Brass Bulletin 38, II / 1982 (Seite 9–14) · 6 Min. Lesezeit
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Zuhören

Jenseits der Konzertetikette hinterfragt Jeffrey Agrell Hörgewohnheiten und stellt kritisches Urteilen einer offenen, aufmerksamen Wahrnehmung gegenüber.
Zuhören

«Wenn einer mal wirklich zuzuhören begonnen hat, dann kann er sich keinen Begriff mehr machen.»

— John Cage

Als Konzertgänger empfindet man es als äußerst störende Ablenkung, wenn der Sitznachbar während der Darbietung mit jemandem spricht, selbst wenn sich die Unterhaltung um Musik dreht. Doch genau dies ereignet sich allzu oft in der Weise, daß die störende Stimme in unseren eigenen Köpfen erklingt.

Dank einem reichen Arsenal an Themen und Kniffen ist derjenige Teil unseres Gehirns, der verbal denkt, in der Lage, sein kleines Stimmchen pausenlos quasseln zu lassen. Der Stoff reicht von Alltagssorgen («wie stell' ich's nur an, morgen Wäsche zu machen und den Wagen zur Werkstätte zu bringen?») über belanglose Äußerlichkeiten («diese Sessel drücken..., weshalb machen die Musiker keine freundlicheren Gesichter?») bis zu allen möglichen Urteilen und Vergleichen bezüglich der Musik («die Berliner spielten das letztes Jahr besser..., auf meiner Plattenaufnahme kommt das besser zur Geltung..., der Dirigent hat keine Ahnung, wie der Komponist diese Durchführung gemeint hat...»).

Solche inneren Monologe — vor allem die beiden ersten Arten — entspringen der natürlichen Neigung der Gedanken, möglichst oft umherzuschweifen, ob mit oder ohne Absicht. Diese Tendenz wird durch verschiedene Züge der westlichen Zivilisation verschärft. Aus zahllosen Quellen überfluten uns Wörter, Wörter und nochmals Wörter: aus Rundfunk, Fernsehen, Zeitungen, Zeitschriften, Werbung, in der Schule und bei der Arbeit — Stimmen, die sich alle um unsere Aufmerksamkeit (und gewöhnlich auch um unser Geld) reißen. Diese Konkurrenz fördert die Praxis der Medien, Schlagworte über Substanz zu stellen: da geht alles schnell, schneller, am schnellsten, ist noch neuer, noch maximaler und sensationeller als je zuvor. Entsprechend wird das tägliche Leben beschleunigt: schnelle Autos, Schnellimbisse, Leistungs- und Produktionsdruck, Konsumzwang.

Unser Denken beschäftigt sich noch so gerne mit diesen Dingen: Hauptsache, es kann sich in Trab halten. Die Aussichten auf Momente der Ruhe und Einsamkeit sind gering. So sind viele von uns zu eigentlichen Stress-Süchtigen geworden: Stille und Alleinsein, das Ausbleiben der zudringlichen Reize des «modernen Lebens» und der von ihm ausgelösten Adrenalin-«Schüsse» bewirken lästige Entzugserscheinungen. Ein Konzertsaal mag äußere Ablenkung auf ein Minimum reduzieren, doch wie den inneren Lärm abschalten, den in Gang zu halten wir uns so lange geübt haben?

«Wenn wir stolz sind, dann hindert uns dieser Stolz daran, ganz klar zu beobachten.»

— John Cage

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