Brass Bulletin 40, IV / 1982 Seite 58–64 · 5 Min. Lesezeit

Eine Einführung zu "In Tune"

Die Skala der reinen Stimmung

Lange vor elektronischen Stimmgeräten standen Blechbläser zwischen mathematischer Ordnung und akustischer Reinheit – ein Gegensatz mit Folgen bis heute.
Eine Einführung zu "In Tune"

Alle Musikinstrumente erzeugen, wie auch die Stimme, Komplextöne. Ein Komplexton ist eine homogene Mischung zahlreicher Töne von verschiedener Frequenz und Lautstärke, die gleichzeitig erklingen. Diese verschiedenen Töne, welche den musikalischen Ton bilden, heissen Partialtöne oder Teiltöne, da jeder von ihnen nur ein Teil des vollständigen Klanges ist.

Die Begriffe «Partialtöne» (Teiltöne), «Naturtöne» und «Obertöne» werden oft gleichbedeutend verwendet, und obwohl sie sich nicht ganz decken, beziehen sie sich doch alle auf die Tonfolge, die sich aus dem akustischen Phänomen schwingender Körper ergibt — der «Obertonreihe».

Schwingende Körper erzeugen Töne, die nicht nur ihrer vollen Länge entsprechen, sondern auch 1/2, 1/3 usw. dieser Länge. Diese Partialtöne werden mit 1, 2, 3 usw. numeriert, bis über die menschliche Hörgrenze hinaus. Partialton Nr. 1 ist der Grundton mit der Grundfrequenz. Die Frequenzen der Partialtöne 2, 3, 4 usw. erhält man, indem man ihre Nummer mit der Frequenz des Grundtones multipliziert. Die Obertonreihe zeigt Abb. 1.

Abbildung 1Die Obertonreihe (Partialtöne)

Abbildung 1

Die Obertonreihe (Partialtöne)

Ein Intervall gibt die Entfernung zwischen zwei Tönen von verschiedener Frequenz an. Es gibt zwei Arten von Intervallen:

  1. Melodisches Intervall: Zwei Töne verschiedener Frequenz erklingen nacheinander. Leichte Unvollkommenheiten bei melodischen Intervallen werden vom Gehör bereitwillig akzeptiert.
  2. Harmonisches Intervall: Zwei Töne verschiedener Frequenz erklingen gleichzeitig. Hier fordert das Gehör korrekte Intonation (Abb. 2).
Abbildung 2Musikalische Intervalle

Abbildung 2

Musikalische Intervalle

Maßeinheit für Intervalle zwischen Tönen verschiedener Frequenz ist das Cent. Das Intervall einer Oktave beträgt 1200 Cent. Die Einheit «Cent» bleibt über alle Oktaven hinweg konstant, gleichgültig, wieviele Frequenzen die Oktave enthält (Abb. 3).

Abbildung 3Das Cent - Masseinheit für musikalische Intervalle

Abbildung 3

Das Cent - Masseinheit für musikalische Intervalle

Innerhalb der Oktave von 1200 Cent werden die Töne verschiedenen Lagen (Frequenzen) zugeordnet, was musikalische Skalen entstehen läßt. Im Laufe der Geschichte hat es zahlreiche Systeme gegeben, die einzelnen Töne der Skala einzustimmen. Der Musiker von heute hat es indessen nur noch mit zweien dieser Systeme zu tun:

  1. der gleichschwebend temperierten Skala
  2. der Skala der reinen Stimmung

Die Begriffe sind wie folgt zu verstehen:

Skala: eine Tonleiter, die zu Zwecken musikalischer Komposition gewählt wird. Sie besteht aus einer festgelegten Abfolge von Tönen, welche von einem Grundton (Ausgangston) aus auf- oder absteigt.

Temperiert sind jene Stimmungssysteme in welchen die Intervalle von den «reinen», akustisch korrekten Intervallen abweichen.

Gleichschwebend temperiert ist eine Stimmung, bei der die durch die Temperatur bedingten Abweichungen von der reinen Stimmung (die sich in Schwebungen äußern) möglichst gleichmäßig auf die verschiedenen Intervalle verteilt sind.

Rein: harmonisch rein und akustisch korrekt, «stimmt» genau.

Stimmung bedeutet die genaue Einstellung einer Tonhöhe zwecks Übereinstimmung mit einer Tonart oder einer Harmonie. Bezogen auf die Einhaltung der Stimmung während der musikalischen Darbietung eines Instrumentalisten oder Sängers spricht man von Intonation. Diese kann gut (sauber) oder schlecht (falsch) sein.

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