Brass Bulletin 41, I / 1983 Seite 25–27 · 2 Min. Lesezeit

Unrechtmässiges musikalisches Eigentum

das Plagiat, die Photokopie

Unrechtmässiges musikalisches Eigentum

Das Plagiat

In den Zeiten, als es noch keine musikalischen Notationen gab, vermittelten die Musiker einander ihre Melodien durch mündliche Traditionen. Im Zusammenhang mit der Varieté-Musik, gewissen Volksmusiktypen oder mit dem Jazz wird diese Praxis übrigens bis in unsere Tage hinein fortgesetzt. Als jedoch im Laufe des XIV. und XV. Jahrhunderts die Notenschrift entstand und sich genau und differenziert ausformte, wurde es möglich, das Werk oder die Werke eines andern zu kopieren. Aus der Geschichte geht hervor, dass es stets zwei Arten von Kopien gab:

  1. die «ehrliche» Kopie

anlässlich welcher sich ein Musiker durch einen andern zu einem Thema oder einer Orchestration (Bearbeitung, Einrichtung) inspirieren lässt, wobei er sorgfältig darauf achtet, dass er den andern klar erwähnt, indem er den ursprünglichen Titel und den Autor angibt oder bei sehr bekannten Themen die kurzen musikalischen Anspielungen, humoristischen Parodien (auch von Stilen) usw. Die «ehrliche» Kopie stellt zudem eine wertvolle pädagogische Massnahme dar, um seine Kenntnisse zu erweitern.

  1. die «unehrliche» Kopie

anlässlich welcher sich ein Musiker des Werks eines andern zugunsten seines eigenen Prestiges bedient, wenn es ihm an Inspiration mangelt, er jedoch trotzdem im Rampenlicht stehen möchte. In Fachkreisen nennt man dies ein Plagiat. Bis gegen die zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts, das heisst bis noch vor gut hundert Jahren, war den Opfern eines Plagiats noch praktisch kein Mittel zu ihrer Verteidigung in die Hand gegeben. Als nach und nach die einzelnen Staaten geschaffen wurden, begann Land um Land sich mit diesem Problem zu befassen, indem man Gesetze zum Schutz des intellektuellen und künstlerischen Eigentums schuf (Autorenrechte). Diese liessen sich nicht ohne Schwierigkeiten durchsetzen; es bestehen unzählige Geschichten über endlose Prozesse.

In der Folge wurde dann das Copyright eingeführt (Reproduktionsrechte, Rechte zur Kopie), welches den Autor und den Herausgeber gleichzeitig schützte. Heute erstreckt sich dieser gesetzliche Schutz sozusagen auf alle Länder der Welt. Trotzdem werden die Autoren- und Herausgeberrechte weiterhin verletzt. Aber auf subtilere Art und Weise. Man bedient sich vorzugsweise bei verstorbenen Autoren, die nach Möglichkeit nicht zu bekannt sind. Die Formen des Plagiats sind vielfältig: eine Melodie, welche durch eine andersartige Begleitung getarnt wird, eine neue Melodie über den Harmonien eines Erfolgsstücks usw.; auf diesem Gebiet ist die Erfindungsgabe ohne Grenzen... Gar nicht zu sprechen von den sagenhaften Plagiaten, die anhand der Werke verwirklicht werden, die das Eigentum des Publikums geworden sind.

Ein typisches Beispiel

(Es gibt Tausende dieser Art, aber das ausgewählte schildert diesen Aspekt in unserem eigenen speziellen Bereich).

Die meisten Trompeter kennen und schätzen die ausgezeichneten Etüden des verstorbenen Paolo Longinotti (vormaliger Solo-Trompeter im Orchestre de la Suisse Romande, verstorben im Jahre 1961), welche die Edition I.M.C. in New York unter dem Titel Studies in Classical and Modern Style herausgab. Das Copyright schützte weder die Kopie der Rhythmen noch der Taktfiguren noch der Titel. Dies ermöglichte es dem pensionierten Hornisten Edmond Leloir, der während vielen Jahren der «Kollege» Longinottis gewesen war, von letzterem, der ihn vor zwanzig Jahren verlassen hatte, eine gewisse Anzahl von Elementen zu entwenden und diese Dix Etudes pour le cor en Fa (herausgegeben von G. Billaudot in Paris im Jahre 1981) grosszügig «Georges Barboteu, Professor am Conservatoire national de Paris, im Gedenken an unsere langjährige Freundschaft» zu widmen. Leloir hatte sich übrigens einen nicht immer glorreichen Namen gemacht, indem er ein Durcheinander von unzähligen Titeln herausgegeben hatte, von denen man nicht immer weiss, wo er sie bezog. Kein Wort vom «geplünderten» Paolo Longinotti, welcher sich, wäre er noch am Leben, sicher verteidigt hätte. In das ewige Schweigen zurückgekehrt, schien es wahrscheinlich, dass ein Plagiat unentdeckt bliebe; aber der Zufall hat für einmal anders entschieden...

Paolo Longinotti, Studies in Classical and Modern Style by I.M.C. in New York.

Paolo Longinotti, Studies in Classical and Modern Style by I.M.C. in New York.

Edmond Leloir, Dix Etudes pour le cor en Fa G. Billaudot, Paris 1981)

Edmond Leloir, Dix Etudes pour le cor en Fa G. Billaudot, Paris 1981)

Die Photokopie

Mit der Erfindung der Kopierautomaten hat sich eine neue Art des Plagiats entwickelt: die schnelle, billige Kopie einer gedruckten Partitur. Diese widergesetzliche Praxis ist heute zum grossen Leidwesen der Herausgeber weitverbreitet in der Welt. Die Herausgeber verteidigen sich im wesentlichen damit, dass sie Prozesse anhängig machen, «um ein Exempel zu statuieren», Prozesse, die für die Verurteilten sehr kostspielig werden.¹

Gewisse Konservatorien treiben die Verachtung des Gesetzes noch weiter, indem sie Lehrern und Schülern kühl eine Kopiermaschine zur Verfügung stellen. Man kann sich die Frage stellen, weshalb diese musikalischen Institutionen der Arbeit der Komponisten und Pädagogen, die sie ja oft selbst in ihren Dienst nehmen, so wenig Achtung entgegenbringen... Wenn man dafür eine Erklärung verlangt, so wird im allgemeinen geantwortet, dass die Herausgeber überrissene Preise verlangten. Wenn gewisse Herausgeber ihre Preise auch tatsächlich auf anormale Weise anschwellen lassen, so steht das Urteil darüber nicht öffentlichen Institutionen zu, so wenig wie eine ungesetzliche Handlung unter dem Vorwand der «Strafe». Indem man eine Partitur photokopiert, gesteht man ihr implizite einen Wert zu. Dieser Wert ist von einer Person, dem Autor, geschaffen und von einem Herausgeber umgesetzt, verbreitet und kommerzialisiert worden. Ist es richtig, diese Arbeit und den vereinbarten Einsatz einfach zu ignorieren? Das Gewissen eines jeden wird diese Frage mehr oder weniger unterschiedlich beantworten. Wie bei allen Vergehen gibt es Unterschiede auch bezüglich des faktischen Gewichts eines Raubes durch Photokopieren.

Ein typisches Beispiel

Vor einigen Jahren hat ein Schweizer Posaunist (der durchaus wusste, wie ungesetzlich es ist, wenn man Partituren photokopiert, die durch das Copyright geschützt sind) wie gewohnt einen Kurs vorbereitet, der für Amateur-Blechbläser bestimmt war. In einem Spezialgeschäft verlangte er zu diesem Zwecke eine gewisse Anzahl Partituren und Etüdenhefte zur Auswahl. Man kann sich die Überraschung der Verantwortlichen dieses Geschäfts vorstellen, als sie nach ein paar Tagen ein umfangreiches, schweres Paket erhielten, in welchem sich Hunderte von photokopierten Seiten «musikalischer» Auszüge aus den zur Ansicht ausgeliehenen Heften befanden. Die Ehefrau des Posaunisten hatte die Versandadressen verwechselt... So kam man durch die Rücksendung der «Auswahl» auf ironische Weise hinter das Geheimnis!

Anmerkungen

¹ Widersprüchliche Meldungen sind uns in letzter Zeit zu Ohren gekommen, dass in den Vereinigten Staaten die Erfindung eines neuen chemischen Papiers, dass jedes Photokopieren verunmöglichen soll, viel Staub aufgewirbelt habe. Es fehlt dafür jedoch noch jegliche zuverlässige Bestätigung.

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