Das Gebiet, wo das Mittwinterhornblasen noch gepflegt wird
Das Mittwinterhorn
Als Mundstück dient ein schräg abgeschnittener Fliederzweig, aus dem das Mark entfernt worden ist, und den man Happe (= Happen) nennt. Das Instrument wird also nicht wie die üblichen Hörner gerade angeblasen (end-blown), sondern seitlich (side-blown)³ (Abb. 2 und Photo).
Aber nicht nur diese archaische Ansatzweise ist typisch, auch die ganze uralte Spieltradition ist sehr charakteristisch und eigenartig. Man bläst das Mittwinterhorn meist abends oberhalb eines Brunnens, der als Resonanzboden fungiert (Gebirge hat man hier nicht!), wobei alphornartiges «Jodeln» zwar durchaus möglich ist (man hat einen Bereich vom 2. bis zum 7. oder 8. Naturton), aber von den meisten Bläsern zugunsten einfacher, langgezogener, wehmütiger Töne abgelehnt wird (siehe Notenbeispiel).
Man spielt ausserdem nur vom ersten Adventssonntag bis zum Dreikönigsfest. Ausserhalb der Weihnachtszeit ist das Blasen untersagt und soll das Horn im Brunnen aufbewahrt werden⁴. Die Überlieferung will, dass dieses Hornspiel die Ankündigung der Geburt Jesu Christi durch die Hirten darstellt, aber alles deutet darauf hin, dass die Tradition aus vorchristlichen Zeiten stammt. Unter der christianisierten Hülle verbirgt sich aller Wahrscheinlichkeit nach ein uraltes heidnisches Beschwörungsritual⁵: Während der Mittwintersonnwende (am 21. Dezember) befruchtet das Horn – von altersher ein männliches Symbol für Kraft und Potenz – den Schoss der Mutter Erde, auf dass im nächsten Jahr die Felder wieder Früchte tragen.
Die hier gezogene Verbindung zwischen Hornspiel und Fruchtbarkeit ist bestimmt nicht weit hergeholt. Man denke zum Beispiel an die Verwendung von Hörnern während Initiationsriten bei primitiven afrikanischen Völkern, an die Cornucopia (ein üppig mit Feldfrüchten ausgeschmücktes Füllhorn) oder an die altslawische Sitte, in der Christnacht die Bäume mit einem Horn zu schlagen und dabei zu sprechen: «Schlag ich dich mit dem Horn, schlag' du mich mit Früchten!»⁶.
Ein ähnliches Zeremoniell wie in Twente findet man auch im Talmud-Kapitel «Rosh-hashana», wo der orthodox-jüdische Brauch geschildert wird, den Schofar oberhalb eines Brunnens oder Wassergefässes zu blasen⁷. Auch hier ist die symbolische Vereinigung von männlichem und weiblichem Element unverkennbar.
Die katholischen Bauern aus Twente, die an Winterabenden ihre Holzhörner blasen, sind sich des hier hergestellten Zusammenhangs nicht bewusst. Doch gleichgültig, ob man das Mittwinterhornblasen als eine Ankündigung des Christkindes betrachtet oder als ein heidnisches Beschwörungsritual (beide Fassungen symbolisieren schliesslich neues und unvergängliches Leben!) – jeder, der in einer frostigen, stillen Winternacht die von allen Seiten einsetzenden magischen Klänge der Mittwinterhörner auf sich zukommen hört, wird tief von diesem mystischen Urereignis beeindruckt.
Der Verfasser dieses Artikels hat selber das Mittwinterhorn im Konzertsaal eingeführt. So hat er zum Beispiel in Weihnachtskonzerten die Hirtenhornstimme der Sinfonia pastorella von Leopold Mozart auf einem Mittwinterhorn in G (Länge ca. 1,55 m) geblasen. Am 26. Dezember d. J. wurde eine Aufführung dieses Werkes im Rahmen eines Weihnachtskonzertes im grossen Saal des Concertgebouw Amsterdam gegeben.
Obgleich dabei nicht beansprucht werden soll, authentisches Mittwinterhornblasen zu bieten (die alphornartige Melodik in Mozarts Werk und die Verwendung eines normalen Hornmundstückes würden das verbieten), passt gerade diese Hirtensinfonie besonders gut zur Tradition des Hornblasens als feierlicher Ankündigung der Geburt Jesu Christi durch die Hirten.