A. Bassposaune mit Doppelzug, System Halary
B. Bassposaune mit Doppelzug, System Fontaine-Besson
Der Jazz, ein Kind des 20. Jahrhunderts, hat Millionen von Herzen erobert, volkstümliche Improvisationskunst mit der Raffinesse der «gelehrten» Musik verbunden und die ausübenden Musiker vor neue, höchste Anforderungen gestellt, was extreme Tonlagen, Virtuosität, Gehör und Rhythmusgefühl anbetrifft.
Um sich den dadurch ausgelösten instrumentaltechnischen Fortschritt vor Augen zu halten, braucht man nur eine der klassischen Schulen für Blasinstrumente aufzuschlagen. So bezeichnete Jean-Baptiste Arban vor rund hundert Jahren in seiner berühmten Méthode complète für Cornet à pistons und Trompete die Lage zwischen a" und d'" als «schwierig». Was würde der altgediente Pädagoge wohl meinen, wenn er hörte, wie leicht heutige Trompeter das c'" mit auf der Handfläche liegendem Instrument hervorbringen oder Rimskij-Korsakovs unsterblichen Hummelflug gleich auf dem g" beginnen?
Denselben Hummelflug haben sich sogar schon die Posaunisten zu eigen gemacht (wie man sich bei diversen sowjetischen Wettbewerben seit den vierziger Jahren überzeugen konnte).
Die Verbesserung des technischen Niveaus ist zweifelsohne sehr wichtig, doch Voraussetzung dafür ist die Verbesserung der «materiellen Grundlage». So kommt es nicht von ungefähr, dass gerade im 20. Jahrhundert die Holzbläser vermehrt zu den französischen Griffsystemen übergingen, die ihnen grosse technische Möglichkeiten neu erschlossen. Sodann eigneten sie sich zwecks vermehrter Beweglichkeit das Doppelstaccato an.
Auch die Trompeter verwenden heute bessere Instrumente, wobei die heute verbreiteten Pumpventile, den früheren Drehventilen punkto Zuverlässigkeit, Geschmeidigkeit und Ansprache überlegen, notabene eine Weiterentwicklung des urtümlichsten Ventiltyps sind. Die Hornisten haben auf das vier- oder fünfventilige Doppelhorn umgestellt. Die Spieler der Pumpventil-Tuba blasen heute mit der Geschmeidigkeit von Flötisten.
Was die Posaunisten anbetrifft, so lässt sich sagen, dass sie einerseits durch die Vervollkommnung des Legatospiels, der ausdrucksvollen Gesanglichkeit (wie sie ein Tommy Dorsey in unvergesslicher Weise beherrschte), andererseits durch den Gebrauch von Quart- und Quintventilen ihre musikalischen und technischen Möglichkeiten beträchtlich erweitert haben.
Die Posaune mit Quart-/Quintventil und ihre Problematik
Die Ausrüstung der Posaune mit Quart-/Quintventilen erfolgte mit der Absicht, die Erzeugung der Töne in den äusseren Zugpositionen zu erleichtern. Denn die Posaune, ein einzigartiges und urtümliches Instrument, ist durch die konstruktionsbedingte Notwendigkeit handicapiert, den Aussenzug über beträchtliche Distanzen rasch verschieben zu müssen.
Macht das Spiel innerhalb der I. bis IV. Position keine besonderen Schwierigkeiten, so ist das Ziehen von der I. in die VI. und VII. Lage, bei einem Abstand von über 60 cm, recht unbequem, zeitraubend und mit technischen Problemen verbunden. Immerhin verlegen sich die Posaunisten immer mehr auf die Verwendung von Hilfspositionen, welche besonders in höheren Tonlagen weite Züge zu vermeiden ermöglichen. Darauf wird in den neueren Schulen (wie der von J. Ušak) viel Wert gelegt.
Doch damit ist das Problem nicht gelöst. Denn viele Posaunisten, vor allem erste, ziehen Instrumente ohne Quart- und Quintventil ihrer leichteren, helleren Ansprache wegen vor, denn die Einschaltung zusätzlicher Rohrstücke ist, wie auch die Verwendung von Hilfspositionen, der gewünschten Klangfarbe unter Umständen abträglich.
Dazu kommt, dass gewisse Verbindungen (wie etwa I - V) durch den Gebrauch der Ventile nicht ersetzt werden können, und solche Züge sind gerade im tiefsten Register unvermeidlich.
Kontrabass in C. Dieses als Kuriosität erhaltene Instrument war einst unter den Londoner Orchestermusikern als „King Kong“ bekannt. (Boosey and Co., London, um 1830.)
Die Posaune mit Doppelaussenzug: eine echte Alternative
Es gibt da eine Redensart, wonach das Neue lediglich gut vergessenes Altes ist. Mit den «modernen» Pumpventilen verhielt es sich ja genauso, wie wir eben gesehen haben. Und ganz ähnlich, so will mir scheinen, könnte es eines Tages mit den Posaunen geschehen.
Will man einen Ton um einen Halbton erniedrigen, so erfordert dies die Verlängerung der Luftsäule um 1/15 der Ausgangslänge. Bei der Rohrlänge der heute vorherrschenden Tenorposaune — 275 cm — beträgt diese Differenz 275 cm : 15 ≈ 18,3 cm. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die Posaune gleich «doppelspurig» ausgezogen wird, beträgt dann die Distanz zwischen der I. und II. Position noch ca. 9,15 cm.
Die Entfernung zwischen den Zügen II und III wird dementsprechend [(275 + 18,3) : 15] : 2 ≈ 9,8 cm, und nach aussen hin werden sich die Zugdistanzen so immer weiter vergrössern, so dass die gesamte Länge zwischen den Positionen I-VII rund 66 cm erreicht.
Bei der Konstruktion, an die wir hier erinnern möchten, wird nun aber die Distanz zwischen zwei Zugpositionen auf einfache, aber effiziente Weise auf die Hälfte reduziert: durch das gleichzeitige Ausziehen des Zuges auf vier «Kanälen».
Zur Anwendung gelangte dieses Prinzip bisher bei den besonders massiven und schwerfälligen Bass- und Kontrabassposaunen, insbesondere den Kontrabassposaunen von Boosey & Co., London (gebaut 1880) und den Bassposaunen von Halary und Fontaine-Besson. Dazu Illustrationen aus dem Buch The Trumpet and Trombone von Philip Bate (Ernst Benn, London, W.W. Norton, New York 1978).
Durch Halbierung des Abstandes zwischen den Positionen wird die zum Positionswechsel benötigte Zeit entsprechend verkürzt. Das Plus an technischen Möglichkeiten ist offensichtlich. Es rückt Töne in der VII. Position (entsprechend 50 cm vom Ausgangspunkt) etwa in den Bereich der VI. Lage (ca. 30 cm).
Woran mag es wohl liegen, dass die Posaune mit Doppelaussenzug trotz dieser Vorzüge keine weitere Verbreitung gefunden hat?
Ein Hauptgrund scheint uns in den instrumentenbaulichen Schwierigkeiten zu liegen, die mit der Anfertigung eines auf allen vier Innenzügen leicht gleitenden Aussenzuges verbunden sind. Ein weiterer Nachteil mag in der Entstehung zweier zusätzlicher Kröpfe gesehen werden, welche die Klangqualität der Posaune beeinflussen könnten.
Sonst aber sehe ich nichts, was gegen dieses Instrument sprechen könnte. Vielmehr will mir scheinen, dass es Gewohnheit, Unlust, sich mit Neuem zu befassen, eine gewisse Trägheit seitens der Musiker waren, die verhinderten, dass die offensichtlichen Vorteile dieser zukunftsträchtigen Konstruktion wahrgenommen wurden.
Doch dürfte in den hundert Jahren seit Erscheinen des Prototyps die Technik genügend fortgeschritten sein und auch die erforderlichen leichten Materialien zur Verfügung stehen, um eine solche Posaune mit genügend geringem Reibungswiderstand herzustellen.
Was das Argument der Klangqualitäts-Einbusse anbetrifft, so sollte sich seit der Massenverwendung von Quart- und Quintventilen (mit mehreren und zudem engeren Kröpfen) und von Hilfspositionen das Gehör bereits an die dadurch bedingten klangfarblichen Veränderungen gewöhnt haben.
Und das Cornet à pistons weist auch zwei Kröpfe mehr auf als die Trompete, steht dieser aber — in den Händen eines erfahrenen Kornettisten — hinsichtlich Ansprache und Tonfülle nicht nach. Ein grosser und prinzipieller Klangunterschied besteht jedenfalls nicht.
Nun aber zu den Vorteilen dieses zu Unrecht vergessenen Posaunentyps.
Einmal erübrigt es Quart- und Quintventile und die damit verbundenen Manipulationen mit dem linken Daumen und vermeidet die unnötige Gewichtszunahme. Die Gewichtsverteilung in der Posaune wird dank der kompakten Konstruktion bequemer und beständiger, da es nicht mehr nötig ist, den Zug für die VII. Position weit auszuziehen, wodurch sich das Instrument nach vorne neigt.
Am wichtigsten aber ist die Verringerung der Zugbewegung, welche, wie bereits dargelegt, gegenüber den konventionellen Instrumenten auf das Doppelte beschleunigt wird und eine entsprechend raschere Ausführung von Passagen ermöglicht. Die Erleichterung der Handtechnik ist beträchtlich: die grösste Zugdistanz von 30 cm (gegenüber 66 cm beim traditionellen Instrument) wird mühelos überwunden. Auch wird der Druck auf die Lippen beim Ziehen von VII nach I gemildert.
Sodann rückt dank den kürzeren Zugwegen auch die VIII., allenfalls sogar die IX. Position (was experimentell zu ermitteln wäre) in Reichweite. Abgesehen von der Erweiterung des Tonumfanges um einen Halb- oder Ganzton nach unten würde das bei gewissen schwierigen Stellen völlig neue Applikaturen ermöglichen.
Die Schritte von der I. in die VII. Position könnten mit gutem Erfolg durch solche von der VIII. in die VII. ersetzt werden, die ohne Anstrengung in dem Bereich auszuführen sind, wo sonst die Positionen IV und V liegen.
Damit sind die Voraussetzungen zum Verzicht auf Benutzung eines Quartventils aus technischen Gründen gegeben und kann die Konstruktion des Instrumentes wieder vereinfacht werden, bei gleichzeitiger Steigerung seiner technischen Möglichkeiten.
Die Positionsvarianten auf der Posaune mit Doppelzug sind ebenso bequem wie mannigfaltig. Durch die Verfügbarkeit der VIII. Position werden zudem neue Lippentriller und neue Möglichkeiten des Vortrags mit «reinem» Legato ohne Glissando erschlossen, z. B.
Ebenso lassen sich Läufe wie die folgenden mit «reiner» Bindung ausführen:
Der weiteren Möglichkeiten sind viele.
Auch die Möglichkeiten des Glissando, welches die Posaune unter allen Blasinstrumenten auszeichnet, werden erweitert. Auf der Posaune mit Doppelzug sind Glissandi im Umfang einer Quinte oder mehr realisierbar.
Die Zeit scheint mir reif zu sein, die Möglichkeiten, die dieses zu Unrecht verkannte Instrument in sich birgt, eingehender Prüfung zu unterziehen, und wer immer an der Weiterentwicklung der Posaunentechnik interessiert ist, sollte sich bewusst sein, dass diese altertümliche Posaune in der Lage ist, die technischen Möglichkeiten gegenüber den üblichen Modellen in mancher Hinsicht zu verdoppeln.
Nachdem wir diese Möglichkeiten nun theoretisch verstehen gelernt haben, ginge es nun darum, die Instrumentenbauer für diesen vergessenen Posaunentyp zu interessieren, was in Anbetracht der heutigen instrumentalen Leistungen und Anforderungen höchst angezeigt wäre.
Sache der Instrumentalisten bleibt es danach, die Posaune mit dem Doppelzug in der Praxis auf Herz und Nieren zu prüfen, und zwar nicht die Bassposaune, sondern die gewöhnliche Tenorposaune.
Es wäre deshalb zweckmässig, einige Symphonie- und Unterhaltungsorchester mit solchen Instrumenten auszustatten. Danach möge das Leben selbst über das weitere Schicksal der Posaune mit dem Doppelaussenzug entscheiden.