Zunge und Lippen — übt. Sobald sich dabei ein Gefühl von Natürlichkeit eingestellt hat, sollte man dazu übergehen, das Anstoßen von Tönen auf dem Mundstück allein zu üben. Dabei sind die folgenden Schritte strikte einzuhalten (die Wichtigkeit genauer zeitlicher Abstimmung sei abermals unterstrichen):
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