Das falsche Blech?
Von Rudolf Lewy
Im Gegensatz zum Klavier, welches als Allerweltskerl einen sehr unbeschreibbaren Charakter haben muss, der zwischen den einzelnen Instrumenten liegt, ist das moderne Orchester zusammengesetzt aus einer Vielfalt von deutlich sich unterscheidenden Individuen, die ihrerseits zum Teil typische und unterscheidbare Familien bilden. Für lediglich kleine Ensembles wie Streichquartette oder Hotel-Orchester, die einerseits eine Art von extrem erweitertem Klavier darstellen wollen und gleichzeitig als Ersatz für ein ganzes Orchester dienen, sind Instrumente mit einem eher unbestimmten Charakter angezeigt. Eine Geige kann, wenn es sein muss ‘‘pfeifen’’ oder ‘‘dröhnen’’, ein Cello ‘‘singen’’ oder ‘‘brüllen’’, und in einer kleinen Band mag ein Mellophon wohl ein Kornett, eine zweite Posaune oder ein Horn ersetzen, obwohl oder gerade deshalb weil es eigentlich weder das eine noch das andere ist. Die Arbeit im vollständigen Orchester dagegen wird vom Prinzip der Treue der Partitur gegenüber beherrscht, was nichts anderes bedeutet, als dass man genau die Instrumente verwendet, die der Komponist verlangt, und in keiner Weise einen Ersatz. Besonders im Hinblick auf den zeitgenössischen Stand der Instrumentenkunde kann es keineswegs mehr gerechtfertigt werden, wenn man dem Publikum für gutes Geld falsches Blech verkauft.
Eine Abweichung von den Angaben der Partitur ist nur angezeigt, wenn ein gewisses Instrument offensichtlich nur genannt wird als Ersatz für ein anderes, das musikalisch oder technisch angemessener wäre, das zu jener Zeit jedoch nicht existierte oder dem Komponisten nicht bekannt war oder praktisch nicht erreichbar schien. Wenn heute dieses bessere Instrument (besser hinsichtlich des Werks, nicht hinsichtlich unserer Sympathie oder unserer Bequemlichkeit) zu unserer Verfügung steht, so sind wir ermächtigt oder sogar verpflichtet, es zu benützen. So können wir gewisse Unzulänglichkeiten in den Stimmen verbessern und dadurch den Wunsch des Komponisten erfüllen, welcher zu seiner Zeit frustriert war.
Zudem tauchen in vielen Partituren und noch häufiger in den Stimmen, die aus ihnen kopiert wurden, die fantastischsten Namen für Instrumente auf, und manchmal ist es gar nicht einfach, herauszufinden welches Instrument ursprünglich gemeint war. Unwissenheit, Konservatismus und schnelles Zufriedensein (d.h. Schlampigkeit) auf der einen Seite, der verwegene Wunsch zu «modernisieren» und der eingebildete Glaube, dass man es besser weiss als der andere, arbeiten hier Hand in Hand. Aber für die Entscheidungen des ernsthaften Musikers unserer Tage kann dies alles kein Gewicht haben.
Keinesfalls sollte jemand versuchen einzuwerfen, dass «man» eben das eine oder andere mache, dass sogar der berühmte Dirigent X., das philharmonische Orchester von Y., der grosse Virtuose Z. den Gebrauch eines Instrumentes, welches nicht in der Partitur steht, selber benützen oder ihn erlauben. Wir wollen die Fehler von Leuten, die in ihrem speziellen Gebiet vielleicht ausgezeichnete Experten sind, nicht nachahmen; sie haben vielleicht keine ausreichenden Kenntnisse der Instrumente oder dann nicht genügend Gewissenhaftigkeit, um sie auch zu benützen.
I.
Eine Trompete ist kein Kornett und kein Flügelhorn und umgekehrt. Zwischen ihnen besteht der gleiche Unterschied der Familienzugehörigkeit wie zwischen Posaune, Horn und Tuba. Spieler und Instrumentenmacher haben gesündigt, indem sie versuchten, diese Unterschiede zu verwischen oder zu verschmelzen. Sie haben dadurch eine Verarmung der Palette von instrumentalen Farben herbeigeführt. Dies wird besonders dringlich in Blechblaskapellen empfunden, die noch mehr als gemischte Orchester auf die Unterscheidung von mehreren instrumentalen Farben angewiesen sind. Die echte Trompete sollte für wenigstens zwei Drittel ihrer Länge zylindrisch sein; das Kornett beginnt mit einem schmalen Mundrohr und weitet sich dann kontinuierlich (hyperbolisch), ausser natürlich in der Ventil-Maschine; das Flügelhorn ist mit der gleichen Ausnahme in der ganzen Länge konisch und kommt dann sogar ohne ausweitende Stürze aus. Zusätzlich braucht das Flügelhorn noch ein tiefes kesselförmiges Mundstück, das Kornett ursprünglich sogar ein konisches Mundstück, das heisst dasjenige eines Waldhorns, denn es stellt ja den Diskant des Horns dar und wurde anfänglich auch von Hornspielern gespielt. Es ist überflüssig, hier noch in Erinnerung zu rufen, dass die Bezeichnung «Piston» für Kornett keinen Sinn ergibt. Das war immer falscher Sprachgebrauch und ist heutzutage sogar absurd, nachdem alle Blechblasinstrumente mit Ventilen ausgerüstet sind, einige mit Pumpventilen (Piston), andere mit Cylinderventilen.
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