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Internationaler Musik-Wettbewerb, Genf CIEM 1973 - Posaune

Auf dem Programm des internationalen Musikwettbewerbes in Genf war die Posaune. Vom 19. bis zum 29. September 1973 wurden die Prüfungen gemäss der Genfer Tradition in drei Etappen durchgeführt:

eine anonyme Ausscheidung, wobei Jury und Kandidaten durch einen Vorhang getrennt waren;
ein öffentlicher Vortrag mit Klavierbegleitung;
eine letzte Ausscheidungsprüfung in Form eines öffentlichen Konzertes mit Orchesterbegleitung (Orchester de la Suisse romande).

Es ist umso interessanter, darauf zurückzukommen, da Genf nur eine Etappe bildet für die wettbewerbsbegierigen jungen Posaunisten; sie werden sich nämlich im Frühling in Prag und im Herbst 1974 in München wiederum treffen.

Auf diese Ereignisse hin taucht bei manchen eine erste Frage auf: Wie steht es mit den Unterschieden zwischen den einzelnen Schulen? Die früher sichtlichen Unterschiede zwischen den wichtigsten nationalen Schulen sind sehr verwischt, wenn nicht sogar ganz verschwunden, und zwar dank dem zunehmenden Kontakt zwischen Musikern (gefördert durch Tourneen und zahlreiche Wettbewerbe), und auch dank einer immer grösseren Verbreitung von Büchern, Noten und audio-visuellen Mitteln.

Ganz verschiedene Faktoren haben zu diesem Ergebnis geführt. Bei den Franzosen zum Beispiel ist die Posaune mit enger Bohrung nicht mehr in Gebrauch. Konnte man sich übrigens heute noch ein Register mit solchen Instrumenten für die 1. Symphonie von Brahms denken, wo die Bassposaune das tiefe Es und C des Chorals in der Oktave spielen müsste? Dies kam jedoch vor etwa 20 Jahren noch vor.

Gewiss liessen sich manch ähnliche Beispiele finden im Zusammenhang mit anderen Schulen. Unser Instrument nämlich bleibt für alle dasselbe, welcher Preisklasse es auch angehören mag, und es erfordert daher auch dieselbe Grundtechnik. Für den Ton eines Blasinstrumentes ist die Luft und damit also die Atmung ausschlaggebend. Wie soll man nun atmen? Wie bläst man ins Instrument, wenn man einmal über das nötige Luftvolumen verfügt? Wie wird die Zungen- und Lippenarbeit aufs beste gefördert? Solche Probleme müssen gelöst werden. Es führte allerdings zu weit, sie hier näher zu behandeln! Wichtig ist es, dass jeder Musiker sich dessen bewusst wird und dass Erfahrung und Studium ihm ermöglichen, solche Probleme für sich und seine Schüler zu lösen. Logische und ideale Lösungen stimmen miteinander überein; was aber einen Unterschied ausmacht, ist vielmehr die individuelle Prägung des Instrumentalisten. Gewiss waren verschiedene Auffassungen von der Posaune mehr oder weniger bedeutenden Änderungen ausgesetzt. Die Änderung wesentlicher Begriffe aber führte zu einer immer vollkommeneren Übereinstimmung, ja, einer allgemeinen Auffassung, die als verbindliche Urteilsnorm gelten kann. Aus diesem Grunde konnten wir als Jurymitglieder auch nicht die Herkunft gewisser Teilnehmer bestimmen, und eine eventuelle Voraussage hätte nur unseren Scharfsinn in diesem Bereich in Frage gestellt.

Mit einer kleinen Statistik möchte ich hier für Interessenten das Programm kurz skizzieren: Jeder Kandidat hatte je ein Stück in drei Gruppen zu wählen, nämlich eine alte Komposition (es standen vier zur Wahl), ein Stück mit Klavierbegleitung (8) und ein Konzert mit Orchester (4).

Die 44 Kandidaten entschieden sich für folgende Komponisten:
In der 1. Gruppe: Wagenseil (16 mal gewählt); Händel (16); Marcello (6); Gaillard (6);
In der 2. Gruppe: Ropartz (11); Casterède und Dutilleux (8); Hess (7); Krol (4); Looser (3); Serocki Konzert (2); Bozza Chaconne (1);
In der 3. Gruppe: Martin (27); Milhaud (12); Schibler (3); Schiffmann (2).

Jene 12 Posaunisten, die zum Rezital zugelassen wurden, trafen folgende Wahl:
In der 1. Gruppe: Wagenseil (7); Händel (3); Marcello (2);
In der 2. Gruppe: Hess und Ropartz (3); Krol und Looser (2); Casterède und Dutilleux (1);
In der 3. Gruppe: Martin (8); Milhaud (4).

Lassen wir diese Zahlen sprechen und stellen wir ganz einfach fest, dass die Konzerte von Wagenseil und Händel (obgleich es sich um Transkriptionen handelt) sowie die Ballade von Frank Martin in den verschiedenen Gruppen einen gebührenden Platz einnehmen. Andrerseits ist das Stück in Es von Ropartz in musikalischer und instrumentaler Hinsicht interessant und bleibt für unser Repertoire wichtig.

Das Wettbewerbsprogramm umfasst ausserdem eine Prüfung für alle Teilnehmer im Blattlesen am Schluss der ersten Ausscheidungsrunde. Die musikalische Ausführung war unterschiedlich. Nach den von der Jury erhaltenen Anweisungen ist diese Prüfung sehr zu begrüssen. Auf keinen Fall verhinderte sie den Zugang zum Rezital. Eine solche Prüfung scheint mir angebracht, da doch die meisten, wenn nicht alle Posaunisten, in einem Orchester spielen.

Eine andere Wettbewerbsbestimmung will, dass das vorgeschriebene Stück nur von den zwölf übrigbleibenden Teilnehmern in der 2. Runde gespielt wird. Dieses Jahr hat der Komponist Jean Perrin aus Lausanne dafür ein interessantes Werk geschrieben. Mit Ernst Hess (im Jahre 1966), Rolf Looser (1958) und Frank Martin (1940) trägt er somit bei, unser Repertoire vielfältiger zu gestalten – eine ehrenvolle Leistung!

Das Niveau der Posaunisten war recht gut, was übrigens auch von der Lokalpresse hervorgehoben wurde. So konnte man in einer Genfer Tageszeitung lesen, dass das Rezital für Posaune viel spannender war als jenes für Flöte (das jeweils auch in Genf als Wettbewerbsprogramm stattfindet).

Die Wettbewerbe von Genf, Prag und München sollen das Publikum immer mehr mit der Posaune vertraut machen, so dass sie nicht mehr bloss eine Randstellung in der Gruppe der Blechblasinstrumente einnimmt.

Brass Bulletin 7, I / 1974 Seiten 79–85

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