Brass Bulletin 29, I / 1980 (Seite 61–66) · 5 Min. Lesezeit
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Entspannung und Instrumentaltechnik

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Entspannung und Instrumentaltechnik

Wenn der Musiker sein Instrument spielt, so ist letzteres die Verlängerung seines Körpers. Er muss sozusagen mit ihm verwachsen sein, eins mit ihm sein, es wirklich und aus der Tiefe herausfühlen.

Musik ist Kunst, Kunst ist Ausdrucksmittel. Ausdruck bedient sich des Körpers, des Geistes.

Welches auch unser Instrument sei, wir drücken uns durch unseren Körper und unseren Geist aus. Musik, die wir lesen oder spielen, wird in konventionellen Zeichen dargestellt, welche von unserem Verstand nach Entzifferung an unseren Körper (die somatische Ebene) übermittelt werden. Einer bestimmten Note entspricht ein bestimmter Fingersatz, einer bestimmten Phrase entspricht eine bestimmte Folge von Fingerbewegungen, einer bestimmten Höhe entspricht eine bestimmte Luftverdichtung, eine bestimmte Anspannung der Lippen...

Danach erst kann Musik entstehen. «Inspiration», Musikalität, Gefühlswerte, die in die Phrasen eingehen sollen, können sich erst kundtun, wenn unser Verstand in der Lage ist, dem Körper die entzifferten Zeichen entkrampft zu übermitteln, und der Körper seinerseits fähig ist, diese Zeichen ebenso entkrampft aufzunehmen und zu beantworten. Es ist gewiss sehr schwer, diesen Zustand zu erreichen, es wird wohl ein ganzes Leben kosten, ihn zu erreichen (wenn er je erreicht wird); der Weg dahin führt über die Entspannung.

Was uns betrifft, muss diese Entspannung vollständig sein, das heisst körperlich und geistig zugleich.

In den gängigen Unterrichtsmethoden überschattet das Musikinstrument, welches es auch sei, alles andere, sowohl beim Lehrer wie beim Schüler. Wäre es aber nicht wichtiger, das wirkliche, das wesentliche Instrument, das heisst das menschliche Instrument in einem höheren Grad verfügbar und leistungsfähig zu machen? Im Grunde, wenn wir üben (— unser Instrument bearbeiten), muss denn nicht unser Körper die Arbeit leisten, verrichtet nicht unser Körper die Übungen, wiederholt nicht unser Körper die technisch schwierigen Stellen, hält denn nicht unser Körper das Musikinstrument, mit dem es umzugehen heisst und das dann die Töne erzeugt? Wer sonst überträgt durch die Geige, die Oboe oder die Trompete die Wärme, die Inspiration, die Gefühlswerte, die von den anderen (den Empfängern, dem Publikum) je nach Empfänglichkeit aufgenommen werden, und zwar nicht nur nach dem Grad der eigenen Aufnahmefähigkeit, sondern hauptsächlich auch der Gemütsstimmung der Künstlerpersönlichkeit (des Senders)?

Wenn der Musiker sein Instrument spielt, so ist letzteres die Verlängerung seines Körpers. Er muss sozusagen mit ihm verwachsen sein, eins mit ihm sein, es wirklich und aus der Tiefe herausfühlen.

Es liegt mir fern, die Bedeutung unseres Instrumentes herabzusetzen — es spielt unbestreitbar eine wichtige Rolle. Ich behaupte aber, dass das andere Instrument, dasjenige, das alles macht, noch wichtiger ist. Deshalb scheint es mir unerlässlich, das erste (unseren Körper) vor dem zweiten gründlich zu kennen. Mir ist nämlich oft aufgefallen, dass viele Menschen sich selbst nicht kennen, sich ihres Körpers in keiner Weise bewusst sind, also auch nicht der parasitären Spannungen, die schon seit geraumer Zeit ihren Körper befallen haben.

Wie entstehen solche parasitären Spannungen?

Wenn wir einen Muskel für eine physische Leistung angespannt haben, entspannt er sich auf ganz natürliche Weise, sobald die Anstrengung nachlässt. Es wird behauptet, dass die natürliche Entspannung umso vollkommener ist, je stärker die Anspannung gewesen ist. Im Gegenteil: wenn die Anspannung schwach gewesen ist, folgt eine schlechte Entspannung.

Wenn wir unser Instrument spielen, beanspruchen wir bestimmte wesentliche Muskeln in ausreichendem Grad, um ihre natürliche Entspannung zu verursachen. Es kommt aber oft vor, dass Muskeln mitangespannt werden, die wir überhaupt nicht beanspruchen, die aber aus gespeicherter Reaktion mitarbeiten, Muskeln also, die sich ganz und gar nutzlos zusammenziehen, und deren Anspannung nicht stark genug ist, um die Entspannung zu bewirken. Solche schwachen Anspannungen bleiben also nach der Arbeit bestehen. Nach und nach häufen sie sich derart, dass wir uns völlig unbewusst an eine permanente Spannung gewöhnen, die langsam an Stärke zunimmt.

Wenn solche Anspannungen auf mehrere Muskeln wirken, entsteht eine dauernde Belastung, eine beträchtliche Energieausgabe, die wir besser einsetzen könnten. Folglich ist es sehr wichtig, über einen ausgeglichenen Tonus der Muskeln und der Nerven zu verfügen und die Muskeltätigkeit allein auf die benötigten zu beschränken. Ihre Lokalisation kann nur dann erfolgreich sein, wenn man gelernt hat, seinen Körper zu «fühlen», ihn von innen zu fühlen, zuerst den Unterschied zwischen entspanntem und angespanntem Muskel zu erkennen, dann seine Muskeln selbst zu kontrollieren, ihren Spannungszustand zu meistern, kurz, wenn man sich seiner selbst bewusst ist, sich kennt, sich zu kontrollieren, leiten, beherrschen weiss.

Wir Bläser wissen, dass Virtuosität von einer guten Synchronisation des Atems, der Lippen, der Zunge und der Finger abhängt. Das Zusammenwirken der Bewegungen hängt vom Zustand der Muskeln und der Nerven ab. Virtuosität kann nur dann verbessert werden, wenn wir uns dieser «Bewegungen» (Atem, Lippen, Zunge, Finger) bewusst sind, wenn wir sie kontrollieren und meistern können, um die notwendige Synchronisation zu erhalten.

Das Geheimnis von Kunstfertigkeit, Schnelligkeit und Virtuosität auf dem Instrument liegt in unserer Präsenz in jedem Punkt unseres Körpers.

Um gewisse Schwierigkeiten der Finger zu beheben (verkrampfte oder lasche, schwere oder schlecht synchronisierte Finger), muss die Ursache oft in Spannungszuständen gesucht werden.

Es steht fest, dass für die meisten Instrumentalisten eine grosse Fingerfertigkeit unentbehrlich ist; von ihr hängt die Virtuosität hauptsächlich ab. Nun sind aber parasitäre Spannungen in der Schultermuskulatur oft die Ursache von Fingerverkrampfungen. Wie viele Instrumentalisten haben verkrampfte Schultern, aus Gewohnheit und ohne es auch nur zu ahnen!

Umgekehrt kann man feststellen, dass bei verkrampften Fingern die Hand verkrampft ist, die Verkrampfung sich im Arm fortsetzt und schliesslich bis in den Kapuzenmuskel reicht. Und da Spannungen symmetrisch entstehen (d.h. wenn der linke Arm verkrampft ist, dann verkrampft sich unvermeidlich auch der rechte), ergibt sich ein Verkrampfungszustand in beiden Schultern und nicht nur in der Schulter, die den angespannten Fingern entspricht. Wenn auch die Spannung in der anderen Schulter nicht wahrgenommen wird, so ist sie doch vorhanden.

Das kann z.B. beim Schreiben festgestellt werden, wobei die unbeschäftigte Hand sich mitanspannt, oder beim Tragen eines Eimers: auch die andere Hand und der andere Arm spannen sich an.

Wenn wir uns nun bemühen, die Schultern durch dynamische oder statische Entspannungsübungen zu lockern, verwenden wir eine symptomatische Behandlung, ohne an den wirklichen Herd heranzukommen. Vor einem solchen Lockerungsversuch sollte man nach der wahren Ursache forschen, um die Verkrampfung ein für allemal loszuwerden.

Wir dürfen auch nicht vergessen, dass bei Anspannung eines Körperteils eine Verengung der Blutgefässe stattfindet, was schlechtere Durchblutung der Muskulatur bedingt; daraus folgen wiederum geringere Sauerstoffversorgung der Muskelgewebe und mangelhafte Entfernung der Stoffwechselendprodukte.

Geistige Entspannung

Bekanntlich wirken sich sämtliche geistigen Spannungszustände auf den Körper aus: Sorgen, Unruhen, Befürchtungen, Ängste, Stress, Konflikte, Verdrängungen werden auch physisch empfunden und lassen keine tiefe Entspannung zu. Umgekehrt haben auch physische Spannungszustände eine Auswirkung auf die Psyche, wobei unbewusst eine psychische Hemmung der schöpferischen Kräfte und der Ausdrucksmöglichkeiten der Künstlerpersönlichkeit entstehen kann.

Hinzu kommt, dass unnötige Anspannungen unnötige Gedanken hervorrufen, und umgekehrt. Ein Beispiel: Versuchen Sie, wenn Sie in eine im höchsten Grade enervierende Unterhaltung verstrickt sind, einige Sekunden abzuschalten, klar zu sehen und Ihrer physischen Anspannung bewusst zu werden. Wenn Sie im Entspannen trainiert sind, merken Sie sofort, wie Ihre Schultern sinken, wie eine angenehme, wohltuende Lockerung einsetzt. Und Sie werden wahrnehmen können, wie auf diese physische Entspannung das Abnehmen, wenn nicht Verschwinden der geistigen Erregung folgt.

Zusammenfassend:

— geistige Verkrampfungen (Aufregung) rufen körperliche Verkrampfungen hervor;

— physische Lockerung erlaubt die psychische Entspannung (Beruhigung).

Ich bin davon überzeugt — und deshalb handelt ein Kapitel des zweiten Teils meines *Buches von Entspannung und schlägt zahlreiche Übungen vor —, dass es für uns Bläser besonders wichtig ist, unseren Körper zu kennen, seine Tätigkeit zu kontrollieren und zu leiten; wir müssen das vollkommene Zusammenwirken, die perfekte Synchronisation aller Körperteile, die am Umgang mit dem Instrument beteiligt sind, erreichen können, um in der Lage zu sein, uns ungehemmt auszudrücken.

Natürlich geschieht das über unser Instrument, vor allem aber dank unserem entspannten Körper und freien Geist, dank der hundertprozentig verfügbaren menschlichen Maschinen, dank dem perfekten Gleichgewicht zwischen Körper und Geist.

* Michel Ricquier, «Traité méthodique de pédagogie instrumentale», 2ᵉ édition, 1976.

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