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Das Mittwinterhorn

De Midwinterhoorn

Das Mittwinterhorn

Das Mittwinterhorn

In Twente, einer Gegend im äussersten Osten der Niederlande, wird in der Weihnachtszeit das Mittwinterhornblasen auf einer leicht gekrümmten, 1 bis 1,50 m langen Holztrompete (einem Mini-Alphorn also) noch rege gepflegt¹. In diesem Gebiet (Abb. 1), das bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts durch die umgebenden Sumpfländer stark von der Aussenwelt isoliert war, hat dieses Instrument – im Gegensatz zu dem im Laufe der Zeiten stark evoluierten Alphorn – seine uralte, primitive Form und seinen magischen Charakter noch sehr gut bewahrt².

Im Herbst werden die Hörner von den einheimischen Bauern aus kleinen Erlen-, Weiden- oder Birkenstämmen verfertigt. Nachdem der Stamm entrindet und längshalbiert worden ist, werden die Hälften mit einem Holzschuhmacher-Stechbeitel ausgehöhlt und nachher mit Weidenruten wieder zusammengefügt. Zwischen die Hälften wird ein Streifen Schilfrohr gelegt. Bevor man das Horn anbläst, legt man es einige Zeit ins Wasser, damit sich das Rohr ausdehnt und das Instrument luftdicht wird.

Das Gebiet, wo das Mittwinterhornblasen noch gepflegt wird

Das Gebiet, wo das Mittwinterhornblasen noch gepflegt wird

Das Mittwinterhorn

Das Mittwinterhorn

Als Mundstück dient ein schräg abgeschnittener Fliederzweig, aus dem das Mark entfernt worden ist, und den man Happe (= Happen) nennt. Das Instrument wird also nicht wie die üblichen Hörner gerade angeblasen (end-blown), sondern seitlich (side-blown)³ (Abb. 2 und Photo).

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Aber nicht nur diese archaische Ansatzweise ist typisch, auch die ganze uralte Spieltradition ist sehr charakteristisch und eigenartig. Man bläst das Mittwinterhorn meist abends oberhalb eines Brunnens, der als Resonanzboden fungiert (Gebirge hat man hier nicht!), wobei alphornartiges «Jodeln» zwar durchaus möglich ist (man hat einen Bereich vom 2. bis zum 7. oder 8. Naturton), aber von den meisten Bläsern zugunsten einfacher, langgezogener, wehmütiger Töne abgelehnt wird (siehe Notenbeispiel).

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Man spielt ausserdem nur vom ersten Adventssonntag bis zum Dreikönigsfest. Ausserhalb der Weihnachtszeit ist das Blasen untersagt und soll das Horn im Brunnen aufbewahrt werden⁴. Die Überlieferung will, dass dieses Hornspiel die Ankündigung der Geburt Jesu Christi durch die Hirten darstellt, aber alles deutet darauf hin, dass die Tradition aus vorchristlichen Zeiten stammt. Unter der christianisierten Hülle verbirgt sich aller Wahrscheinlichkeit nach ein uraltes heidnisches Beschwörungsritual⁵: Während der Mittwintersonnwende (am 21. Dezember) befruchtet das Horn – von altersher ein männliches Symbol für Kraft und Potenz – den Schoss der Mutter Erde, auf dass im nächsten Jahr die Felder wieder Früchte tragen.

Die hier gezogene Verbindung zwischen Hornspiel und Fruchtbarkeit ist bestimmt nicht weit hergeholt. Man denke zum Beispiel an die Verwendung von Hörnern während Initiationsriten bei primitiven afrikanischen Völkern, an die Cornucopia (ein üppig mit Feldfrüchten ausgeschmücktes Füllhorn) oder an die altslawische Sitte, in der Christnacht die Bäume mit einem Horn zu schlagen und dabei zu sprechen: «Schlag ich dich mit dem Horn, schlag' du mich mit Früchten!»⁶.

Ein ähnliches Zeremoniell wie in Twente findet man auch im Talmud-Kapitel «Rosh-hashana», wo der orthodox-jüdische Brauch geschildert wird, den Schofar oberhalb eines Brunnens oder Wassergefässes zu blasen⁷. Auch hier ist die symbolische Vereinigung von männlichem und weiblichem Element unverkennbar.

Die katholischen Bauern aus Twente, die an Winterabenden ihre Holzhörner blasen, sind sich des hier hergestellten Zusammenhangs nicht bewusst. Doch gleichgültig, ob man das Mittwinterhornblasen als eine Ankündigung des Christkindes betrachtet oder als ein heidnisches Beschwörungsritual (beide Fassungen symbolisieren schliesslich neues und unvergängliches Leben!) – jeder, der in einer frostigen, stillen Winternacht die von allen Seiten einsetzenden magischen Klänge der Mittwinterhörner auf sich zukommen hört, wird tief von diesem mystischen Urereignis beeindruckt.

Der Verfasser dieses Artikels hat selber das Mittwinterhorn im Konzertsaal eingeführt. So hat er zum Beispiel in Weihnachtskonzerten die Hirtenhornstimme der Sinfonia pastorella von Leopold Mozart auf einem Mittwinterhorn in G (Länge ca. 1,55 m) geblasen. Am 26. Dezember d. J. wurde eine Aufführung dieses Werkes im Rahmen eines Weihnachtskonzertes im grossen Saal des Concertgebouw Amsterdam gegeben.

Obgleich dabei nicht beansprucht werden soll, authentisches Mittwinterhornblasen zu bieten (die alphornartige Melodik in Mozarts Werk und die Verwendung eines normalen Hornmundstückes würden das verbieten), passt gerade diese Hirtensinfonie besonders gut zur Tradition des Hornblasens als feierlicher Ankündigung der Geburt Jesu Christi durch die Hirten.

Anmerkungen

¹ Alphornartige Instrumente findet man ausserhalb der Schweizer Alpen u. a. in den Karpaten, den Pyrenäen, im Kaukasus, in Skandinavien, Zentralasien und Afrika. Vgl.: Musik in Geschichte und Gegenwart (Kassel, 1949 ff.): Alpenmusik; Horninstrumente.

² Auch jenseits der deutsch-niederländischen Grenze (Kreis Meppen) kannte man bis ins 19. Jahrhundert ein ähnliches Adventsblasen. Vgl.: E. Jans, Het midwinterhoornblazen (Enschede, 1977).

³ Tierhörner sind an der Spitze oft so hart, dass man sie mit primitiven Werkzeugen nur schief abschneiden kann. Dieses Verfahren hat man dann später auf die hölzernen Imitationen der Tierhörner übertragen. Zit. nach Sybil Marcuse, Musical Instruments (London, 1961): Horn.

⁴ Zweifellos ein Überrest des alten Tabus, welches das Anschauen von geheiligten Gegenständen verbietet. Übrigens sind Brunnen selten geworden und die modernen – oft geleimten – Hörner werden heutzutage meistens im Hause als Dekoration an der Wand aufgehängt. Die Tradition, das Instrument nur in der Weihnachtszeit zu blasen, wird aber strengstens aufrechterhalten.

⁵ Vgl.: W. Thijsse, De Midwinterhoorn en zijn funktie (Mens en Melodie 12, 1979).

⁶ Zit. nach M. G. G. a. a. O.

⁷ Zit. nach C. Sachs, The History of Musical Instruments (New York, 1940): Chapter II, 3, the Shofar.

Herman Jeurissen

Herman Jeurissen

Lebenslauf

Herman Jeurissen wurde am 27. Dezember 1952 in Wijchen bei Nimwegen (Niederlande) geboren. Nach der höheren Schule begann er 1970 sein Hornstudium am Brabanter Konservatorium Tilburg bei Adriaan van Woudenberg. Später studierte er noch einige Zeit bei Michael Höltzel in Detmold.

Nach Anstellungen beim Concertgebouw-Orchester als 4. Hornist und dem Utrechter Sinfonieorchester als 1. Hornist wurde er 1978 als Solohornist am Residenz-Orchester Den Haag engagiert. Im selben Jahr wurde er mit dem «Prix d'excellence» ausgezeichnet, ein Jahr später mit dem silbernen Kranz der «Freunde des Concertgebouw Amsterdam».

Als Solist ist er mit verschiedenen Orchestern in Holland, der BRD, Frankreich und Österreich aufgetreten und hat mehrere Rundfunk- und Fernsehaufnahmen gemacht. Überdies betreut er die Hornklasse am Brabanter Konservatorium Tilburg.

In seiner Freizeit spielt er Alphorn und Mittwinterhorn (ein holländisches Mini-Alphorn), arrangiert (Bearbeitungen für Hornensemble erschienen in Marvin McCoy's Horn Library) und widmet sich musikwissenschaftlichen Studien, die es ihm ermöglichten, Bruchstücke Mozartscher Hornkonzerte aufzufinden und ergänzend zu rekonstruieren.

Das Ergebnis des Mozart-Studiums ist in der Faksimile-Kollektion Das Horn bei Mozart (Ed. H. Pizka, München, 1980) veröffentlicht. Die von ihm vervollständigten Mozart-Hornkonzerte Nr. 5 und 6 (KV 370b/371 und 494a) hat er selber auf Schallplatte eingespielt (MDG 1039; EMI Electrola ASD).

Eine Platte mit Kammermusikwerken von Franz und Richard Strauss, zusammen mit Cornelia Wulkopf (Alt) und Klaus Schilde (Klavier), wird im Herbst 1981 erscheinen.

Brass Bulletin 37, I / 1982 Seiten 11–13

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