Brass Bulletin 43, III / 1983 Seite 18–24 · 5 Min. Lesezeit

Blechbläser in Rom

Blechbläser in Rom

Blech — RAI Symphony Orchestra of Rome: Carlo Ingrati, Gianni Mazzoni, Massimo Bartoletti, Alfredo Bellacini, Luciano Giuliani, Sandro Verzari, Anna de Francesco, Riccardo Interdonato, Renzo Brocculi, David Short, Stefano Aprile.

Es lag nicht in meiner Absicht, eine umfangreiche Untersuchung über die gegenwärtige Situation der Blechbläser in Italien zusammenzustellen. Aber indem ich mit einigen Musikern des RAI-Symphonieorchesters von Rom plauderte, ergaben sich gleichzeitig die grossen Linien der Probleme, die diese Musiker im Augenblick beschäftigen.

Wie alle Blechbläser in der ganzen Welt wissen unsere italienischen Kollegen, wie man das Leben geniesst. Sie kennen die guten Beizchen und die entscheidenden Regeln der «combinazione», ohne die man in diesem Land aufgeschmissen ist, im täglichen Leben so gut wie im Berufsleben.

Ich bat David Short¹, seit zehn Jahren Solo-Trompeter am RAI-Symphonieorchester, eine kleine, informelle Zusammenkunft mit seinen Blechkollegen des Orchesters zu organisieren.

Indem wie die leckeren Spezialitäten einer der unzähligen Trattorien genossen, die Italien zu einem kulinarischen Paradies machen, entspann sich eine lebhafte Diskussion mit Renzo Brocculi, Anne de Franchesco (Trompete), Stefano Aprile, Gianni Mazoni (Bassposaune), Sandro Verzari (Trompete) und Massimo Bartoletti...

Stefano Aprile²: Was uns in Italien fehlt, ist eine eigentliche Musikkultur. Die politischen Instanzen sind völlig inkompetent und haben keine Ahnung von der grundlegenden Bedeutung dieses kulturellen Bereichs. Wir leben in einem Chaos. Es gibt Leute, die in Gelächter ausbrechen, wenn sie ein Hornetui erblicken...

David Short: Das ist nur allzu wahr! Die RAI zum Beispiel (die im ganzen Land Musiker beschäftigt) versucht sich ihre Orchester vom Hals zu schaffen, indem sie die berufliche Situation blockiert. Die Gehälter werden auf der niedrigsten Stufe eingefroren, was die Rekrutierung sehr erschwert und die Qualität der Orchester senkt.

Gianni Mazoni³: Einverstanden! Die Lage ist tatsächlich schwierig, aber man muss die düstere wirtschaftliche Situation berücksichtigen, die in unserm Lande herrscht. In Italien gibt es ungefähr zwanzig Berufsorchester. Um sie zu unterhalten, braucht es Geld. Was tun, wenn keines vorhanden ist? Zudem: Man hat im Zusammenhang mit den politischen und kulturellen Instanzen vorhin das Wort «Inkompetenz» verwendet. Das ist richtig. Aber diese Inkompetenz ist bei den spezifisch musikalischen Institutionen gleichermassen anzutreffen. Zuviele gute Musiker, die im aktiven Orchesterdienst stehen, erhalten keinen Lehrauftrag, weil diese Posten von «Musikern» blockiert werden, die ihr Instrument gar nicht richtig beherrschen. Man kann sich vorstellen, wie sich das auf das Niveau der jungen Studenten auswirkt...

The David Short Brass Quintet. Stefano Aprile, Massimo Bartoletti, David Short, Renzo Brocculi, Carlo Ingrati.

The David Short Brass Quintet. Stefano Aprile, Massimo Bartoletti, David Short, Renzo Brocculi, Carlo Ingrati.

Stefano Aprile: Vor zehn Jahren verdiente ein Musiker in Italien noch das Gehalt eines — sagen wir — Generals. Heutzutage muss er sich mit dem eines Hauptmanns zufrieden geben. Unsere Kaufkraft wird kleiner und kleiner. Es ist unmöglich, mit einem Orchestergehalt allein in Rom zu leben. Ich selbst befinde mich in einer bevorzugten Lage: ich bin Römer und stehe im Genuss der elterlichen Wohnverhältnisse. Aber ein Auswärtiger muss mit ernsthaften wirtschaftlichen Schwierigkeiten rechnen, wenn er dem Orchester beitritt. Er muss Zusatzarbeit leisten, Privatstunden geben, in einem Konservatorium unterrichten, Schwarzarbeit suchen, Kammermusik spielen usw. Die Tage werden kurz...

Massimo Bartoletti⁴: Mein Fall ist ebenfalls typisch. Ich spiele im Orchester und ich unterrichte, aber es ist mir nicht möglich, vom einen oder andern allein zu leben. Stellen Sie sich vor, unsere hohen kulturellen Instanzen haben sich «Lösungen» ausgedacht, die dem gesunden Menschenverstand zuwiderlaufen und dem gesamten berufsmusikalischen Leben in Italien den Todesstoss versetzen könnten: um mehr Berufsstellen zu schaffen, ziehen sie einfach in Betracht, die Verbindung «Orchester/Unterricht» zu verbieten. Wir kämen alle in eine Notlage... Unsere Gewerkschaften sind machtlos und schlecht strukturiert. Es gelingt ihnen nicht einmal, die elementarsten Gehaltsanpassungen zu erwirken.

Renzo Brocculi⁵: [bricht in schallendes Lachen aus] Meine Geschichte ist ganz einfach. Ich brauch Ihnen bloss meine wöchentliche Agenda anzugeben: Von Dienstag- bis Samstagsabend versehe ich meine Dienste im RAI-Orchester. Samstagnachts kehre ich nach Cesena zurück, wo ich zuhause bin — 350 km von Rom aus. Den Sonntag widme ich meiner Familie. Am Montag unterrichte ich im 70 km entfernten Konservatorium von Pesaro. Ich verlasse Pesaro gegen Dienstagmittag, um für die Probe um acht Uhr in Rom zu sein... und dies immer wieder von vorne!


Was verdient 1983 ein Musiker im RAI-Symphonie-Orchester in Rom?

  • Junger Musiker am Anfang (1. Pult): ca. 800 000 Lire (ca. $ 500.00)
  • Nach 30 Dienstjahren: ca. 1 300 000 Lire (ca. $ 840.00)
  • Zweites Pult: ca. 700 000 Lire (ca. $ 400.00)

Wie man sieht, ist das Leben für diese Musiker nicht einfach. Aber sie sind glücklich, begeistert, Lebenskünstler. Sie bleiben Künstler, deren Grundnahrung die Musik ist, die ihnen im Blute liegt. Alle reckern sich ab wie die Teufel, um sich durchzusetzen. Welch eine Gesundheit!

Die «inkompetenten Autoritäten» können von grossem Glück reden, dass es in ihrem Volk Musiker gibt, für die die Musik um vieles wichtiger ist als soziales Wohlergehen!

Luciano Giuliani

Luciano Giuliani

Luciano Giuliani ist ein Hornist, der ganz unwahrscheinlich begabt ist. Er verbindet auf vollkommene Weise eine aussergewöhnliche Technik mit tiefgründiger Musikalität. 1945 wurde er in Forli geboren. Mit achtzehn erhielt er am Konservatorium G.B. Martini in Bologna sein Diplom «mit Einstimmigkeit». Für die Position des Solo-Hornisten brachte er den 1. Preis zahlreicher nationaler Wettspiele mit: Scala von Mailand, Theater der Oper von Rom. Im Augenblick ist er Solo-Hornist im RAI-Symphonieorchester und unterrichtet im St. Cäcilien-Konservatorium in Rom.

Das Neue Polyphonische Trompeten-Ensemble, Rom

Dieses neue Trompeten-Ensemble besteht ausschliesslich aus jungen und talentierten, italienischen Trompetern, die bei Maestro Sandro Verzari studiert haben. Dieser ist der Leiter des Ensembles. Er spielt als Co-Solist im RAI-Symphonieorchester in Rom.

Das gemeinsame musikalische Rüstzeug verleiht dem Ensemble eine eindrückliche, jedoch unerlässliche Homogenität des Klangs. Das N.P.T.E.R. präsentiert ein Programm mit Werken vom XVI. bis XIX. Jahrhundert und hofft auf diese Weise, die im italienischen Publikum noch stark verankerte Meinung zu beeinflussen, die Trompete sei eher ein militärisches als ein musikalisches Instrument.

In allen Regionen Italiens, wo es spielte, wurde dieses einzigartige Ensemble vom Publikum und von der Presse mit Begeisterung gefeiert. Gegenwärtig bereitet es eine kommerzielle Platte vor, die gegen Ende dieses Jahres erscheinen soll.

The New Polyphonic Trumpet Ensemble — Rome. Mauro Marcaccio, Patrizio Felici, Guido Pezzotti, Mario Colombi, Sandro Chic...

The New Polyphonic Trumpet Ensemble — Rome. Mauro Marcaccio, Patrizio Felici, Guido Pezzotti, Mario Colombi, Sandro Chicarella, Giuseppe Mascali, Roberto Pietrolini, Loreto Cardarelli, Giovanni de Cillis, Gianluca Impei, Marco Boncompagni, Carlo A. Campana. Direttore: Sandro Verzari.

Carlo Ingrati

Carlo Ingrati

Carlo Ingrati wurde 1947 in Falciano geboren. Er studierte bei Prof. R. Citro. Mitglied des RAI-Symphonieorchesters von Rom und des Blechbläser-Quintetts von David Short. In den Aufnahmestudios der Hauptstadt ist er sehr gefragt.

¹ Der amerikanische Trompeter David Short ist ein früher Schüler von Louis Davidson an der Indiana Universität von Bloomington. (Wie werden ihn demnächst als Komponist vorstellen.) David Short hat sich völlig ans römische Leben und an Italien assimiliert und denkt nicht mehr daran, das Land zu verlassen, dessen Nationalität er demnächst annehmen wird. Sein Blechquintett, zu dessen Repertoire er selbst mit sehr originellen Werken oder Bearbeitungen beisteuert, geniesst in Europa bereits einen schmeichelhaften Ruhm, der noch im Zunehmen begriffen ist. David Short kommt das Verdienst zu, Italien mit seinen in Amerika erworbenen Kenntnissen zu bereichern. In erster Linie profitieren davon seine Freunde, aber die Technik und das Spiel der Blechbläser auf der ganzen Halbinsel werden auf diese Weise indirekt stimuliert.

² S.A. wurde 1957 in Rom geboren. Er studierte bei Domenico Ceccarossi und erhielt sein Diplom am St. Cäcilien-Konservatorium in Rom. Sehr jung begann er mit seiner Solistenkarriere und machte Aufnahmen mit dem Radio und dem italienischen Fernsehen. Er ist erster Hornist im RAI-Symphonieorchester von Rom und Mitglied des Quintetts von David Short.

³ G.M. spielt Bass-Posaune im RAI-Symphonieorchester von Rom.

⁴ M.B. wird als einer der begabtesten Trompeter der neuen italienischen Generation betrachtet. Er übt seine Kunst auf den verschiedensten musikalischen Gebieten aus: im RAI-Symphonieorchester, in einer Big Band, in der Kammermusik usw. Auch er ist Mitglied des Quintetts von David Short. Nachdem er bei Prof. Fulvio Meldini studiert hatte, erhielt er sein Diplom am St. Cäcilien-Konservatorium in Rom. Als Improvisator ist er auch ständig in den angesehensten Jazz-Kreisen Italiens zu finden. Am Konservatorium von Perugia unterrichtet er Trompete.

⁵ R.B. ist ein wahrer Wander-Musiker! Den grössten Teil seines Lebens verbringt er in einem durchdacht eingerichteten Wohnmobil. Er wurde 1946 in Borghi geboren und machte das Diplom am G. Rossini-Konservatorium von Pesaro (Prof. G. Franchi).

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