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Individualität und Uniformiertheit der Blechbläser
Durch Radio, Schallplatte, Tonband, Fernsehen und Zeitschriften (siehe BRASS BULLETIN), aber auch durch immer häufigeren direkten Kontakt zu Musikern aus anderen Ländern und Kontinenten haben wir einen Informationsfluss, von dem Generationen vor uns nur geträumt haben.
Die Kommunikation ist aber nicht zuletzt auch einer der Gründe für ein wesentliches Merkmal unserer Zeit, nämlich alles möglichst international zu standardisieren. Was indessen für Wissenschaft, Technik und andere Bereiche des Lebens von Vorteil ist, zeigt sich in verschiedenen künstlerischen Bereichen eben als negativ. Auch wir Blechbläser sind meines Erachtens davon nicht verschont geblieben.
Obwohl ich nur einen Einblick in die Welt der Blechbläser habe (keinen Überblick), möchte ich trotzdem versuchen, einige Gedanken dazu zu äussern. Man müsste annehmen, je grösser der Einblick in das internationale Blechbläsergeschehen ist, desto mehr müsse sich uns eine ungeheuer grosse Vielfalt von Klangfarben auf der Palette der Blechblasinstrumente erschliessen. Diese Erwartung bestätigt sich aber leider nur teilweise.
Immer wieder kann man bei den ganz grossen unseres Fachs beobachten, dass sie alle eines gemeinsam haben, nämlich Musikalität und Virtuosität als notwendige Voraussetzung für ihr hohes Niveau. Ihre individuelle musikalische Ausstrahlung wird letztlich durch ihre Persönlichkeit und auch durch nationale Eigenarten geprägt. Da fällt es einem schwer zu sagen, wer von ihnen der Beste ist. Eine Wertung kann man nicht geben. Hier kann nur noch unser persönlicher Geschmack entscheiden. Dieser ganz persönliche Geschmack kann und darf aber zu keiner allgemeingültigen Bewertung führen. Und das ist gut so. Sprechen doch alle verschiedene musikalische Sprachen und jeder sagt es wunderbar auf seine ganz spezifische Art und Weise. Das herrliche an der Musik ist doch gerade die unwahrscheinliche Vielfalt der persönlichen Gestaltung, besonders auch der Klangfarben in allen ihren Schattierungen.
Im Gegensatz dazu kann man feststellen, dass bei Ensembles und Solisten mit durchschnittlichem Niveau (und das sind die meisten) wirklich oftmals ein Ei dem anderen gleicht. Und wenn es nicht ganz so ist, kann man sich doch des Gefühls nicht erwehren, dass das zumindest angestrebt wird. So habe ich das Empfinden, dass vor allem jede klangliche Individualität internationalen Trends zum Opfer fällt. Ein Weltklang beherrscht das musikalische Mittelfeld der Blechbläser!
Das Aufgreifen von Modeströmungen, Nachmachen und Nachempfinden von musikalischen Auffassungen und Klangklischees, die fern unserer eigentlichen Natur und Umgebung liegen, wird uns keine Verbesserung bringen. Dieses Anpassen, dass immer nur Nachahmung sein kann, entbehrt jeglicher Eigenständigkeit und Überzeugungskraft. In Anbetracht dieser Tatsache wäre es geradezu lächerlich, einen allgemeinen Zeitgeschmack zur Grundlage oder vielleicht sogar zum Qualitätsmassstab einer Wertung zu erheben.
Ist die allgemeine Verflachung der vielen nationalen und regionalen Strömungen, die meiner Ansicht nach immer mehr voranschreitet, nicht in den negativen Auswirkungen der Kommunikation zu suchen?
Können wir eine derartige Entwicklung positiv werten? Wir entziehen uns den musikalischen Boden auf dem wir stehen und wissen nicht einmal wo wir wieder Halt finden werden. All zu schnell wird etwas aufgegeben und nur langsam, wenn überhaupt, vermag etwas völlig Neues Frucht zu bringen.
Es ist sicher wichtig uns weltweit zu informieren, wir brauchen uns deshalb aber nicht gleich bedingungslos all diesen Informationen auszuliefern und in ihre Abhängigkeit zu geraten. Andererseits müssen wir uns auch auf unsere nationalen und regionalen Traditionen besinnen, nicht aber in diesen erstarren. Licht- und Schattenseiten müssen wir deutlich erkennen. Unsere Aufgabe sehe ich im sorgfältigen Trennen von Wesentlichem und Unwesentlichem in überlieferten Gewohnheiten und in der gut abgewägten Ergänzung unseres Erbes durch wirklich sinnvoll Neues.
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Brass Bulletin 52, IV / 1985 Seiten 74–78
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