Machen Sie Brass Bulletin an Ihrer Hochschule, Ihrem Konservatorium oder Ihrer Bibliothek verfügbar Institutionellen Zugang entdecken

4 Min. Lesezeit

Im Zeichen des Serpents - Tony Bingham, Antiquar f. Blechblasinstrumente

alte, seltene und ungewöhnliche Musikinstrumente aller Arten, gekauft und verkauft von Tony Bingham.

Im Zeichen des Serpents - Tony Bingham, Antiquar f. Blechblasinstrumente

Im grünen Norden Londons, in Hampstead, gibt es an der Pond Street 11 einen Laden, der jeden fasziniert, der sich für die Geschichte von Musikinstrumenten — vorwiegend Blechblasinstrumenten — interessiert. Im grossen Ausstellungsraum glänzen alte Hörner durch die Zwiebelglastüren eines antiken Schranks, und drei Ophikleide stehen lang und steif auf einem hohen Gestell. Im untern Stock sind drei weitere weniger zeremoniell auf dem Fussboden plaziert und warten darauf, wieder spielbar gemacht zu werden. Auf einer Werkbank liegt ein schwer beschmutztes Euphonium mit doppelter Stürze. Es wurde von Henry Distin of Williamsburg PA hergestellt. Seine Ventile und Federn sind entfernt worden, und es ist bereit für das Reinigungsbad.

In ersten Stock betritt man ein auf den ersten Blick elegantes Studierzimmer mit weiteren Büchergestellen, einem grossen Mahagoni-Pult und Ölgemälden. Aber in einer Ecke liegt ein ganzer Haufen Kornetts. Die Konturen, die man auf dem Sofa erkennt, gehören einem Kompensations-Kontrabass aus dem 19. Jahrhundert (Besson), das sich zweifellos von dem Schock erholt, dass jemand ihn in eine Lampe verwandeln wollte. Ein Naturhorn liegt gemütlich in seinem originalen Kasten; die Innenseite seiner Stürze ist reich verziert in Schwarz, Gold, Rot und Orange. Die Ölgemälde an den Wänden stellen spielende Musiker dar, und die Stiche und Aquarelle im Treppenhaus wandeln das gleiche Thema ab.

Tenor-Kornett aus lederbezogenem Holz mit Silberfassung, Silberklappe und Hülle. Ohne Signatur des Herstellers, jedoch h...

Tenor-Kornett aus lederbezogenem Holz mit Silberfassung, Silberklappe und Hülle. Ohne Signatur des Herstellers, jedoch hergestellt in Deutschland im 17. Jahrhundert.

Die Besucher kommen, schauen, bewundern, berühren oder spielen vielleicht. Die meisten von ihnen scheinen alte Freunde Tony Binghams, des angenehmen entspannten Besitzers, und seiner Schwester Caroline zu sein. Das erstaunt nicht, denn ausser Tony gibt es weltweit lediglich ein halbes Dutzend dieser Händler, und sein Geschäft hängt weitgehend davon ab, dass er jedermann im Handel kennt und mit denjenigen in Berührung kommt, die seine Instrumente kaufen oder die ihrigen verkaufen wollen.

Vor gut zwanzig Jahren arbeitete Tony als Kaufmann in einer Baufirma. Gleichzeitig hatte er einen Stand in der Portobello Road, dem berühmten Londoner Flohmarkt. Dadurch entwickelte er ein Flair fürs Kaufen und Verkaufen, sowie den seltsamen Respekt für alte Gegenstände, das den Sammler und Händler auszeichnet.

Er hat keinen grossen musikalischen Hintergrund — «Ich spiele ein bisschen Flöte und habe immer gern Musik gehört» — und rein zufällig begann er sich für Musikinstrumente zu interessieren. Da verband ein weiterer glücklicher Zufall sein Interesse mit dem Geschäft: «Ganz in der Nähe wurde eine grosse Sammlung zum Verkauf angeboten. Ich kaufte ein paar Instrumente, verkaufte sie, ging zurück und kaufte noch einige dazu. Das ist leider bis heute nicht mehr vorgekommen.»

Anonymes Porträt von Mr. Crow, Dienstmann der Konzerthalle in Dublin, «Done in the Year 1754», («Gestochen im Jahre 1754...

Anonymes Porträt von Mr. Crow, Dienstmann der Konzerthalle in Dublin, «Done in the Year 1754», («Gestochen im Jahre 1754»).

Aber ausser ihm ging niemand diesem Geschäft nach, und viele Instrumente waren erhältlich zu oft recht günstigen Preisen. Von der Portobello Road zog er an die King’s Road, der belebtesten Strasse in den 60er Jahren, dann ins West End und schliesslich vor sechs, sieben Jahren nach Hampstead. Von hier aus bereist er die Welt, besucht Auktionen und geht Hinweisen nach, die ihm durch seine Kontakte vermittelt werden.

Drei Ophikleide warten auf ihre Restauration.

Drei Ophikleide warten auf ihre Restauration.

Ich interessiere mich für beinahe alles. Von einem gewissen Alter an. Mit sogenannt modernen Gebraucht-Instrumenten handle ich nicht. Ich kann keine genaue Altersgrenze angeben, über den Daumen gepeilt vielleicht 1900. Ich kaufe unter Umständen auch jüngere Objekte, aber es ist nicht, was ich suche.

Er kauft keine Violinen. «Es gibt ohnehin schon zu viele Geigenhändler, und der Bereich ist sehr spezialisiert.» Von dieser Ausnahme abgesehen, ist er an allen westeuropäischen Orchester- und Konzertinstrumenten interessiert und bietet auch einige afrikanische und orientalische Objekte an.

Wenn nötig, schickt er das Instrument einem Restaurator, wobei er sorgfältig darauf achtet, für die spezifische Arbeit den richtigen auszuwählen. «Das meiste, was ich verkaufe, ist spielbar. Aber auf einem 200-jährigen Instrument sollte nicht unbedingt acht Stunden am Tag und sieben Tage die Woche geübt werden; es würde sich zu stark abnutzen.»

Präsentations-Zugtrompete in Sterlingsilber, in der Stürze signiert «ROBINSON BUSSEL & CO/7, Westmorland St. Dublin». Hergestellt um 1840. Stürzendurchmesser 11,3 cm. Länge 59,3 cm. In einem Feld auf der Stürzengirlande graviert «PRESENTED BY/Lieut. Col. Jackson K.H./& the Officers of the Carabineers/ TO TRUMPET MAJOR WM COWEN/ as a mark of their approbation of his/most exemplary conduct during a service of 37 Years in the Regt./NOVR 1840.»

Präsentations-Zugtrompete in Sterlingsilber, in der Stürze signiert «ROBINSON BUSSEL & CO/7, Westmorland St. Dublin». Hergestellt um 1840. Stürzendurchmesser 11,3 cm. Länge 59,3 cm. In einem Feld auf der Stürzengirlande graviert «PRESENTED BY/Lieut. Col. Jackson K.H./& the Officers of the Carabineers/ TO TRUMPET MAJOR WM COWEN/ as a mark of their approbation of his/most exemplary conduct during a service of 37 Years in the Regt./NOVR 1840.»

Kornett aus Messing mit drei Pistonventilen (Typus Perinet) mit verzierter Girlande und Zubehör. Signiert «E. COURTOIS JNE RUE BICHAT 8 BIS PARIS.» Hergestellt um 1850.

Kornett aus Messing mit drei Pistonventilen (Typus Perinet) mit verzierter Girlande und Zubehör. Signiert «E. COURTOIS JNE RUE BICHAT 8 BIS PARIS.» Hergestellt um 1850.

Kornett aus Messing mit drei Pistonventilen (Typus Perinet). Signiert «DISTIN & CO’S/Patent Light Valve/CORNET/APPROVED BY/Levy/MANUFACTORY 9 & 10 GRT NEWPORT ST/LONDON/6401». Hergestellt um 1865. Kornett aus versilbertem Messing mit drei Pistonventilen (Patent David). Signiert «David Brevete à Paris». Gravur eines «MD»-Monogramms. Hergestellt um 1866. Kornett aus Messing mit drei Pistonventilen (Typus Perinet). Signiert «HENRY KEAT & SONS/105 & 103/MATTHIAS RD/STOKE NEWINGTON GN/LONDON/N». Hergestellt um 1890.

Kornett aus Messing mit drei Pistonventilen (Typus Perinet). Signiert «DISTIN & CO’S/Patent Light Valve/CORNET/APPROVED BY/Levy/MANUFACTORY 9 & 10 GRT NEWPORT ST/LONDON/6401». Hergestellt um 1865.

 

Kornett aus versilbertem Messing mit drei Pistonventilen (Patent David). Signiert «David Brevete à Paris». Gravur eines «MD»-Monogramms. Hergestellt um 1866.

 

Kornett aus Messing mit drei Pistonventilen (Typus Perinet). Signiert «HENRY KEAT & SONS/105 & 103/MATTHIAS RD/STOKE NEWINGTON GN/LONDON/N». Hergestellt um 1890.

Wenn Leute davon leben, dass sie auf originalen Instrumenten alte Musik spielen, dann würde ich eine genaue moderne Kopie empfehlen. Die Originale würden dann als Beziehungsobjekte am Leben bleiben. Aber es ist wichtig, dass sie ab und zu von der Wand oder aus dem Schrank genommen und gespielt werden können. In Amerika gibt es zum Beispiel eine Gruppe, die sich Smithsonian Social Orchestra and Quadrille Band nennt. Sie spielt auf originalen Instrumenten Tanzmusik für Blechbläser aus dem 19. Jahrhundert. Aber sie geben nur sechs Aufführungen im Jahr.

Es kommt natürlich vor, dass ein originales Instrument — z.B. eine Ophikleide — billiger ist als irgendeine Kopie. Einen Preis festzusetzen, ist ohnehin immer schwierig. «Es hängt damit zusammen, was ich selbst bezahlt habe und für wieviel ich das letzte Exemplar verkauft habe. Es ist klar, dass man manchmal enorme Summen bezahlen muss, nur um etwas überhaupt zu erhalten, und der Gewinn wird sehr klein.»

Tony denkt gerne daran, dass seine Dienstleistung sozusagen einmalig ist. Einige seiner sehr wenigen Konkurrenten sind in Ländern tätig, wo sie wegen der Zölle Schwierigkeiten haben, was bei ihm nicht der Fall ist. Er versucht zudem, so ausführliche Expertisen wie nur möglich zu erstellen, indem er die Instrumente erforscht und Dinge herausfindet, die nicht in den Büchern stehen. Er stellt für sich selbst folgenden Anspruch: «Ich bin zuverlässig. Die Leute können von mir Instrumente kaufen, ohne sie zuerst gesehen zu haben, und dennoch sicher sein, dass sie etwas Erstklassiges bekommen.»

Naturhorn aus Messing, Innenseite der Stürze bemalt, auf der Stürzengirlande signiert «COURTOIS FRERE RUE DU CAIRE A PAR...

Naturhorn aus Messing, Innenseite der Stürze bemalt, auf der Stürzengirlande signiert «COURTOIS FRERE RUE DU CAIRE A PARIS». Hergestellt um 1815.

Kürzlich hat er für seine Blechbläser-Kundschaft einen reich illustrierten und sehr informativen Katalog zusammengestellt, der es zu einem gewissen Grad unnötig macht, dass entfernte Käufer «blind» kaufen müssen. Die 36 Seiten starke Broschüre beinhaltet Photographien, ausführliche Beschreibungen und die Geschichte von 45 Instrumenten, sowie Reproduktionen von interessanten Stichen von Blechbläsern, vorwiegend aus dem 16. Jahrhundert. (Er besitzt eine eigene Sammlung von Stichen, und wie jeder gute Sammler verkauft er die Duplikate davon.) Das älteste und bei weitem teuerste (£ 14 500) Instrument im Katalog ist ein Tenor-Kornett aus lederbezogenem Holz mit Silber-Fassung, Silberklappen und Hülle, hergestellt im 17. Jahrhundert in Deutschland. Ein weiteres Instrument, das ihn sehr begeistert, ist eine Präsentations-Zugtrompete aus Sterlingsilber in ihrer originalen Hülle; Herstellung: Dublin um 1840.

Er handelt auch mit Nachschlagewerken zu den Instrumenten, die er verkauft, und versucht, alles auf seinen Regalen zu sammeln, was im Druck ist. Er besitzt auch einige vergriffene Bücher, die schwierig zu finden und deshalb teuer sind.

Das doppelstürzige Euphonium Distin.

Das doppelstürzige Euphonium Distin.

Allgemeine Ansicht des grossen Ausstellungsraumes.

Allgemeine Ansicht des grossen Ausstellungsraumes.

Als ich nach meinem Besuch den Weg zwischen den Kornetten, den corni da caccia, den Harfen und Cembali hindurch suche, ist Tony schon wieder von einer Anschaffung absorbiert, die ihn diese Woche bereits einmal ins Ausland führte — wieder ein seltenes, altes Objekt für Aladins Wunderhöhle.

Brass Bulletin 43, III / 1983 Seiten 26–32

Alle Inhalte sind urheberrechtlich geschützt © Brass Bulletin 1983–2026

Artikel teilen

Facebook LinkedIn
Wird geladen…

Fragen und Antworten

So funktioniert die digitale Ausgabe

Was enthält die digitale Ausgabe?

Die digitale Ausgabe vereint die bereits digitalisierten Artikel als lesbare und durchsuchbare Online-Texte – nicht nur als Scans oder PDF-Dateien – mit ihren ursprünglichen Abbildungen, Anmerkungen, Angaben zu Autoren und Ausgaben sowie den verfügbaren Übersetzungen. Empfehlungen verwandter Artikel umfassen derzeit nur dieses digitalisierte Material.

Sind die digitalen Artikel mit den Originalen identisch?

Wir bewahren den ursprünglichen Text, die Sprache, Abbildungen, Bildlegenden, Fußnoten und den redaktionellen Kontext so originalgetreu wie möglich. Die Darstellung wird für ein angenehmes Lesen am Bildschirm angepasst; offensichtliche Übertragungs- oder Scanfehler können korrigiert werden. Inhalt und Charakter des veröffentlichten Artikels bleiben unverändert.

Welche Sprachen sind verfügbar?

Brass Bulletin erschien während seiner gesamten Geschichte auf Englisch, Französisch und Deutsch. Italienische und spanische Übersetzungen kamen ab Ausgabe Nr. 60 hinzu.

Auf der italienischen und der spanischen Website werden die Artikel aus den Ausgaben 1 bis 59 daher standardmäßig auf Englisch angezeigt.

Wie oft werden neue Artikel hinzugefügt?

Neue Artikel werden fast täglich hinzugefügt; ungefähr eine vollständige Ausgabe wird pro Woche digitalisiert. Das Tempo kann je nach erforderlicher Vorbereitung, Bildbearbeitung und redaktioneller Prüfung variieren.

Warum sind noch nicht alle Artikel digital verfügbar?

Die vollständige Sammlung von Brass Bulletin umfasst 1’246 Artikel aus den Jahren 1971 bis 2003. Das vollständige Verzeichnis ist bereits online verfügbar und ermöglicht es, jeden Artikel der Sammlung zu entdecken – auch jene, deren vollständiger Text noch nicht digitalisiert wurde.

Die Digitalisierung begann im Februar 2026. Jeder Artikel wird sorgfältig für die Online-Lektüre aufbereitet, geprüft und mit seiner Ausgabe, den Autoren, Themen und Abbildungen verknüpft. Beim derzeitigen Digitalisierungstempo wird die vollständige Sammlung voraussichtlich bis Februar 2028 online verfügbar sein.

Warum verweisen manche Quellen auf Artikel, die noch nicht verfügbar sind?

Verweise in den Originalartikeln bleiben erhalten, auch wenn das Material, auf das sie hinweisen, noch nicht digitalisiert wurde. So bleiben die historischen und redaktionellen Zusammenhänge vollständig erhalten. Mit jeder weiteren digitalisierten Ausgabe werden mehr dieser Verweise zu online lesbaren Artikeln führen.

Kann ich einen Artikel vorschlagen oder einen Übertragungsfehler melden?

Ja. Wenn Sie einen bestimmten Artikel gerne digitalisiert sehen möchten oder einen möglichen Übertragungsfehler beziehungsweise eine fehlende Information entdecken, nehmen Sie bitte Kontakt mit uns auf. Rückmeldungen unserer Leser helfen uns, die digitale Ausgabe zu verbessern und sinnvolle Prioritäten im Archiv zu setzen.

Wie kann ich Brass Bulletin unterstützen?

Ihre Unterstützung hilft, die Aufbereitung, Überprüfung und Online-Veröffentlichung der vollständigen Sammlung zu finanzieren.

Digitalausgabe abonnieren

Möchten Sie uns lieber unterstützen, ohne ein Abonnement abzuschließen?

Spenden

Wie kommt die Digitalisierung voran?

Wir machen Brass Bulletin nach und nach online zugänglich, Artikel für Artikel. Neu digitalisierte Artikel können Sie lesen, sobald sie verfügbar sind – auch wenn die gesamte Ausgabe noch nicht fertig ist.

Unser Digitalisierungsplan zeigt die neuesten Ergänzungen und die voraussichtlichen Verfügbarkeitstermine der kommenden Ausgaben. Diese Schätzungen basieren auf unserem jüngsten Arbeitstempo und können sich ändern.

Brass Bulletin durchsuchen.