BB: Das galt für alle?
P.: Ja. Auf jeden Fall empfehle ich, am Anfang des Studiums das reine F-Horn zu nehmen, aus drei Gründen: Erstens ist es wesentlich leichter als ein modernes Doppelhorn; dadurch werden Schultergelenksschädigungen bei den Kindern vermieden. Zweitens bekommt man eine klare Tonvorstellung, wie ein Hornton klingen kann. Später auf dem Doppelhorn lässt sich eine ähnliche Tonqualität erreichen. Der dritte Grund: wenn man F-Horn bläst, bekommt man mehr Kondition. Es ist genauso wie bei einem Sportler, der im Schwimmbecken mit angehängten Gewichten schwimmt, also mit Handicap arbeitet: im Ernstfall geht es dann wesentlich besser.
BB: Man soll also mit dem F-Naturhorn anfangen?
P.: Der beste Anfang ist mit Kindern im Volksschulalter, unter 10 Jahren. Der Beweis war das Horn-Symposium, da gab es Teilnehmer, die schon mit 6 Jahren angefangen hatten. Einer der grossen Solisten, der schon früher anfing, ist Ifor James: er begann bereits im Alter von 3 Jahren mit dem Kornett. Mit 7 Jahren stand er zwei Mal täglich auf der Showbühne. Diese frühe Beschäftigung, dieses frühe Auftreten bringt eine unheimliche Selbstsicherheit mit sich; man hat einen Altersvorsprung.
Aber bei meinem Sohn mache ich es so, dass er bis zum 10. Lebensjahr überhaupt kein Ventilhorn in die Hand bekommt. Er soll nur Naturhorn spielen; spielerisch lernen, was man alles machen kann auf diesem Instrument, ohne jeden Zwang.
BB: Zu welcher Methode raten Sie?
P.: Zuerst ohne Noten, rein spielerisch. Ein paar Minuten, dann wieder Pause, und wenn der Schüler keine Lust hat, wird er überhaupt nicht gezwungen zu üben, es soll spontan kommen; alles was spontan kommt, sitzt besser. Ich verwende die Naturhornschule von Freiberg und anschliessend, als Repetition, die Naturhornschule von Schantl; man kann auch beides mischen.
Der nächste Schritt der Ausbildung ist eine technische Schulung: Intervalle hören und treffen, Rhythmus. Es gibt da — nach wie vor unübertroffen — Schantl Nr. 2, die grosse Intervallschule. Das ist nun also für die Grundausbildung das A und O. Eine Schantl-Schule ist trockenster Stoff; man muss ihn auflockern durch kleine Spielstücke, die der Schüler dann schon auf dem Ventilhorn spielen kann.
Auch für das Naturhorn muss man kleine Stücke suchen, die er schon spielen kann, damit der Schüler bei Laune bleibt und eine gewisse Befriedigung findet. Nach Möglichkeit gleich am Anfang Duette oder Quartette einfachster Art spielen; es geht um das Hören.
BB: Wie viele Jahre sollte man Naturhorn blasen?
P.: Das kann man nicht festlegen. Es richtet sich nach der Entwicklung. Man kann einen Teil des gesamten Studienmaterials überspringen oder etwas dazunehmen, wenn jemand das noch braucht. Aber einen Schüler, der wirklich ungeeignet ist, sollte man rechtzeitig darüber aufklären und nicht beim Unterricht ans Geldverdienen denken, sondern an die Weitergabe von Kenntnissen. Und man sollte in niemandem die Hoffnung wecken, dass er den Musikerberuf ergreifen könnte, wenn nur bedingte Chancen da sind.
BB: Was schlagen Sie als Methode für Ventilhorn nachher vor?
P.: Kopprasch-Etüden, nach wie vor, und erst relativ spät, wenn die instrumentale Ausbildung sehr weit fortgeschritten ist, die modernen Etüden. Dann ist immer noch Zeit zur Ausbildung für die moderne Musik und für die Anforderungen, die sie heute an uns stellt. Das kann man in einem halben Jahr zum Schluss des Studiums schaffen.
Wichtig ist am Anfang des Ventilhornspiels, dass man kleine Stücke spielt mit anderen Instrumenten zusammen, nicht nur Kammermusik, sondern vor allem mit dem Klavier, um sich an korrekte Intonation zu gewöhnen.
BB: Können Sie uns etwas über die Geschichte des Wiener Horns und seine Stellung in der heutigen Welt erzählen?
P.: Das Wiener Horn ist ein ganz spezielles Instrument; es ist eigentlich eine Reliquie aus der alten, längst vergangenen Zeit. Es hat als einziges Horn die Dimensionen der Klassik voll bewahrt, d.h. es hat sich direkt aus dem Naturhorn entwickelt. In Wien gibt es das von Ullmann gebaute Naturhorn, das die Vorstufe zum Ventilhorn bedeutet, und es wurde auch das Ventilhorn in Wien entwickelt. Die Schubventile sind die ersten richtig funktionierenden Ventile; die Kastenventile waren im technischen Sinn noch unbrauchbar. Erst Leopold Ullmann hat zwischen 1820 und 1830 die richtig funktionierenden dreiventiligen Hörner gebaut.
Seit dieser Zeit wurde das Wiener Horn nur geringfügig technisch verändert, in den Ventilen, und auch die Mensur präziser gebaut. Etwa 100 Jahre lang wurde dann überhaupt nichts verändert.
Die Stellung des Wiener Horns? Wiener Horn spielen die Wiener Philharmoniker, und die Wiener Symphoniker kehren angeblich zum Wiener Horn zurück, da es jetzt wieder gute Instrumente gibt. Auf dem Wiener Horn ist natürlich nicht jede Art von Musik zu produzieren, rein aus klanglichen Gründen. Es gibt kein Horn, auf dem man alles spielen kann.
Der Vorteil des Wiener Horns ist die Biegsamkeit des Tones. Man kann den Ton ganz leicht allen anderen mitspielenden Instrumenten anpassen, ihn ganz leicht verfärben. Der Klang reicht vom weichsten, tragfähigen Pianissimo bis zum grössten heldischen Fortissimo und bricht nicht weg.
Die Verwendung des Wiener Horns heute? Der Solist, wenn er die nötige Courage dazu hat, die nötige Disziplin und Kraft, kann gewisse Stücke darauf spielen. Ich habe z.B. in meinem Répertoire mit dem Wiener Horn die Mozart-Konzerte, beide Strauss-Konzerte, Franz Strauss, das Hindemith-Konzert und die Britten-Serenade. Man könnte noch andere romantische Konzerte darauf spielen, aber damit ist eigentlich der Aufgabenbereich des Wiener Horns umrissen.
Ein grosser Teil kommt noch hinzu: die Kammermusik. In der romantischen Kammermusik dürfte das Wiener Horn im Klang absolut unerreicht sein.
BB: Was für ein Horn sollte der heutige Orchestermusiker haben, der alle Art Musik spielen muss?
P.: Im heutigen Orchester — Österreich ausgeklammert — ist es unumgänglich, dass man auf dem Doppelhorn spielt, weil es der Klangvorstellung eines modernen Orchesters entspricht. Allerdings ist das regional verschieden. In Frankreich z.B. geht man leider zum grossen Doppelhorn über und kommt von der engen französischen Bohrung ab, und dabei fällt wieder ein spezifischer Teil aus der Musikwelt heraus.
Die Hörner sind ja ein echter Faktor in der Unterscheidung der Orchester. Es klingen langsam alle Orchester vollkommen gleich, und es wird uninteressant, in ein Konzert zu gehen. Eines spielt besser, eines schlechter, aber ich sehe keine Differenzierung mehr.
Man könnte auch im heutigen Orchester sehr viel F-Horn blasen, aber es ist im Klang etwas anders als das Wiener Horn. Das Ideal lässt sich allerdings nur in einer einzigen Gruppe verwirklichen, das ist die Wiener Horngruppe, wo ausnahmslos mit den gleichen Instrumenten gespielt wird. Es ist vielleicht noch in England möglich, wo sich eine sehr eigenständige Art des Hornblasens entwickelt hat.
Die verschiedenen Arten, Horn zu spielen, sollten bewahrt bleiben. Wir sollten in der Beurteilung anderer Hornisten nicht subjektiv, sondern objektiv urteilen, d.h. eine komplexe Leistung, auch in einem Stil, der uns völlig fremd ist, anerkennen als komplexe grosse Leistung.
BB: Kurz gefragt: Was tun Sie gegen Nervosität?
P.: Was ist Nervosität?
BB: Horn-Workshops?
P.: Eine ausgezeichnete Sache, guter Kontakt mit der ganzen Welt... Empfehlung für jeden: Zuhören, zuhören, zuhören.
BB: Dirigenten?
P.: Gibt es noch welche?
BB: B/hoch-F-Hörner, oder sagen wir Diskant-Hörner?
P.: Ich benutze auch Diskant-Hörner, aber die gehören nur in die Hand von wirklich ausgebildeten Musikern. Vorher darf man sich ruhig etwas plagen.
BB: Hornistinnen?
P.: Warum nicht, sie sind sehr sympathisch. Es gibt natürlich immer Probleme in den Gruppen, aber wenn man Hornistinnen ausbildet, muss man ihnen auch die Chance geben, den Beruf auszuüben.
BB: Weshalb gibt es so wenig berufstätige Hornistinnen in Europa?
P.: Ein alter überzogener Zopf, alte Vorurteile.
BB: Sollte ein Probespiel immer hinter einem Vorhang stattfinden?
P.: Absolut... auch da wird «geschoben».
BB: Würden Sie uns etwas über ihre Notensammlung erzählen?
P.: Ja, vor zwei Jahren war ich zu einem Gastspiel in Wien. Bei der Gelegenheit erinnerte ich mich an die Tochter meines Lehrers Freiberg, rief sie an und fragte, ob ich eine sogenannte Reliquie meines Lehrers bekommen könnte, ein altes signiertes Foto, oder eine Stimme, die er hatte, oder ein altes Horn. Ich bin sofort hin und war ganz überrascht, dass die gesamte berühmte Sammlung Karl Stiglers und Gottfried von Freibergs noch komplett vorhanden war.
Bei diesem Gespräch erfüllte sich der grösste Traum meines Lebens: es gelang mir, diese für die Hornisten der ganzen Welt bedeutendste Sammlung zu erwerben. Ich habe sie noch weiter ausgebaut, und heute umfasst die Notensammlung ungefähr 10.000 Titel für Horn: Über 1000 Stücke für Horn und Klavier, ca. 3000 Ensemblestücke, das gesamte Schulwerk von ca. 120 Horn-Methoden, ca. 3500 Horn-Etüden, hunderte Trios und Duette, ungefähr 300 Hornkonzerte mit dem gesamten Material von der Barockzeit bis heute, sehr viele wichtige Autographen.
Einiges davon wird schon ausgewertet, aber alles braucht seine Zeit.
BB: Wievieles davon ist bis jetzt veröffentlicht?
P.: Ganz wenig — einige Ensemblestücke, einige Konzerte. Es müsste mir erst gelingen, eine lehrende Position zu schaffen, dann hätte ich mehr Zeit, um das Ganze auszuwerten.
Dazu besitze ich noch eine Sammlung von 80 Instrumenten aus der Geschichte des Horns und baue sie noch weiter aus. Ich freue mich über jeden Besuch eines Kollegen, dem ich — nach entsprechender Anmeldung — meine Sammlung zeigen kann.
Ich stehe auch jedem für Anfragen über bestimmte Stücke zur Verfügung.