Brass Bulletin 22, II / 1978 (Seite 33–38) · 5 Min. Lesezeit
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Zen und die Kunst des Hornblasens

Teil 1

Von Jeffrey Agrell

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In den Musikzeitschriften ist das Thema der Rolle des Geistes, des geistigen Prozesses in der Musik trotz ihrer Bedeutung nur selten besprochen worden. In den nächsten Nummern werde ich dieses Thema behandeln anhand östlicher Philosophie (hauptsächlich der Zen-Philosophie) und deren Wert und Anwendungsmöglichkeit für das Musikerlebnis.

Nach einem kurzen Überblick über die westlichen und die östlichen Traditionen (wobei klar wird, dass jeweils eine andere Funktion des Geistes betont wird), werde ich vom Musikerlebnis in westlicher Anschauung sprechen, vom Wesen des Geistes und vom möglichen Beitrag der Zen-Philosophie zu den verschiedenen Manifestationen des Musikerlebnisses wie Komponieren, Dirigieren, Zuhören, Studieren, Unterrichten, Ausüben und Interpretieren.

1924 verließ Eugen Herrigel Deutschland, um in Japan an der Universität von Tokio westliche Philosophie zu lehren und Zen zu studieren. Man gab ihm zu verstehen, Zen könne nicht « studiert » werden, Zen könne nur bei der Ausübung einer der spezifisch japanischen Künste erfahren werden: Bogenschießen, Säbelfechten oder Blumenbinden. Herrigel wählte Bogenschießen in der Meinung, dass seine Fertigkeiten im Umgang mit Schusswaffen ihm dabei zugutekommen würden. Er irrte.

Die westliche Weltanschauung wurzelt in den alten griechischen und hebräischen Zivilisationen, d. h. in dualistischen Auffassungen: die Wirklichkeit wird in verschiedene Teile zerlegt, die benannt und bewertet werden.

Plato, dessen Werk am Ursprung westlicher Philosophie steht, zerlegt die Wirklichkeit in Erscheinungen und Begriffe (es gibt viele Katzen, sie leben und sterben, aber der Begriff Katze ist vollkommen und ewig). Für Plato gleicht der Mensch jenem Wesen, das auf den Mauern der Höhle die Schattenbilder dessen sieht, was sich hinter ihm im Freien befindet und sich dort bewegt. Diese Bilder sind das Unvollkommene, das von unseren Sinnen wahrgenommen wird. Der Philosoph aber verlässt die Höhle, um das Reich der Begriffe zu betreten und die Wahrheit zu sehen. Die Wahrheit wird über den Weg der Vernunft erreicht, sodass die Vernunft höchste Bedeutung erhält.

Aristoteles folgt und übertrifft sogar Plato: er zerlegt Erkenntnisse und Erfahrungen in Kategorien und Unterkategorien und erdenkt Methoden, dank denen es der Vernunft möglich wird, die Wahrheit zu entdecken. Hiermit verfügt die Menschheit über die Grundlagen der modernen Wissenschaft und Logik.

Das Erbe, das uns die Griechen hinterlassen haben, besteht also in dieser Überbetonung der Vernunft und in der Anwendung dieser Fähigkeit auf die dualistische Betrachtung und Analyse der Welt. (Die Vernunft wurde zum Mittelpunkt unserer eigenen Identität — eine Erkenntnis, die für die weitere Diskussion unseres Themas wichtig ist.)

Die östliche Philosophie, deren Quellen in den Lehren des Lao-Tse und des Siddhartha Gautama (des Buddhas) zu finden sind, steht im offenen Widerspruch zu dieser westlichen Auffassung. Zuallererst ist sie in ihrem Wesen keineswegs dualistisch, folglich nimmt sie die Wirklichkeit in ihrer Ganzheit, also als eine Einheit wahr.

Gegensätze sind hier verschiedene Erscheinungen eines Ganzen, wie etwa beide Seiten einer Münze oder beide Pole eines Magneten. Gegensätze wiegen sich gegenseitig auf, verlangen einer nach dem anderen. Es bedarf eines dunklen Hintergrundes, um eine helle Form zu unterscheiden; eines Partners, um zu spielen oder Sport zu treiben; sogar in der Kochkunst bedarf es eines Gleichgewichtes zwischen dem Süßen und dem Sauren.

Hier wird der Mensch nicht von der Natur abgesondert und erhält kein natürliches Recht, sie auszubeuten und zu manipulieren. Er selbst ist Teil der Natur, nichts als eine Erscheinung des Ganzen, des Tao.

Das wahre Ich des Menschen, seine Identität, die Quelle all seines Könnens ist nicht seine Vernunft, sondern ein tiefergelagertes Ich, dessen Intuitionen durch wortlose Wahrnehmungen verwirklicht werden können. Der Intellekt wird etwa als ein mechanisches Werkzeug betrachtet, mit eigener Berechtigung und mit der Befähigung, zu utilitaristischen Zwecken benutzt zu werden; ihm aber eine höhere Bedeutung einzuräumen, könnte ihn zum Hindernis im Erleben und im Genießen der wirklichen alltäglichen Welt werden lassen.

Zen ist das japanische Wort für das chinesische Ch'an, das wiederum aus dem Sanskrit Dhyana hergeleitet wird, das eine Form der Meditation bedeutet. Eine Meditation, die zum herkömmlichen Zen gehört und zum inneren Frieden, zur Verwirklichung des Ichs, zu einer schärferen Wahrnehmung der Sinne und zur Fähigkeit, seine Aufmerksamkeit genauer zu leiten, führt.

Charakteristisch ist eben am Zen-Studium, dass eine persönliche Erfahrung, die Ausübung einer spezifischen Kunst verlangt wird, und nicht die bloße Urteilskraft. Eugen Herrigel musste Zen durch die Kunst des Bogenschießens erlernen (erleben), weil Zen eine Lebensweise ist, die sich aus umschreibenden Worten über das Erlebnis anderer weder herleiten noch erfahren lässt (wodurch gleichzeitig bewiesen wird, dass Zen ein Weg zu etwas hin ist und nicht eine Philosophie oder eine Religion im herkömmlichen Sinne).

Der Leser sei gewarnt, dass ich in allem, was hier gesagt wird, das Wort Zen etwas willkürlich gebrauche — überall, wo es eine Tätigkeit gibt, kann es auch Zen geben — und dass diese Art Erfahrung im Westen auch unter anderen Namen bekannt geworden ist. Da aber östlicher Zen seit Jahrtausenden ganze Zivilisationen geprägt hat, ist es einfacher, ihn zu studieren als seine wenigen im Westen erhaltenen Quellen.

Ein Wissenschaftler¹ könnte auf die Frage « Welches ist das Wesen der Wirklichkeit? » mit einer endlosen Rede antworten, in der er vielleicht beim Atom anfangen, mit der chemischen Struktur der organischen und anorganischen Materie fortfahren und mit der wissenschaftlichen Klassifizierung und der Kenntnis aller Lebewesen enden würde.

Wollte man einem Zen-Meister die gleiche Frage stellen, müsste sie folgendermaßen ausgedrückt werden: « Welches ist der höchste Grundsatz des Buddhismus? » Er würde darauf auf unvorhersehbare, irrationale Weise antworten; vielleicht würde er schweigen, oder er würde sagen: « ein Sesamkorn ».

Sein Schweigen würde auf die ersten Worte des Tao Te Ching deuten: « Der Weg, der (in Worte) beschrieben werden kann, ist nicht der richtige Weg. » Begrenztes kann nicht Unbegrenztes ausdrücken.

Seine andere Antwort (falls der Fragende auf eine Antwort besteht) deutet darauf, dass das Wahre und für uns Wichtige in den einfachen Dingen liegt. Oder auch, dass alle Antworten gleichwertig sind, da jeder Teil eine Erscheinung des Ganzen ist — also warum nicht auch « ein Sesamkorn »?

Im einen wie im anderen Fall möchte er zu verstehen geben, dass der Fragende das Wirkliche, das Wahre nur im eigenen Erlebnis finden wird und nicht mittelbar durch eine fremde Autorität.

Für den Wissenschaftler ruht die Wahrheit in den Formen und Grundsätzen, denen alle Erscheinungen gehorchen; für den Zen-Meister liegt sie in der Bereitschaft, im täglichen Erleben allem und zu jeder Zeit Aufmerksamkeit zu schenken.

Wir aber möchten die Frage stellen: « Welches ist das wahre Wesen der Hornblaskunst? »

(Fortsetzung folgt)

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Notiz

¹ Jedoch behauptet der Biologe Dr. Lewis Thomas in seinem Essay Lives of a Cell (Leben einer Zelle), dass wir alle, von der Zelle bis zur organisierten Gesellschaft, vieles gemeinsam haben, eine Behauptung, die ihm umso wahrscheinlicher vorkommt, je mehr Kenntnisse er über das Leben und die Lebensprozesse aller Lebewesen sammelt. Das Studium der Ökologie beleuchtet die Verbindungen und Abhängigkeitsverhältnisse, aus denen die Natur besteht und in denen auch der Mensch lebt. Thomas, ein westlicher Naturwissenschaftler, zieht aus seinen Beobachtungen Schlüsse, die sehr östlich anmuten.

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