Abbildung 1
Es spricht für die Begabung der Musiker, dass binnen kurzer Zeit hervorragende Leistungen erzielt wurden. So führte György Zilcz das Konzert für Posaune von Albrechtsberger auf und machte eine Schallplattenaufnahme des gleichen Werkes. Ferenc Tarjáni, Hornkünstler, gab in den vergangenen Jahren Konzerte mit grossem Erfolg sowohl in Europa als auch in den Vereinigten Staaten. Imre Magyari, der 22-jährige Hornspieler, trug den ersten Preis in den musikalischen Wettbewerben von Pabjanica (Polen) und Markneukirchen (DDR) davon. István Palotai (22 Jahre alt) und Pál Petz (25) erwarben den ersten Preis in dem im vergangenen Jahr in Vercelli (Italien) veranstalteten Trompetenwettbewerb. Pál Petz hat in der letzten Konzertsaison das Trompetenkonzert von Haydn und das Brandenburgische Konzert Nr. 2 mit grossem Erfolg vorgetragen.
Zur Entwicklung der ungarischen Blechmusikkultur trug die Edition Musica, Budapest in grossem Masse bei. Der Verlag liess für alle Blechblasinstrumente eine Schule für Anfänger komponieren. Zur Förderung der musikalischen Fähigkeiten der Schüler dienen zahlreiche Sammlungen, wie z.B. die «Trompetenmusik für Anfänger» (Abb. 1), deren Einzelbände Einblick in alle Epochen der Musikgeschichte, von der Renaissance bis zu unseren Tagen gewähren.
Die im Verlag erschienenen Duos für Horn, Trompete und Posaune, die gleichfalls mehrere musikgeschichtliche Epochen umfassen, fördern die Entfaltung der Fertigkeiten des gemeinsamen Musizierens. Die Kammermusik ist im Rahmen des Blechblasinstrumentstudiums ein Pflichtgegenstand auf allen Niveaus der Musikschulen. Der Unterricht auf diesem Gebiet ist auch von mehreren Veröffentlichungen unterstützt, so z.B. durch die «Einführung in die Praxis des gemeinsamen Musizierens», die eine Zusammenstellung des Verfassertrios Máriássy-Varasdy-Zilcz ist, oder durch die von Imre Lubik herausgegebenen Madrigale und vorklassischen Tänze und die Renaissance-Tänze von Gervaise in der Betreuung von Frigyes Varasdy.
Die zeitgenössischen ungarischen Komponisten haben etwa 40 Kammerwerke für Blechensembles geschaffen. Im weiteren möchte ich bloss einige Werke hervorheben, ohne dabei eine Rangordnung aufzustellen.
István Láng
István Láng hat sein Werk «Cassazione» für drei Trompeten, zwei Posaunen und Tuba im Jahre 1971 komponiert. Die Form dieses fünfsätzigen Stückes weicht von dem Gewohnten ab: dem schnellen ersten Satz folgt der zweite in noch schnellerem Tempo, der dritte und vierte Satz sind langsam und der letzte Satz ist wiederum schnell. Der erste Satz ist eine moderne Formulierung der klassischen Intrada. Am Anfang des zweiten Satzes ist innerhalb der Aleatorik eine Komposition mit dem Aufbau von einem Kanon zu finden (Abb. 2).
Die Klangwelt der zwei langsamen Sätze ist grundverschieden: der dritte Satz ist eine Arie, in der die Melodie der Tuba von den gedämpften Trompeten und Posaunen «frullato» begleitet wird; der vierte Satz ist weniger vom Melodischen geprägt, sondern vielmehr aus eigenartigen Klangfarbeneffekten zusammengestellt. Die gemeinsamen Oberton-Glissandos der Trompeten und Posaunen bilden ein virtuoses, interessantes Mittel des Schlusssatzes (Abb. 3). Der Komponist verwendete viele moderne instrumentartige Kompositionstechniken in diesem Stück und nützte die in den Instrumenten innewohnenden Möglichkeiten maximal aus.
Abbildung 2, 3
István Bogár
István Bogár hat «Drei Sätze für Blechquartett» (zwei Trompeten, Posaune, Tuba) 1972 komponiert. Seine Kompositionsweise ist mehr traditionsgebunden als das vorher besprochene Werk. Die Aufmerksamkeit möchte ich hier auf den zweiten Satz lenken, der aus einem Thema und neun Charaktervariationen besteht. Mehrere Variationen sind für Blechblasinstrumente nicht charakteristisch, aber gerade ihre Ausarbeitung und Vervollkommnung trägt zur Entwicklung des Blechensembles bei, so zum Beispiel die 8. Variation, in der zwei gedämpfte Trompeten die Melodie der Posaune in der Art der Harfe begleiten (Abb. 4).
In der 3. Variation soll die Aufmerksamkeit auf die genaue Ausführung der Stimmenübernahme gerichtet werden. Einige Variationen machen das Karikierenvermögen der Instrumente zunutze, wie z.B. die 4. Variation, die die Atmosphäre der Volksblechensembles wachruft.
Abbildung 4
Miklós Kocsár
Miklós Kocsár schuf sein «Trio für Blechblasinstrumente» (für zwei Trompeten und Posaune) noch auf der Akademie. Das Stück folgt dem klassischen Formprinzip: der erste Satz ist eine Sonate, der zweite eine dreiteilige Form, der Schlusssatz ein Rondo. Der Musikstoff ist polyphonisch, der Kammermusizieren von hohem Niveau verlangt.
Alle drei Instrumente spielen eine sowohl technisch als auch musikalisch gleichwertige Stimme. Der Komponist ist mit den Möglichkeiten der einzelnen Instrumente völlig im klaren, da er selbst mehrere Jahre hindurch Posaune spielen lernte. Dieser Umstand ist besonders in dem ersten Satz auffallend, wo das fanfarenartige Hauptthema den Eigenheiten des Instruments entspricht und dem ein weiches Nebenthema folgt, das sich dem Charakter der Posaune ausgezeichnet fügt. In der Wiederkehr ist die Melodie der Posaune von der Trompete imitiert. Diese Verdichtung hebt den Schluss des Satzes besonders hervor.
Der zweite Satz ist lyrisch im Charakter, eine Kantilene mit durchbrochener Melodie und eigentümlich neuartigen Harmonien. Der Schlusssatz ist ein schwunghaftes, virtuoses Stück. Das Trio ist eines der meistgespielten Kammerwerke für Blechblasinstrumente, weil es den Eigenheiten der Instrumente Rechnung trägt, die Trompetenstimmen nicht allzu hoch sind, so dass es auch von Schülern mit geringeren Kenntnissen vorgetragen werden kann. Zur gleichen Zeit kann es infolge seiner musikalischen Werte und der Virtuosität der Anfangs- und Schlusssätze auf jeglicher Konzertbühne bestehen.
András Szőllősy
András Szőllősy komponierte «Musiche per Ottoni» für drei Trompeten, zwei Posaunen und Tuba im Jahre 1975. Das Werk besteht aus zwanzig kürzeren oder längeren Sätzen, in einer Zusammenstellung, die von Duos bis zu Sextetten allerlei Formen umfasst. Der Komponist hat es vor allem als «Kammeretüden» gedacht, kann aber in Konzerten in einer jeweils verschiedenen Auswahl als Suite vorgetragen auch mit grossem Erfolg gespielt werden.
Die Sätze sind teilweise traditionell (wie z.B. Choral, Kanon, Organum), oder aber völlig überraschend im Charakter (Vibrato, Operetta, Glissando). Sowohl die traditionellen als auch die vom Gewohnten abweichenden Titel decken sehr moderne musikalische Mittel und Ausdrucksweise. So scheint z.B. der erste Satz völlig althergebracht zu sein (Intrada), steht aber durch sein kompliziertes rhythmisches Gefüge und seine Harmoniewelt dem Punktualismus näher.
Der Satz «Riflesso» verwendet die Spiegelumkehrung der Zwölftontechnik. In anderen Sätzen kommen Aleatorik und eigenartige Effekte (verschiedene Sordinos, Glissandos, Triller, besondere Repetitionen, usw.) vor. Dieser Zyklus könnte in dem höheren Unterricht als eine Art von Überbrückung zwischen der traditionellen Spielweise und der avantgardischen Vortragsart verwendet werden (Abb. 5).
Abbildung 5
Die ungarischen Blechbläser können neben den erwähnten Stücken noch weitere wertvolle und interessante Werke vortragen. Es sei noch zu erwähnen, dass die Komponisten auch gerne immer wieder neue Werke für die nun ausgezeichneten Vortragskünstler schaffen. Durch die Vermittlung ausländischer Blechbläser erlangen einige zeitgenössische Werke weltweite Verbreitung.
Es ist sehr zu hoffen, dass diese Zeilen das Interesse der Blechbläser auch in anderen Teilen der Welt erwecken und dass sie auch Freude am Vortragen dieser modernen Werke haben werden.