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Horn und Harfe

Horn und Harfe

Brigitte Langnickel-Köhler und Manfred Maurischat

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelangte das Virtuosentum rasch zu großem Ansehen. Die neue Situation eines Konzertlebens mit Impresario (heute Manager) und zahlendem Publikum verlangte andere Voraussetzungen als die Hofmusiken vergangener Zeiten. Das Publikum wollte nicht nur hören, sondern auch etwas sehen, nicht nur in der Oper, sondern auch im Konzert. Es waren vor allem der Orgelvirtuose Abbé Vogler (u.a. Lehrer von Carl Maria von Weber und Giacomo Meyerbeer) und nach ihm Nicolo Paganini, die die Gunst ihrer Stunde erkannten und mit entsprechend attraktiven Stücken aufwarteten. Andere taten es ihnen sehr schnell nach. Der Unterschied zu heute liegt freilich darin, daß diese Virtuosen ihre Stücke noch selbst komponierten, sie sich gewissermaßen selbst auf den Leib bzw. ihr Instrument schneiderten. Wenn dabei die virtuosen Eskapaden überhand nahmen, dann war diesen Stücken nur der Augenblickserfolg beschieden. Sie sind heute vergessen, wie ihre Interpreten, die Moscheles, Kalkbrenner, Field und wie sie alle heißen. Ihre Wiedererweckung dient nur mehr oder weniger historischem Interesse.

Und doch gibt es noch mancherlei Virtuosen-Musik aus dieser Zeit, die eines gewissen Reizes nicht entbehrt, zumal, wenn es sich um seltene Besetzungen und damit verbundene ebenso seltene Klangkombinationen handelt. Auch solche Werke sind ad hoc-Kompositionen und infolgedessen auf das Ensemble bewußt zugeschnitten. Wenn oben von den Nachteilen dieser Werke gesprochen wurde, so darf man freilich auch die Vorteile nicht vergessen. Diese Komponisten kannten ihre Instrumente genau und wußten ihnen darum in ihren Stücken melodische, harmonische und spieltechnische Details zu entlocken, die man sonst in dieser Sublimierung selten findet. Überraschenderweise verharren sie dabei überwiegend in der traditionellen klassischen Sonaten- und Solokonzertform.

Heute sind solche ad hoc-Kompositionen seltener geworden und stehen — wenn sie von zeitgenössischen Komponisten stammen — nicht so hoch in der Gunst des Publikums. Deshalb müssen Kammermusikensembles sich auf die Suche nach lohnender älterer Literatur begeben. Das Duo Manfred Maurischat (Horn) und Brigitte Langnickel-Köhler (Harfe) ist dabei mit Erfolg fündig geworden. Beide gehören zu den wenigen Instrumentalsolisten Deutschlands, die fast ausschließlich kammermusikalisch tätig sind. Dabei gelang Manfred Maurischat die Zusammenstellung eines reizvollen Repertoires. In der Bibliothèque Nationale de Paris entdeckte er einige Erstdrucke für Horn und Harfe, denen das Ensemble zur Neuaufführung verholfen hat.

Ein Duo des französischen Harfenvirtuosen Robert Nicolas Charles Bochsa (1789-1856) für Horn (Klarinette) und Harfe op. 93 in F-dur erweist sich als dankbares Spielstück für beide Instrumente. Bochsa, der väterlicherseits aus einer tschechischen Musikerfamilie stammt, hat neben zahlreichen Opern eine noch heute bekannte Harfenschule verfaßt. Er war nacheinander Hofmusiker von Napoleon und Ludwig XVIII. und führte ein abenteuerliches Leben auf seinen weitläufigen Konzertreisen. Natürlich erhält die Harfe im ersten Satz des Duos, einem Allegro brillante (beim Horn fehlt das «brillante» in der Satzbezeichnung) den Löwenanteil. Doch bereits im zweiten Satz, einem Siciliano, übernimmt sie auch Begleitfunktionen und überläßt dem Horn eine gefällige Kantilene, freilich nicht, ohne zum Abschluß doch noch einmal kadenzierend hervorzutreten. Eine feurige Polonaise mit ziemlich gleichwertigem Dialog beider Instrumente bildet das Finale.

Guillaume Pierre Antoine Gatayes (1774-1846) war ebenfalls Harfen- (und Gitarren-) Virtuose. Er ist das älteste Glied einer französischen Musikerfamilie, war vielseitig begabt und trat auch als Sänger und Komponist in Erscheinung. Ursprünglich sollte er Geistlicher werden. Er riß aber aus und wählte die Musikerlaufbahn. Sein Duo für Harfe und Horn op. 22 in F-dur entdeckte Manfred Maurischat ebenfalls in der Pariser Bibliothèque Nationale. Der Kopfsatz, ein Maestoso mit Anklängen an den barocken feierlichen Ouvertürenstil Lullyscher Prägung zeigt den Wechsel zwischen harmonisch-rhythmischen Partien beider Instrumente und virtuosen Laufpassagen für die Harfe. Im anschließenden Pastorale (Andante) erhält das Horn dankbare melodische Aufgaben.

Die Sonate für Horn und Harfe (oder Klavier) in F-dur von Louis François Dauprat (1781-1868) liegt in einer Neuausgabe von Edmond Leloir (Choudens, Paris 1972) vor. Dauprat war Hornist, und seine Kompositionen bilden eine wertvolle Bereicherung des Hornrepertoires. Dauprats belgischer Zeitgenosse, der Lexikograph Fétis, lobte den schönen Ton und die elegante Phrasierung des Virtuosen, der nur auf dem Naturhorn (ohne Klappen) unterrichtete und spielte. Sein Horn ist heute im Museum des Pariser Conservatoire zu sehen. Dauprats Sonate zeigt im umfangreichen Allegro moderato des Kopfsatzes alle Erscheinungsformen eines veritablen Konzerts unter Beibehaltung der klassischen Sonatensatzform. Die Harfe beginnt mit der Exposition, das Horn als quasi Soloinstrument setzt in gebührendem Abstand zehn Takte später ein. Ein Seitenthema und virtuose Spielpassagen folgen. Im Andante mit Variationen kann das Horn den ganzen Facettenreichtum seiner technischen und klanglichen Möglichkeiten entfalten, in Läufen, Sprüngen und melodischer Linienführung sowie einer rezitativischen Quasi-Kadenz. Der Schlußsatz ist wiederum konzertmäßig virtuos gestaltet.

Im Repertoire der beiden Künstler befindet sich ferner ein Werk des Schweizers Benno Ammann (geb. 1904) aus dem Jahre 1942, L’Arbero sonoro. Ammann, der in Leipzig und Paris (hier bei Roussel, Honegger und Milhaud) studiert hat, schreibt einen harmonisch wie melodisch gleichermaßen farbigen Satz, in dem neben technischen und virtuosen Details vor allem das Element der Klangfarbe in der Kombination beider Instrumente eine bedeutsame Rolle spielt.

Manfred Maurischat studierte an der Nordwestdeutschen Musikakademie Detmold bei Gustav Neudecker, war dann nacheinander Solohornist in der Basler Orchestergemeinschaft, Mitglied des Sinfonieorchesters beim Südwestfunk, des Hessischen Rundfunks und bei den Bamberger Sinfonikern. Brigitte Langnickel-Köhler studierte ebenfalls in Detmold, ferner in den Haag und bei Helga Storck. Neben ihrer solistischen und kammermusikalischen Tätigkeit in Funk- und Fernsehaufnahmen sind beide Künstler unermüdlich auf der Suche nach Originalwerken für ihre Instrumente im Bereich der älteren wie der zeitgenössischen Musik. Beide sind in Westfalen beheimatet.

Brass Bulletin 40, IV / 1982 Seiten 54–57

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