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Brass Bulletin 45, I / 1984 Seite 18–30 · 18 Min. Lesezeit

Die Blechblasinstrumente in den Opern von Berlioz

Bei Berlioz werden Hörner, Posaunen, Kornette und Saxhörner zu dramatischen Kräften, die Distanz, Feierlichkeit, Angst und orchestrale Farbe prägen.
Die Blechblasinstrumente in den Opern von Berlioz

Dieser Artikel ist ein Auszug aus einer Abhandlung mit dem Titel «Das Orchester in den Opern von Berlioz», die der Autor im April 1983 an der Ecole Pratique des Hautes Etudes in Paris vorlegte.

Die Verweise im Text werden durch die Initialen der Operntitel angegeben (T = «Les Troyens», BC = «Benvenuto Cellini», BB = «Béatrice et Bénédict»), denen die Seitenzahl nachgestellt ist (T 643 = «Les Troyens», S. 643).

Die Belege aus «Les Troyens» und «Béatrice et Bénédict» beziehen sich immer auf die neue Bärenreiter-Ausgabe. Bei «Benvenuto Cellini», der noch nicht in dieser Ausgabe erschienen ist, beziehen wir uns auf die alte Ausgabe von Breitkopf & Härtel aus dem Jahre 1901.

Einleitung

Von allen Instrumenten-Familien im Orchester hat sich diejenige der Blechbläser in der Zeit Berlioz’ am meisten entwickelt; sie hat an Boden gewonnen und sich einen Platz erobert, welcher demjenigen der andern Orchestergruppen beinahe gleichkommt. Vor allem setzt sie sich durch ihre klangliche Quantität durch, durch ihre Kraft, die diejenige der andern Gruppen bei weitem übertrifft.

Zudem haben die Blechbläser indirekt zur Vergrösserung der andern Familien beigetragen, die dieser Klangmasse irgendwie begegnen mussten und sich deshalb ihrerseits verstärkten. Im klassischen Orchester treten die Blechbläser aus ihrer angestammten Rolle heraus, die sich auf die Fanfare oder die ausgehaltenen Töne der Hörner beschränkte. Sie wurden zur stählernen Grundlage des Tutti und verliehen ihm diese Weite, die den Zuhörer physisch packt und ein Symphoniekonzert zu jener unwiderstehlichen Erfahrung macht, die den ganzen Menschen erfasst.

Berlioz war weder der einzige noch der erste Komponist, der das Blech in diesem neuen, romantischen Sinn einsetzte, aber wie überall in seiner Orchestersprache macht er es auf die bewussteste, die abwechslungsreichste und die wirksamste Art und Weise. Weder in der Virtuosität noch in der melodischen Expressivität kann sich das Blech mit den Holzbläsern oder den Streichern vergleichen, aber es hat dennoch einen sehr grossen Aktionsradius, der sich von der traditionellen Verwendung im militärischen und feierlichen Bereich bis zur zartesten Träumerei erstreckt.

Die Blechbläser sind als Gruppe weniger homogen als die Holzbläser oder die Streicher; sogar ihre Zusammensetzung ändert sich von Stück zu Stück. Die Hörner sind als einzige beinahe ständig vorhanden, während die andern je nach Bedarf erscheinen oder verschwinden. In BB, die als komische Oper ohnehin nur ein leichtes Orchester aufweist, verzichtet Berlioz in mehreren Stücken ganz auf Blech (Nr. 6, 12) und gibt sich in anderen mit lediglich zwei Hörnern zufrieden (Nr. 4, 7, 8); die Verwendung sämtlicher Blechbläser bleibt der Ouvertüre, dem Finale und der Szene 14 vorbehalten.

In BC werden die Posaunen erst vom 2. Akt an eingesetzt. Ihr häufiger, ja fast ständiger Einsatz charakterisiert das Orchester der «Troyaner», das eine dunklere Klangfarbe erfordert. Die Kombination von Hörnern mit Kornetten und Trompeten ergibt ein strahlenderes und durchdringenderes Resultat als die Kombination von Hörnern mit Posaunen, die schwerer, dumpfer und geheimnisvoller wirkt. Die Verbindung von Trompeten mit Posaunen, ohne Hörner, kommt praktisch nicht vor.

Für die dynamische Abstufung des Blechs vertraut Berlioz nicht ausschliesslich der Verstärkung und Abschwächung des Tons durch die Bläser, sondern er «komponiert» sie, indem er allmählich Instrumente hinzufügt oder wegnimmt. Ein Stück, das diese Technik auf beachtliche Weise illustriert, ist «Marche et Hymne», Nr. 4 der «Troyaner»; da spielen die Blechbläser eine zentrale Rolle, und es finden sich alle quantitativen Abstufungen von zwei bis zwölf Instrumenten (Beispiel 1), immer gemäss der gewünschten Intensität und dem Klangvolumen.

Beispiel 1Marche et Hymne, Nr. 4 der Troyaner

Beispiel 1

Marche et Hymne, Nr. 4 der Troyaner

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