Brass Bulletin 28, IV / 1979 (Seite 29–33) · 5 Min. Lesezeit
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Von der Empfindlichkeit der Blechblasinstrumente

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Von der Empfindlichkeit der Blechblasinstrumente

Im Artikel, dem Robert Ischer den Titel «Ich habe dieses Instrument selbst geformt» (Brass Bulletin 17) gegeben hat, wird bewiesen, dass es unmöglich ist, ein Blechblasinstrument durch das Spielen zu verbessern, und dass es immer das vom Instrumentenmacher gelieferte Objekt bleiben wird. Zu diesem Thema möchte ich eine Erfahrung beitragen, die gegen diese Theorie spricht, und die alle Blechbläser interessieren dürfte.

Seit meinem 14. Lebensjahr spiele ich Jagdhorn — gegenwärtig bin ich über 40. Ich kenne das Instrument gut, darf also behaupten, dass es für die Qualität seines Bläsers empfindlich ist. Ein gutes Horn verliert an Geschmeidigkeit und Weichheit, sobald es von einem schlechten Bläser gespielt wird, und den guten Bläser wird es einige Zeit kosten, bis er es wieder geschmeidig und weich geformt haben wird. Ebenso wird ein Horn, das mehrere Monate lang nicht gespielt worden ist, schwer zu blasen sein, und es wird auch in diesem Fall etwas dauern, bis es seinen ursprünglichen Wohlklang wird wiederfinden können. Das gleiche gilt wiederum für ein neues Horn, das seine Eigenschaften erst erhalten wird, nachdem es einen bis zwei Monate gespielt worden ist. Hingegen ist es nicht einmal dem geschicktesten Bläser gegeben, ein schlechtes Instrument zu verbessern.

Solche Behauptungen mögen überraschen; ich bin aber nicht der einzige, der sie vertritt. Jagdhornbläser machen seit eh und je solche Erfahrungen und sind sich darin einig.

Was soll man also von Robert Ischers Theorie halten?

Meiner Meinung nach beruht sie auf einem falschen Ausgangspunkt, und zwar auf der Beweisführung durchs Absurde. Demnach sollten sich zur Verbesserung eines Instrumentes durch Ablagerung irgendeiner Materie privilegierte Schwingungsknoten bilden können, was gewisse Töne zum Nachteil anderer begünstigen würde. Eine solche Schlussfolgerung ist nicht zulässig. Dabei wird nämlich auch vergessen, dass die Entfernung zwischen zwei Schwingungsknoten nur die Höhe eines Tons, nicht aber dessen Qualität bestimmt.

Ich denke, dass die Klangqualität hauptsächlich von der Beschaffenheit des Metalls, aus dem das Instrument gemacht ist, abhängt; da die Schwingungen von der Metallwand reflektiert werden, muss doch ihrer Beschaffenheit eine Bedeutung zugemessen werden, sonst könnte doch irgendein Metall, ja sogar ein Kunststoff, verwendet werden.

Ich nehme an, dass meine Erklärung keineswegs wissenschaftlich ist, sie beruht aber auf der Beobachtung von Fakten — deshalb komme ich zum Jagdhorn zurück.

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Die besten Hörner werden noch immer nach einem Verfahren hergestellt, das vom Ende des 17. Jahrhunderts stammt, der Epoche, als die ersten Naturhörner erschienen, aus denen sich das Horn entwickelt hat.

Die Stürze und ihr (etwa 120 cm langes) Rohrstück werden aus einem Kupferblatt ausgeschnitten — wie in der Skizze I F gezeigt wird — und dann geformt, d.h. aufgerollt — Skizze II F —, während ein anderes dreieckiges Blatt, das «Spitze» heisst, die Stürze unten abschliesst. Beide Teile werden mit einem Kupferfaden «vernäht» — Skizze III C —. Nun wird das Stück auf eine Lehre aufgesetzt — Skizze III M — und sorgfältig getrieben, bis die Naht breit gedrückt ist, und um der Stürze ihre endgültige Form zu verleihen, bevor sie dem runden Rohr angepasst wird, das den Korpus des fertigen Instrumentes bildet — Skizze IV —.

Dieser Vorgang ist von grösster Bedeutung hinsichtlich der Klangqualität und der Geschmeidigkeit des Hornes. Selbstverständlich kann dieses Verfahren nur handwerklich ausgeführt werden (ein tüchtiger Handwerker braucht an die 50 Stunden, um nach diesem Verfahren ein Horn herzustellen). In Frankreich gibt es nur noch einen einzigen Handwerker, der solche Hörner herzustellen weiss.

Fabrikmässig hergestellte Hörner, solche also, deren Stürze gepresst wird, sind den handwerklich erzeugten Hörnern nicht gleichzusetzen. Deshalb sind alte Instrumente, sogar sehr alte oder schadhafte Instrumente, sehr beliebt und gesucht. (Da ein Horn kein bewegliches Element hat, nutzt es sich nicht ab.)

Man kann ein handgemachtes Horn sehr leicht von einem gepressten Horn unterscheiden, indem man die Stürze des Instruments leicht antippt: ersteres gibt dann einen matten Ton, als ob man auf eine dicke Pappe schlagen würde; das zweite hört sich metallisch an, als habe man auf einen Kochtopf geschlagen (wie übrigens alle anderen Blechblasinstrumente). Nun sind gerade die handgemachten Hörner für die Wertschätzung des Musikers am empfindlichsten.

Man muss wissen, dass das Treiben eines Metalls dessen Härte und Dichte erhöht, die wiederholten Hammerschläge (bis zu 10 000 auf eine Stürze!) verursachen allmählich eine Veränderung der Molekularstruktur. Das erhärtete Metall vermag die Schallwellen besser zu reflektieren.

Daher eben auch die Annahme, dass die Schwingungen, die im Mundstück von den Lippen erzeugt werden, ebenso eine Art Massage im Innern des Instruments bewirken können: Eine Stürze aus getriebenem Kupfer erleichtert die Tonansprache, was ja von der Praxis bestätigt wird. Und: ein oft und gut gespieltes Horn wird durch diese von den Schallschwingungen erzeugte Massage in optimaler Form gehalten, was auch durch Tatsachen bewiesen werden kann.

Für ein Blechblasinstrument sind Klangqualität und -färbe von einer guten Dosierung der Naturtöne oberhalb des sechsten in hohem Masse abhängig. Durch Üben kann der wahre Musiker zur rechten Dosierung gelangen und seinem Ohr und seinem Instinkt trauen. Ist nun meine Hypothese der Massage durch Schwingungen auch nur ansatzweise richtig, dann kann der Musiker sein Instrument tatsächlich formen.

In seiner Beweisführung vergisst Robert Ischer, dass ein Ton nicht von einer einfachen Schallwelle gebildet wird: Naturtöne erzeugen eine grosse Anzahl von Zwischenknoten und -bäuchen, die sich über die Hauptknoten und -bäuche lagern. Wollte man eine künstliche Ablagerung von Materie zur Verbesserung dieses oder jenes Tones bilden, würde man sie eher verschlechtern.

In meiner Hypothese hingegen unterliegt die gesamte Innenfläche der Röhre der Massage durch Schwingungen. Die Verbesserung ist also global, über den ganzen Tonumfang des Instrumentes hinweg.

Wer hat also recht? Ich spiele auch Trompete, habe aber nicht ausreichend Erfahrung, um hier mit gleicher Kompetenz zu sprechen. Ich denke aber, dass ein getriebenes Instrument eine ausgeprägtere Empfindlichkeit hat. Was ich beim Jagdhorn als besonders charakteristisch beobachten konnte, ist wahrscheinlich bei anderen Instrumenten nicht so offensichtlich.

Würde ein Instrumentenmacher das Risiko eingehen, eine Trompete oder eine Posaune mit einer nach obenerwähntem Verfahren zusammengesetzten Stürze zu bauen, könnten wir ein vielversprechendes Experiment machen.

Zu diesem Thema möchte ich noch über eine letzte Beobachtung berichten. Ich habe einmal ein altes Jagdhorn geblasen, dessen beschädigtes Mundrohr durch ein einfaches kupfernes Rohr ersetzt worden war, wie man es beim Klempner finden kann. Der Klang war ebenso voll und rein wie bei einem einwandfreien Horn — was logisch scheint, bedenkt man, dass der Ton seine endgültige Form und Farbe im Endstück der Röhre und in der Stürze erhält, ehe er ins Freie tritt!

Und wie wir es beschrieben haben, werden allein die Stürze und ihr Rohrabschnitt (also insgesamt etwa 120 cm) in der eingangs geschilderten Technik des Hämmerns erzeugt, womit bewiesen ist, dass sie eine wesentliche Bedeutung in der Qualität des Instruments haben.

Mit solchen Ausführungen haben wir uns von der pädagogischen Ebene entfernt, auf die Robert Ischer die Diskussion verlegt, wo ich allerdings ganz und gar mit ihm übereinstimme: Das Instrument darf dem Schüler nicht als Ausrede für geringe Begabung dienen. Das aber ist ein ganz anderes Problem.

 

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