Meine Kontakte mit den Vereinigten Staaten
Von Michael Höltzel
2. Teil: Über Hörner und wie man sie spielt...
Spreche ich vom «amerikanischen Hornblasen», wird so mancher US-Hornist dies für eine grobe Verallgemeinerung halten, blasen die Hornisten der East Coast doch so völlig anders als die im Westen! Das stimmt zwar, wenn auch nur bedingt, denn hier handelt es sich lediglich um Dialekte innerhalb einer Sprache. Je ferner man nun einer Sprache steht, desto weniger deutlich lassen sich ihre Dialekte erkennen. So ging es mir, als ich das erste Mal mit dieser Frage konfrontiert wurde, und ich bin davon überzeugt, dass es jedem Nicht-Amerikaner ähnlich ergehen wird.
Philip Farkas ist der Meinung, dass der amerikanische Stil des Hornblasens nichts anderes ist als die Fortsetzung der guten alten deutschen Schule, die von so berühmt gewordenen Auswanderern wie Bruno Jaenicke oder Anton Horner an ihre zahllosen Schüler weitergegeben wurde, die sich in verschiedenen Teilen der USA wohl eigenständig weiterentwickelt hat, sich aber in der prinzipiellen Spielweise treu geblieben ist. Der Klang der alten Kruspe- und Schmidt-Hörner war hauptsächlich das tonliche Vorbild. Diese Instrumente, aber auch die Hörner von Carl Geyer, einem Auswanderer, der während siebzig Jahren in Chicago viele herrliche Instrumente baute, stehen heute in Amerika noch sehr hoch im Kurs und werden zu Liebhaberpreisen gehandelt.
Grundsätzlich bläst jeder Amerikaner ein Doppelhorn, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Auf seinem Doppelhorn bläst wiederum fast jeder bis zum g'' (klingend c'') F-Horn und erst darüber B-Horn. Diese Technik wird mit einer solchen Konsequenz angewandt, dass bei Sechzehntelfiguren in der Mittellage der Daumen oft zum Hauptakteur wird, worunter manchmal die Eleganz des Spiels hörbar leidet. Tonlich erreicht man mit dieser Kombination jedoch ein hohes Maß an Ausgeglichenheit.
Die amerikanische Treue zum Doppelhorn schätze ich sehr hoch, und ich wünschte mir für uns Deutsche, dass manche der Solohornisten (sogar einige tiefe Hornisten!) unserer Orchester von ihrer Hoch-F-Horn-Neurose wieder geheilt würden und wenigstens romantische Sinfonien, die vom Ton des großen Horns leben, auf einem richtigen Horn bliesen⁵. Trotzdem wäre den Amerikanern zu raten, vom ausschließlichen Gebrauch des Doppelhorns für die gesamte Literatur allmählich abzuweichen. Das 1. Brandenburgische Konzert von Bach und ähnliche hohe Partien in der Barockmusik werden auf einem Conn, Holton oder King, auch dann, wenn sämtliche überflüssigen Züge und die Ventildeckel entfernt sind, stets zu dick und plump klingen, vom Risiko ganz abgesehen. Solche Partien gehören auf einem Diskanthorn geblasen, weshalb dieses Horn zum Instrumentarium auch eines amerikanischen hohen Hornisten gehören sollte. Jeder Besitzer eines solchen Horns muss sich nur dessen bewusst sein, dass es bei labilem Charakter oder schlechtem Einfluss von außen zu seinem tonlichen Ruin werden kann.
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