BrassBulletin

Internationales Magazin für Blechbläser

Brass Bulletin 31, III / 1980 (Seite 3–4) · 3 Min. Lesezeit
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300 Jahre Horn in Böhmen

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300 Jahre Horn in Böhmen

Zu unserem Titelbild*

Es muss im Jahre 1680 oder 1681 gewesen sein, als der junge Graf Franz Anton von Sporck (1662-1738) als Kavaliersgast und Höfling Ludwigs XIV. in Versailles vom prächtigen Klang der «Cors et Trompes de Chasse» berauscht, im Überschwang seiner Begeisterung beschloss, in seiner böhmischen Heimat eine ähnliche Jagdmusik einzurichten.

Er blieb seinem Vorsatz treu und wurde nicht nur der Kunst des Jagdhornblasens ein Mäzen von beispielloser Grosszügigkeit, sondern gründete auch ein eigenes Hausorchester, führte die italienische Oper in Böhmen ein und empfing vor allem als oberster Jagdherr und Statthalter Böhmens auf seinem Residenzschloss Lissa (Lysá nad Labem, ČSSR) die Erlauchten ganz Europas zu seinen verschwenderischen Jagdfesten.

Er stiftete den vielbegehrten St.-Hubertus-Orden und liess zu Ehren Kaiser Karls VI. goldene Medaillen prägen. Feierlich überreichte er sie bei den alljährlichen Hubertusjagden am 3. November besonders verdienten Ordensmitgliedern. Es ist ganz selbstverständlich, dass sich der Ruf so prunkhaften Gebarens weit über die Landesgrenzen hinaus verbreitete und seine protzigen Jagd-Festivitäten alsbald mancherlei Nachahmung erfuhren.

Besonders im benachbarten Dresden versuchte August der Starke (1694-1733 Kurfürst von Sachsen) es Graf Sporck gleichzutun, ja ihn zu übertreffen. Dazu brauchte er vor allem Hornisten, und die besten, die er bekommen konnte, kamen aus der «Böhmischen Schule». Nun waren die Dresdner Hofkapellmeister ihrerseits bestrebt, die Jagdmusik noch künstlerisch zu steigern und suchten als Berufene das meist recht rohe Jagdgetön auch kompositorisch zu kultivieren.

Musikalisch immer anspruchsvoller werdende Jagdfanfaren wurden zu virtuosen Hornpartien innerhalb der wichtigsten Sätze umfangreicher «Jagd-Kantaten» und gelegentlich wurde dem «neuen» Horn auch schon deutlich gefühlsbetonte Töne abverlangt. Das Jagdhorn kam auf den besten Weg, sich zum echten und rechten Musikinstrument zu entwickeln. Immer mehr waren die Bläser, die so trefflich brillante Fanfaren zu schmettern verstanden, nun auch bemüht, auf ihren Hörnern «singend» zu musizieren.

August der Starke muss sehr wohl gespürt haben, dass sich mit diesem Fortschritt ein recht beträchtlicher Umschwung, wenn nicht gar ein ganz neuer Anfang anbahnte. Als echter Barock-Fürst, der alles Zeitgeschehen stets zu sich selbst in enge Beziehung setzte, liess er einen dieser neuen Hornisten besonders prächtig porträtieren.

Dieses Abbild sollte eigentlich nur eins innerhalb der grossen, von ersten Künstlern geschaffenen Bildnis-Sammlung werden, die vielerlei Masken-, Kostüm- und Uniform-Figuren repräsentativ vereinigte. Ganz gewiss wurde sie nur deshalb angelegt, der Nachwelt den Reigen aller derer vorzuführen, die letztendlich zu dem alleinigen Zweck zu den grossen Hoffesten, Jagden, Umzügen und Maskeraden herbeigeeilt kamen, um dem Kurfürsten als Souverän zu huldigen.

Wir wissen nicht, was August den Starken bewogen haben könnte, gerade das Bild unseres Hornisten dazu zu bestimmen, die schwerlederne Einbanddecke der Sammlung auf so reichem Goldgrund prächtig zu schmücken. Es ist auch nicht ganz sicher, welcher Meister das unsignierte Bild gemalt hat. Es könnte aber der berühmte Jagdszenen-Maler, -Zeichner und -Kupferstecher Johann Elias Ridinger (1698-1769) gewesen sein. Gekannt hat er es ganz gewiss, denn er fertigte nach diesem Prunkstück einen nur in Nebensachen leicht abgeänderten Kupferstich. Bezeichnenderweise gab er ihm den Titel «Das Gehör».

Nach nunmehr drei Jahrhunderten, in denen uns auch die feudalsten Mitglieder des St.-Hubertus-Ordens zu höchstens nur noch historischen Figuren geworden sind, kann uns aber unser Titelbild noch immer Symbol eines der ersten aus der sich immer wieder erneuernden Bruderschaft aller Hornisten sein, die es tatsächlich verstanden hat, sich über die ganze weite Welt hin Gehör und Geltung zu verschaffen.

Ihre aus Böhmen zu uns gekommene Kunst ständig pfleglich und fortentwickelnd zu fördern, sei auch weiterhin unsere selbstverständliche Pflicht; die in diesen frühen Zeiten verloren gegangene Kunst ihres Clarin-Blasens rückblickend wie auch immer wiedererweckend nachzuvollziehen, jedoch unser Verdienst.

* Erstmals veröffentlicht in Brüchle/Janetzky, Kulturgeschichte des Horns, Verlag Hans Schneider, Tutzing 1976.

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