BrassBulletin

Internationales Magazin für Blechbläser

Brass Bulletin 30, II / 1980 (Seite 61–68) · 6 Min. Lesezeit
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Die Anwendung geistiger Kräfte in der Instrumentalpraxis

Entspannung, Konzentration und mentale Vorstellung verändern die technische Arbeit und verbinden Selbstvertrauen mit instrumentaler Kontrolle.
Die Anwendung geistiger Kräfte in der Instrumentalpraxis

In einem früheren Beitrag habe ich von der Bedeutung der Entspannung in der Instrumentaltechnik gesprochen. Entspannung, die verhältnismässig leicht durch entsprechende Übungen erreicht werden kann, entsteht nur dank der Einschaltung des Geistigen. In der Tat; wollen wir unseren Körper entspannen, verlagern wir unseren Geist, unsere Aufmerksamkeit, unsere Gedanken in diesen oder jenen Körperteil und geben Befehl zur «Entspannung». Unser Geist aber verfügt noch über ganz andere Fähigkeiten, und seine Macht ist wirklich grossartig.

Die positiven Gedanken

Die Einstellung, mit der wir die spezifischen Probleme unseres Instrumentes angehen, ist ebenso wichtig wie die Arbeit, welche diese Probleme lösen soll.

Überlegen wir doch: wenn wir überzeugt sind, eine bestimmte Passage nicht spielen zu können, wegen — sagen wir mal — ihrer Geschwindigkeit, die wir trotz harter Arbeit nie erreichen konnten, werden wir in der Tat die betreffende Passage nie schaffen. Hingegen, sollte es uns gelingen, dem Problem mit einer positiven Einstellung entgegenzutreten, das heisst, wenn wir zuerst versuchen zu verstehen, warum die «Technik», die uns fehlt, unerreichbar bleibt, um dann die Arbeit in einer besseren geistigen und psychologischen Verfassung nochmal zu machen, dann, erst dann, werden wir gute Chancen haben, zum ersehnten Ergebnis zu gelangen.

Damit will ich nicht behaupten, nichts sei unmöglich, und es genüge, etwas zu beschliessen, etwas zu wollen, um es zu erhalten. Dann gäbe es nämlich nur noch Übermenschen und überbegabte Instrumentalisten. Ich behaupte nur, dass solche Techniken sehr wichtige Hilfsmittel sind, die uns in die Lage setzen, aus unseren Fähigkeiten ein Höchstmass herauszuholen.

Die positive Einstellung ist von höchster Bedeutung beim Anpacken irgendeines Problems, sogar beim Studium irgendeines Fachgebietes oder in unserem Fall bei der Überwindung der spezifischen Schwierigkeiten unseres Instrumentes. Das möchte ich hier anhand von Experimenten, die an Schulen eines Nachbarlandes durchgeführt worden sind, beweisen:

Dort wurden in einigen zufällig ausgewählten Klassen einer oder zwei der schwächsten Schüler für folgenden Versuch ausgewählt: diese «schlechten Schüler» liess man glauben, dass sie rasche Fortschritte machten; und wenn es so weiterginge, könnten sie bald an der Klassenspitze stehen. Mit eingeweiht wurden ihre Lehrer, ihre Eltern und einige ihrer Klassenkameraden. Zum Beispiel sagte ihnen der Lehrer nach einem Test, dass sie auffallende Fortschritte machten, dass sie es weiter so halten sollten; gelegentlich bestellte sie der Schuldirektor in sein Büro, nur um ihnen zu gratulieren und für weitere Fortschritte gut zuzureden. Später kamen noch ihre Eltern von der Elternversammlung zurück und erklärten ihnen, dass sie zum erstenmal erfahren hätten, dass alle mit ihren Leistungen zufrieden seien, dass ihre Fortschritte ihre Lehrer in Verwunderung versetzten... usw. Dazu kamen noch die Sprüche der eingeweihten Kameraden, die ihnen gelegentlich sagten, dass sie auf der Hut seien, weil sie in Anbetracht ihrer Fortschritte befürchteten, von ihnen überholt zu werden.

Dieses Experiment ist grossartig gelungen, da die meisten der ausgewählten Schüler bemerkenswerte Fortschritte aufzuweisen hatten, die nicht anders zu erklären waren als durch den Versuch selbst. Hier liegt also schon eine Möglichkeit unseres Geistes, die uns behilflich sein dürfte, wenn es uns allerdings gelingt, uns davon zu überzeugen, dass wir eine gewisse Virtuosität erreichen können (um auf unser voriges Beispiel zurückzukommen). Eine Möglichkeit, die aber auch denjenigen unserer Schüler, denen es an Selbstvertrauen fehlt, einen grossen Dienst erweisen dürfte. In diesem Fall gehört es zu den Pflichten des Lehrers, sie von ihren Fähigkeiten zu überzeugen.

Um aber einen derartigen Versuch bei sich selbst mit Erfolg durchzuführen, muss folgendes psychologisches Gesetz erkannt worden sein:

Wir kennen alle den Aphorismus «wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg». Aber es genügt eben nicht, etwas zu wollen, um es zu bekommen. Ich gehe sogar weiter: je mehr man etwas will, umso weniger wird man es bekommen. Die Willensanstrengung ruft unvermeidlich die entgegengesetzte Wirkung hervor. Wir haben es hier mit einem Gesetz der Psyche zu tun, das von Emile Coué, dem Vater der Lehre von der Autosuggestion, bewiesen worden ist.

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