Brass Bulletin 39, III / 1982 (Seite 26–38) · 15 Min. Lesezeit
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Das Pareforcehorn, seine Geschichte, seine Technik, seine Musik

Zwischen höfischer Jagd, musikalischer Überlieferung und lebendiger Praxis blieb eine Klangsprache erhalten, die sich über Jahrhunderte kaum verändert hat.
Das Pareforcehorn, seine Geschichte, seine Technik, seine Musik

Seit ihrem Entstehen hat sich die klassische Musik ohne Unterlass gemäss dem Geschmack der grossen Epochen ihrer Geschichte entwickelt. Nach der barocken Epoche wurde sie romantisch, nach der tonalen Epoche atonal, war ständig auf der Suche nach sich selbst und erfand sich selber ständig neu. Die Jagdmusik, auch «de chasse à courre», Hetzjagd, genannt, verfolgte einen andern Kurs. Ihre Entwicklung verlief fortlaufend ins 18. Jahrhundert hinein und kam dann zu einem Stillstand. Bis in die Gegenwart hinein führt sie eine der schönsten und lebendigsten Traditionen fort, typisch französisch in ihrer Art.

Diese Tradition ist mit der Geschichte Frankreichs verknüpft und vor allem mit der Geschichte seiner Könige. In der Tat sind sie alle Jäger gewesen, und fast alle haben das Jagdhorn geblasen: Karl der Grosse, der sich seinen Beititel «der Grosse» durch eine Mutübung während einer Jagd erworben hat; Louis IX., der sich mit seinem Jagdhorn begraben liess; François I., welcher als Vater der Jäger betrachtet wird; Charles IX., der gemäss seinem Chirurgen Ambroise Paré mit 24 Jahren starb, «weil er sich mit dem Spiel des Jagdhorns zu sehr ermüdet hatte», bis zu Louis XV., welcher mit dem Marquis de Dampierre den Höhepunkt der Jagdmusik persönlich kannte und welcher vermutlich der letzte König war, der selber das Jagdhorn blies.

Welches ist der Ursprung des Jagdhorns?

«Der Herr sprach zu Mose und sagte: “Mach dir zwei Hörner aus Silber.”» Diese Worte, die uns durch das zehnte Kapitel im 3. Buch Mose der Bibel überliefert sind, stellen vermutlich die älteste Erwähnung dieses Instrumentes dar.

Ist die richtige Bezeichnung «trompe» oder «cor»? Diese beiden Begriffe werden vom Laien gleicherweise benützt. Beiden ist jedoch eine ganz genaue Bedeutung eigen. Dem Begriff «trompe» liegt das lateinische Wort «tuba» zugrunde, welches ein Rohr aus Metall bezeichnete. Im Laufe der Jahrhunderte wurde daraus «trumba», etymologisch die Vorform von «trompe» und «trompette». Dem Begriff «cor» liegt das lateinische Wort «cornu» zugrunde, welches seinerseits vom griechischen Wort «keras» abstammt. Das Wort «cornu» bezeichnete ein Rinderhorn. Indem man einem hohlen Horn die Spitze abschnitt, erhielt man ein «cor». Aus «cornu» wurde später «corna», im alten Französisch dann «corn», woraus als Abkürzung «cor» entstand. Die Verwirrung zwischen den Begriffen «cor» und «trompe» bestand seit jeher. Seit dem Mittelalter nannte man einen Spieler der «trompe» oder «trompette» «trompeur» oder «trompeor», ein Ausdruck, der bald nur noch die Trompetenbläser bezeichnete. Die Spieler des «cor» wurden «corneurs» genannt und ihre Tätigkeit corner. Erst nach 1750 tauchte der Ausdruck «cor de chasse» auf, um dieses Instrument vom «cor d’harmonie» zu unterscheiden. Seit Ende des 18. Jahrhunderts jedoch ist der genaue Begriff für den Fachmann «trompe de chasse», Jagdhorn (Pareforcehorn), und wenn man auf dem Jagdhorn spielt, so nennt man das «sonner de la trompe».

Die Geschichte des Jagdhorns und seines Baus ist uns vor allem durch Bilder, Stiche und Wandteppiche bekannt, deren Hersteller des öfteren berühmte Künstler waren. Während das Horn ursprünglich aus einem Rinderhorn hergestellt wurde, konstruierte man es später aus Metall. Die Stiche aus dem Werk des Jacques de Fouilloux mit dem Titel La Vénerie zeigen es uns schon 1561 mit einer Volute, das heisst zu einem Kreis gerollt.

Zur Zeit François I. wurde das Instrument länger, und man brachte darauf Töne in zwei verschiedenen Klangfarben hervor, im «ton gresle» und im «gros ton». Unter der Herrschaft von Henri IV., das heisst gegen 1600, tauchte ein Horn auf, welches 2,27 m lang war, sechs oder acht Windungen aufwies und «La Maricourt» genannt wurde; (für die Hasenjagd wird dieses Horn noch heute benützt).

Gegen 1680 stellt man das Erscheinen eines Horns in C fest, welches eine Oktave tiefer gestimmt ist als die Kavallerietrompete. Es ist auf eine Windung gerollt und misst 2,27 m. Der Durchmesser des Schalltrichters misst 14 cm. Das Exemplar, das uns erhalten geblieben ist, wird im Jagdmuseum von Senlis bei Compiègne aufbewahrt. Wahrscheinlich handelt es sich bei diesem Horn genau um das Modell, welches der Graf von Sporck 1680 anlässlich einer Reise an den Hof Louis XIV. in Versailles entdeckte und in der Folge in Böhmen einführte.

Im Jahre 1705, gegen Ende der Herrschaft von Louis XIV., tauchte ein neues Horn auf. Es ist in D wie alle, die ihm folgen würden. Es ist auf anderthalb Windungen gerollt, misst 4,545 m und hat einen sehr grossen Durchmesser von 73 cm. Dabei handelt es sich nun um das Horn von Dampierre; eines dieser Exemplare ist im Museum des Konservatoriums von Paris zu besichtigen.

Nach 1729 rollte Lebrun, ein Instrumentenbauer, dieses grosse Horn auf zweieinhalb Windungen, was eine Reduktion des Durchmessers auf 55 cm ermöglichte. Zu Ehren der Geburt des ersten Sohnes von Louis XV., taufte Lebrun dieses Horn auf den Namen «La Dauphine». Exemplare dieses Typus sind uns in grosser Zahl erhalten geblieben.

Gegen 1830 lässt der Sohn von Louis-Philippe, der Duc d’Orléans, dieses Horn auf dreieinhalb Windungen rollen und verringert damit den Durchmesser auf 45 cm. Dieses Horn, das man zuerst «demi-trompe», Halbhorn, nannte, nahm bald darauf die Bezeichnung «trompe d’Orléans» an. Zuerst wurde es vom Bauer Raoux hergestellt, dann von seinem Lehrling François Périnet, und so nahm es schliesslich den Namen «trompe Périnet» an. Das ist das Horn, welches heute in Gebrauch ist.

Da man das Horn um den Hals trug, wurden die Varianten seiner Windungszahlen von der Kleidermode bestimmt. Der grosse Durchmesser von «La Dauphine» stand mit Sicherheit mit der Mode des Zweispitzes in Zusammenhang.

Das Haus Périnet gibt es bis auf unsere Tage. Die Hörner werden heute von Michel Bureau gebaut. Gemäss der Dicke des verwendeten Metalls unterscheidet man verschiedene Kategorien von Hörnern. Sie beeinflusst das Gewicht und damit auch die Klangfülle des Instruments. Die üblichsten Modelle sind die «trompe de Piqueux», welche ungefähr 940 Gramm wiegt, und die «trompe de Maître», welche 840 Gramm wiegt. Man kann das Alter eines Périnet-Horns an der Inschrift erkennen, die über der Girlande des Schalltrichters angebracht ist. Die Illustration (Ill. 1) zeigt ein Horn, das zwischen 1870 und 1874 gebaut wurde.

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