Ungeachtet seiner enormen Belastung (Orchesterdienst, Unterricht, Arbeit an der Dissertation) bildet er sich unentwegt solistisch weiter, indem er sich das Schwierigste im Hornrépertoire erarbeitet und in Konzerten im Konservatorium, am Fernsehen, Radio und anderen Musikstätten Moskaus auftritt.
Das Resultat: am nächsten internationalen Wettbewerb in Wien (1959) wird er Gewinner der Goldmedaille und des ersten Preises. Das war nicht nur sein persönlicher internationaler Triumph, sondern auch ein Erfolg für die sowjetrussische Bläserschule. Vor der Grossen Sozialistischen Oktoberrevolution hatten die ausländischen Kritiker der russischen Schule nämlich schon gar keine Beachtung geschenkt.
Im Jahre 1955 gewann der schon erfahrene Orchestermusiker und weltberühmte Solist Vitalij Bujanovskij das Probespiel für die Solohornistenstelle im Verdienten Kollektiv der Republik des Sinfonieorchesters der Leningrader Philharmonie, wo er bis auf den heutigen Tag wirkt.
In mehr als zwanzigjähriger Tätigkeit spielte er im Orchester die Soloparte aller bedeutenden symphonischen Werke, darunter nahezu alle Symphonien von Schostakowitsch, Prokofjew, Mahler, Brahms, Mozart, Beethoven, Berlioz und vielen andern.
Er hatte das Glück, mit so hervorragenden Dirigenten unserer Zeit wie Jevgenij Mravinskij, Benjamin Britten, Kurt Sanderling, André Cluytens, Kirill Kondraschin, Lorin Maazel, Igor Markewitsch und vielen anderen zusammenzuarbeiten, deren Einfluss sein künstlerisches Wachstum ebenfalls förderte.
Mit dem Orchester ist Bujanovskij in allen Metropolen der Welt aufgetreten, und seine Meisterschaft hat bei Zuhörern, Musikerkollegen und in der Presse stets Bewunderung erregt.
So schreibt z.B. ein Rezensent in London begeistert über die virtuose Aufführung des schwierigen Hornparts in Schostakowitschs Cellokonzert.
Eine Wiener Zeitung über die Aufführung der 5. Symphonie von Tschaikowskij (1956):
«W. I. Genssler und Vitalij Bujanowskij sind ausgezeichnete junge Solisten, Meister ihres Fachs, welche die klanglichen und dynamischen Nuancen vom zartesten Pianissimo bis zum satten, kräftigen Fortissimo virtuos beherrschen und auch glänzend phrasieren.»
Ähnliche Kritiken erschienen über Konzerte in den USA, in Australien, Österreich, Finnland und Japan.
Immer wieder wird Bujanowskij zu verschiedenen Symposien, pädagogischen Vorträgen und Konferenzen mit Vorlesungen und Soloauftritten eingeladen.
So ist er Mitglied der internationalen Hornistengesellschaft und der internationalen Blechbläservereinigung, wo er mehr als einmal mit Vorträgen, Konzerten und Meisterkursen in Erscheinung getreten ist und seine Erfahrungen mit ausländischen Kollegen ausgetauscht hat, so bei den europäischen Hornseminaren in Norwegen und Finnland, wo Hornisten aus aller Welt zugegen waren.
An den Schlusskonzerten solcher Seminare tritt er in der Regel als Solist und als Dirigent des oft 30- bis 40köpfigen Hornchores auf. Das Programm dieser grandiosen Hornensemble-Konzerte besteht meist aus Bearbeitungen und originalen Kompositionen Bujanowskijs.
Ähnliche Konzerte und Seminare führt er auch innerhalb der Sowjetunion durch. In den letzten drei Jahren fuhr er zu diesem Zweck jeweils nach Moskau, Nowosibirsk oder Petrosawodsk. Im Januar 1973 veranstaltete er in Leningrad mit grossem Echo das erste landesweite Seminar für Hornisten.
Viel Energie verwendet Vitalij Michailowitsch auch auf seine Solistentätigkeit. Er hat mit Orchester alle Konzerte Mozarts, Haydns, Goedickes, Hindemiths und zahllose andere aufgeführt. Sein Solorépertoire würde Seiten in Anspruch nehmen.
Seine Konzertauftritte im Saal des Leningrader Glasunow-Konservatoriums, in der Philharmonie oder in umliegenden Städten treffen stets auf grösstes Interesse bei den Musikfreunden.
Ein solches Konzert fand im Februar 1977 in Petrosawodsk statt, an dem Bujanowskij mit dem Orchester des Karelischen Rundfunks und Fernsehens unter der Leitung von Eduard Tschivschel seine Villanellen spielte.
Das war eine einmalige Offenbarung des Künstlers, die beim Publikum eine ganze Reihe verschiedener Gefühle hervorrief. Der herrlich geschmeidige Ton, die äusserst virtuose Intervalltechnik, über deren Schwierigkeit nur Eingeweihte Bescheid wissen können, und der bezaubernde Glanz seines Spiels erweckten an jenem unvergesslichen Abend ungewöhnliche Begeisterung.
Es dauerte lange, bis die Leute den Solisten gehen liessen.
Am folgenden Tag spielte er ebenso grossartig die beiden Sonaten für Horn und Klavier von Hindemith.
Einen besonderen Platz in Bujanowskijs Konzerttätigkeit nimmt die Kammermusik ein. Er ist Initiator und Gründer des Klassischen Bläserquintetts der Leningrader Philharmonie und leitet es schon seit über 20 Jahren.
In seiner ersten Besetzung spielten Preisträger des Rejcha-Wettbewerbs in Prag (1953), nämlich Lew Perepjelkin (Flöte), Wladimir Kurlin (Oboe), Michail Ismailow (Klarinette), Ljew Petscherskij (Fagott) und Bujanowskij (Horn).
Alle Mitglieder sind Solobläser der Leningrader Philharmonie (ausser Perepjelkin, der Soloflötist im Kirow-Theater ist).
Die junge Gruppe erregte schon mit ihren ersten Konzerten die Aufmerksamkeit des anspruchsvollen Leningrader Publikums und wurde bald dessen Liebling.
Sicher gibt es im weltweiten Répertoire klassischer und moderner Musik für diese Besetzung kaum ein Stück, welches nicht auch im Répertoire dieses Quintetts figurieren würde.
Dem Wirken dieses Ensembles sowie den persönlichen Beziehungen Vitalij Bujanowskijs ist es zuzuschreiben, dass viele sowjetische Komponisten eigens für dieses Quintett neue Werke schrieben, in welchen sie den individuellen Möglichkeiten jedes Mitglieds Rechnung trugen.
So schrieb, in Bujanowskijs Auftrag, der Komponist B. Saweljew seine Suite für Bläserquartett zum Quintett um und fügte gleich noch eine zweite Suite dazu; S. Slonimskij schrieb Dialoge, Jurij Falik das Kammerballett Die Hanswürste.
Dazu kommen Quintette von L. Prigoschin, A. Manewitsch, G. Taranow, Ch. Otsa, W. Kappa und viele andere.
Zu allen Zeiten haben grossartige Bläser die Komponisten zu neuen Werken für ihr Instrument angeregt. Berühmt sind etwa die Freundschaften zwischen Mozart und dem Klarinettisten Stadler sowie dem Hornisten Leutgeb, zwischen Brahms und dem Klarinettisten Mühlfeld, zwischen C. M. von Weber und Baermann.
Die Werke, zu denen sie Anlass gaben, gehören zum eisernen Bestand des Répertoires.
Ähnliche Freundschaften liessen auch ungezählte moderne Partituren entstehen, die für die zeitgenössische Bläserquintettmusik repräsentativ werden sollten.
Darüber der Schöpfer der Hanswürste, Jurij Falik:
«Mit grossem Vergnügen ging ich damals an die Arbeit an diesem Quintett, weil ich mich im voraus auf die Zusammenarbeit mit diesem Ensemble freute.
Seine Entstehung und sein erfülltes künstlerisches Dasein verdankt das Quintett Vitalij Bujanowskij.
Er ist nicht nur ein hervorragender Hornsolist, Ensemblespieler und Pädagoge, sondern auch ein unermüdlicher Pionier der Musik, voller interessanter Pläne und Ideen.
Viel tat er z.B. für die Entstehung des «Kammerballetts» in Leningrad, eines neuen Ensembles, welches Musik für Bläserquintett mit plastischer choreographischer Darstellung verbindet (auf sein Ersuchen schrieb ich seinerzeit das Kammerballett Die Hanswürste).
Charakteristisch für Bujanowskij ist seine breite und vielseitige kulturfördernde Tätigkeit, etwas, das eigentlich allen grossen Künstlern eigen ist.»³
Nicht weniger talentiert ist Bujanowskij als Pädagoge.
Von seinem Vater (Michail Nikolajewitsch Bujanowskij war der älteste Professor des Konservatoriums von Petersburg/Leningrad und stammte seinerseits aus einer Musikerfamilie; sein Vater war Flötist im Symphonieorchester am Zarenhof gewesen) erbte Vitalij Michailowitsch die besten Traditionen und Errungenschaften der russischen Musizier- und Unterrichtspraxis, welche im ausgehenden 19. Jahrhundert begründet worden war.
Im Laufe seines über 25jährigen pädagogischen Wirkens hat es Bujanowskij verstanden, den Ruhm der Leningrader Hornschule⁴ noch zu vergrössern.
In diesen Jahren wurde von ihm eine ganze Reihe ausgezeichneter Musiker ausgebildet, welche die Kunst des Hornspiels im In- und Ausland propagieren.
Zu seinen bekanntesten Schülern zählen Andrej Gluchow, Solohornist im Akademischen Symphonieorchester der Leningrader Philharmonie und Preisträger des internationalen Wettbewerbs in Genf; ebenso der Preisträger des baltischen Hornwettbewerbes, Solohornist im Orchester des Estnischen Rundfunks und Lehrer am Estnischen Konservatorium, Uwe Uustalu, der Solohornist des Symphonieorchesters des Kirow-Theaters, P. Jewstignejew, und schliesslich der Solohornist des Symphonieorchesters der Leningrader Philharmonie, Preisträger des internationalen Anatolij-Suchorukow-Wettbewerbes und des internationalen Wettbewerbes in Prag, Stanislaw Tsess.
Vor der Oktoberrevolution unterrichteten in Russland mangels einheimischer Lehrkräfte hochqualifizierte Musiker aus verschiedenen europäischen Ländern.
Heute möchten umgekehrt junge Musiker aus fast allen Ländern Europas in die Klassen Vitalij Bujanowskijs oder seiner Kollegen eintreten. Nicht wenige haben diese Ausbildung bereits durchlaufen und wirken jetzt erfolgreich in ihren Heimatländern, wo sie die Methodik der russischen Hornschule propagieren.
Doch mit besonderer Vorliebe widmet sich Bujanowskij seiner pädagogischen Arbeit an der Zehnjahresschule am Konservatorium, wo er eine ansehnliche Klasse unterrichtet.
Ungeachtet seiner vielen Tätigkeiten findet er noch immer Zeit, seine immense Erfahrung der jungen Generation weiterzuvermitteln.
Sein pädagogisches Prinzip, die streng individuelle Auseinandersetzung mit jedem Schüler, welche nicht nur sein Alter, sondern auch seine physischen und psychischen Besonderheiten berücksichtigt, ermöglicht es Bujanowskij, mit einem breiten Arsenal von pädagogischen Mitteln bedeutende Erfolge zu erzielen.
In der pädagogischen Arbeit führt Vitalij Bujanowskij die traditionelle sowjetrussische Pflege des Ensemblespiels in der Klasse weiter, und das kommt nicht von ungefähr.
Am Petersburger Konservatorium hatte der legendäre Kornettist und Dirigent Wilhelm W. Wurm die Klasse für Zusammenspiel von Blechbläsern gegründet.
Ziel des Ensemblespiels war die Vorbereitung auf den Beruf des Orchestermusikers, und dem entsprach auch die Auswahl und Bearbeitung des Répertoires.
Alle folgenden Generationen von Bläserpädagogen am Leningrader Konservatorium folgten dieser Tradition, im Unterschied zu anderen Konservatorien, wo das Ensemblespiel in der Regel zum Fach Kammermusik gehört, welches oft von Pianisten unterrichtet wird, die weder das Répertoire noch die Besonderheiten des Orchesterspiels kennen.
Bujanowskij beginnt den Unterricht im Ensemblespiel mit Gruppen von jeweils einer Instrumentengattung (Duette, Trios und Quartette für Hörner) und führt dann nach und nach auch andere Instrumente ein, und zwar bereits während der Zehnjahresschule.
Auf diese Weise erarbeitet sich der Schüler im Laufe seines Studiums alle Grundlagen des Zusammenspiels, welche ein Orchestermusiker so dringend benötigt.
Zu diesem Zweck hat Bujanowskij ungeheure Arbeit geleistet, was die Auswahl des Répertoires betrifft und hat Sammlungen von Vortragsstücken und Orchesterstellen sowie Bearbeitungen einzelner Partituren herausgegeben, welche bis anhin vielen Pädagogen und Musikern nicht oder kaum bekannt gewesen waren.
Bei der Bearbeitung und Herausgabe von Unterrichts- und Spielliteratur für Horn richtete Bujanowskij sein Augenmerk auf alle jene Mängel, von denen viele bisherige Schulen, Ausgaben und Unterrichtshilfen wimmeln.
So entstand die Idee, die ganze pädagogische Erfahrung nutzbar zu machen, welche sich im Laufe von mehr als hundert Jahren in der Leningrader Hornschule angesammelt hatte, beginnend bei Friedrich Homilius, Jan Tamm und fortgesetzt von Michail Bujanowskij: die heutigen Professoren, Vitalij Bujanowskij und Pavel Orechow schreiben nun gemeinsam eine Hornschule.
Bujanowskijs Vielseitigkeit ist ungewöhnlich. Kaum zu glauben, dass ein Einzelner nur schon rein physisch eine derartige Fülle von verschiedenen Aufgaben — und dazu noch schöpferischen Aufgaben — bewältigen kann.
Man braucht nur einen Arbeitstag im Leben des Vitalij Michailowitsch herauszugreifen (eigentlich freie Tage kennt er nicht!), an welchem er nicht seiner Hauptbeschäftigung, dem Orchesterdienst, obliegt: Von 8 bis 10 finden wir ihn in der Blasinstrumentenfabrik, wo er ständiger Berater und, in einer Art Doppelstellung, auch Vertrauensmann des Konservatoriums ist, für dessen Schüler er an diesem Morgen Mundstücke auswählt und die zahlreichen damit verbundenen Formalitäten erledigt; danach, von 10 bis 11, Frühstück und Fahrt zum Konservatorium; von 11 bis 16:30 Uhr Unterricht an der Zehnjahresschule; von 17 Uhr bis ?? Uhr Schallplattenaufnahmen für die Firma Melodija (bisher sind es ihrer rund 30 gewesen).
Und so befrachtet ist fast jeder Tag.
Aber wann er noch Zeit für eine weitere seiner Leidenschaften findet — die Komposition — das dürfte sein Geheimnis bleiben.
Er hat Stücke für Trompete, Horn, Sammlungen von Vortragsstücken und unzählige Bearbeitungen für Hornensembles von 12 bis 18 Spielern verfasst, eine Solosonate, dem bundesdeutschen Hornisten Hermann Baumann gewidmet, ein Stück für Horn und Klavier für den Hornisten Peter Damm aus der DDR, ferner eine Sonate für vier Pedalpauken und viele andere Instrumentalwerke, welche im In- und Ausland mit Erfolg aufgeführt werden.
Ein Teil seiner Werke ist bereits im Druck erschienen: Fünf Stücke für Horn im Verlag Musyka, oder Die wilde Jagd, Fantasie über ein Thema aus dem Freischütz (Peter Damm gewidmet), bei Sowjetskij Kompositor, 1976.
Seine bisher wichtigsten Werke sind zwei Ballette für Kammerensemble, Polyphem (inszeniert im Studio der Lenfilm) und Legende (über japanische Themen).
Aus Bujanowskijs Feder stammen sodann ein Buch über das Horn (Verlag Musyka, 1971) und der Artikel «M. N. Bujanowskij als Hornist und Pädagoge» (in der Sammlung Methodik des Unterrichts auf Blasinstrumenten, 1976).
Dem Urteil Dimitrij Schostakowitschs über Bujanowskijs Persönlichkeit ist nicht zu widersprechen:
«Seine Kunst ist hochstehend und streng; ihm eignen ein tadelloser musikalischer Geschmack, ein edler Ton, Beherrschtheit des Gefühls und ein feines Gespür für die Wiedergabe des spezifischen ideellen Gehalts eines Werkes in Entsprechung zu seinem Charakter und Stil [...] Gegenwärtig widmet er sich einer Vielzahl von kreativen und forschenden Tätigkeiten.»⁵