Brass Bulletin 22, II / 1978 (Seite 37–44) · 4 Min. Lesezeit
Alle Inhalte sind urheberrechtlich geschützt © Brass Bulletin 1978–2026

Reminiszenz an Posaunisten der Vergangenheit

Suche in diesem Artikel
Reminiszenz an Posaunisten der Vergangenheit

1. Ausschnitt aus dem Titelblatt des Werkes «Syntagma musicum» von Michael Praetorius. Im Hauptchor: Posaunen, Sänger, Pommer und taktierender Hauptdirigent. Von 1611 bis 1615 übernahm M. Praetorius, obwohl in braunschweigischen Diensten, bei feierlichen Gelegenheiten die Direktion der Kapelle.

Ich bin am 11.9.1920 geboren. Von 1935 bis 1939 studierte ich an der Orchesterschule in Radebeul bei Dresden Musik. Posaunenstudium von 1937 bis 1939 bei Herrn Alois Bambula. Darauf folgte mein Militärdienst von 1939 bis 1945 mit anschließender Kriegsgefangenschaft bis 1949. Nach nochmaligem 1-jährigen Studium wurde ich 1951 an das Sinfonieorchester Halle als Baßposaunist verpflichtet. Ab Februar 1952 bin ich als Baßposaunist in der Staatskapelle Dresden tätig. Seit November 1952 wurde ich zusätzlich an die Hochschule für Musik «Carl Maria v. Weber» Dresden als Lehrbeauftragter für Posaune berufen.

Zur Geschichte der Posaune gehören auch die Bläser, die in der Vergangenheit dieses Instrument meisterten. Daher erlaube ich mir, Ihnen Informationen über einige Posaunisten der Vergangenheit und somit über die Geschichte der Posaune im Orchester am Beispiel eines der ältesten Orchester der Welt, der Staatskapelle Dresden, zu berichten (Bild 3). Die Geschichte dieses Orchesters ist lückenlos vorhanden. Die Quelle meiner Information ist das Werk von Moritz Fürstenau: «Geschichte der Musik und des Theaters am Hofe zu Dresden» (Verlagsbuchhandlung von Rudolf Kuntze, Dresden 1861). Moritz Fürstenau selbst war Flötist in der damaligen Hofkapelle. In seinem Buch finden sich Angaben über berühmte Bläser der Posaune aus dem 17. Jahrhundert, so über zwei damals berühmte Virtuosen auf der Posaune aus der Zeit Michael Praetorius (1571–1621). Bei Moritz Fürstenau heißt es auf Seite 192: «Die gemeine Posaune war damals sehr beliebt und cultivirt, und wurde sogar als Concertinstrument benutzt. Schon Prätorius führt zwei große Virtuosen auf derselben an, Fileno zu München und Erhard aus Preußen zu Dresden. Ersterer blies in der Tiefe das große D, in der Höhe das zweigestrichene e; letzterer noch eine Quarte tiefer und eine kleine Terz höher (A bis g»), beide aber brachten Coloraturen und Sprünge mit Sicherheit heraus» (Bild 1).

Im Stellenplan der Kapelle aus dem Jahre 1651 ist erstmalig ein Daniel Philometis als Posaunist und Trompeter verzeichnet (Bild 2). Im Oktober 1671 wird die Stärke der Kapelle mit 41 Personen angegeben, darunter 2 Posaunisten. Das Verzeichnis der Kapelle von 1680 erwähnt erstmalig 3 Posaunen mit je 200 Thaler Gehalt. In einem weiteren Stellenplan von 1684 und 1691 sind in der Kapelle erstmalig 2 Trompeten und 3 Posaunen namentlich angegeben:

Musikalische Trompeten:
Joh. Kreische 200 Thaler
Friedr. Sulze 100 Thaler

Posaunen:
A. Winkler 200 Thaler
G. Taschenberg 200 Thaler
F. Westhof 200 Thaler

2. Dresdens erstes Opernhaus. Eingeweiht am 27. Januar 1667. Erbaut von Wolf Casper v. Klengel. In dieser Oper musiziert...

2. Dresdens erstes Opernhaus. Eingeweiht am 27. Januar 1667. Erbaut von Wolf Casper v. Klengel. In dieser Oper musizierte auch die erste Posaunengruppe der Kapelle.

Andreas Winkler und Friedrich von Westhof sind zu dieser Zeit bereits 40 Jahre Mitglieder der Kapelle. Im Verzeichnis von 1654 ist Andreas Winkler als Instrumentalist und Fr. v. Westhof als Lautist verzeichnet. Über Friedrich von Westhof heißt es auf Seite 31: geboren zu Lübeck 1611. Er war Rittmeister im Dienste Gustav Adolphs, kam jedoch durch widrige Umstände arm geworden nach Dresden, wo er obige Anstellung fand. Später vertauschte er die Laute mit der Posaune und starb erst 1694. So hat dieser Posaunist noch in hohem Alter von über 80 Jahren seinen Dienst in der Kapelle versehen. In Stellenverzeichnissen des ganzen 18. Jahrhunderts sind keine Posaunen mehr angegeben. Erst mit Aufkommen des romantischen Orchesters, also zur Zeit Carl Maria v. Webers, finden 3 Posaunen ihren festen Platz in der Kapelle. Noch zur Zeit Richard Wagners blies der 1. Posaunist in der Hofkapelle nur Altposaune. In seinem Reformentwurf: «Die Königliche Kapelle betreffend» vom 1. März 1846 beantragt Richard Wagner die Anschaffung einer Tenorposaune für den 1. Posaunisten mit der Begründung: «… die Alt-Posaune ihrem Umfange nach nicht zureicht, und der Alt-Posaunist daher genöthigt ist, oft ganze Stellen auszulassen oder sie um eine Oktave höher zu spielen. Dem Alt-Posaunisten muß daher außer seinem gewöhnlichen Instrumente noch eine Tenor-Posaune zugestellt werden.» Damit hatte der heute in allen Orchestern bestehende Posaunensatz, also 1. und 2. Tenorposaune und Baßposaune, seinen festen Platz in der Kapelle gefunden. In diesem Zusammenhang wäre noch erwähnenswert, daß die Traditionspflege bei den Posaunisten der Staatskapelle großgeschrieben wird: In jeder Aufführung der Oper «Der fliegende Holländer» liegen heute noch die handgeschriebenen Originalstimmen mit der Einzeichnung der «Uraufführung am 2. Januar 1843 unter Kapellmeister Richard Wagner» auf den Notenpulten (Bild 4, 5 und 6). Über einen weiteren Posaunisten, der um die Wende unseres Jahrhunderts lebte, will ich noch berichten: Eugen Reiche. Sein Konzert No. 2 in A-Dur für Posaune gehört zu den klassisch-romantischen Konzerten der Posaunenliteratur.

3. Das erste Instrumenteninventar der Dresdner Kapelle von 1593. Die ersten vier Positionen: 8 neue kleine Posaunen und...

3. Das erste Instrumenteninventar der Dresdner Kapelle von 1593. Die ersten vier Positionen: 8 neue kleine Posaunen und 1 Quartposaune, 9 alte Posaunen und 1 alte Quartposaune. Als weitere Blechblasinstrumente werden aufgeführt: 11 gerade Hörner, 8 krumme Hörner. Anmerkung: In diesem Zeitabschnitt stehen im Personenregister der Kapelle hinter den Namen nur die Bezeichnung: Vocalist oder Instrumentalist. M. Fürstenau bemerkt dazu, daß in diesem Zeitabschnitt ein Instrumentalist mehrere Instrumente beherrschen mußte. M. Fürstenau: «Man sollte meinen, ein solches Orchester verlange mehr Personen, jedoch wurden diese Instrumente nie zusammen im Ensemble gespielt, sondern höchstens einige vereint, wie der Componist es gerade bestimmte; nur mußten die Kapellmitglieder mehrere auf einmal tractieren können.»

4. - 5. Die handgeschriebenen Stimmen der Posaunen zur Zeit der Uraufführung der Oper «Der fliegende Holländer» von Wagn...

4. - 5. Die handgeschriebenen Stimmen der Posaunen zur Zeit der Uraufführung der Oper «Der fliegende Holländer» von Wagner. Sie liegen heute noch bei jeder Aufführung dieser Oper auf den Pulten der Posaunisten.

Über Eugen Reiche selbst ist sehr wenig bekannt. Durch Zufall stieß ich vor Jahren auf einen Bruder des Komponisten, damals ein Herr schon über 80 Jahre alt. Er ließ mir folgendes Schreiben über Eugen Reiche zukommen:

Mein Bruder Eugen Reiche, geb. im April 1878, wurde in Deuben bei Dresden [jetzt Freital] geboren. Er hat eine kurze Zeit Holzbildhauer in Potschappel gelernt. Doch riet man ihm ab, da dieser Beruf nicht mehr zeitgemäß betrachtet wurde. Danach versuchte er es als Scharwerksmaurer. Auch dieser Beruf sagte ihm nicht zu. Nun ging er nach Bad Schandau, um sich der Musik zu widmen, die ihn gefesselt hatte. Später ist er von dort in das jetzige Westdeutschland als Posaunist gereist. Nach einer geraumen Zeit erbat er sich vom Vater die Besorgung eines Auslandspasses nach Petersburg. Der Vater war darüber sehr entsetzt, aber er erfüllte doch seinen Wunsch. Daraufhin reiste mein Bruder gleich ab. Er hatte auch Glück und bekam sofort eine Stelle im Zoologischen Garten (Orchester), dann an der Oper, danach als Professor an der Musikhochschule in Petersburg. Seinen ersten großen Urlaub verlebte er 1913 zu Hause in Freital. Da hat er auch sein Konzert gegeben. Meine beiden Brüder Oskar und Arno spielten auch mit. Eugen spielte einen vorzüglichen Streichbaß und blies sehr gut Tuba. Nun ist die Zeit vergangen und wir haben schon viele Jahre nichts mehr von ihm gehört.

Otto Reiche

6. Dienstplanverzeichnis der Königlichen Kapelle zur Zeit der Uraufführung der Oper «Der Tannhäuser» von Wagner im Jahre...

6. Dienstplanverzeichnis der Königlichen Kapelle zur Zeit der Uraufführung der Oper «Der Tannhäuser» von Wagner im Jahre 1845 mit den ersten drei Tannhäuser-Posaunisten. Als Blechbläser sind verzeichnet: Waldhorn: Herr Haase, Muschcke, Schlitterlau, Adam. Trompete: Herr Queißer, Schreitter, Districk. Posaune: Herr Gottschalck, Rühlemann, Qußer. Herr Hinckel — Tuba. Der Tubabläser wurde zu dieser Zeit von einer in Dresden stationierten Militärkapelle ausgeliehen. Erst 1846 beantragte Richard Wagner eine Planstelle für dieses Instrument. Das Jahresgehalt der Posaunisten betrug im Jahr 1846: Altposaune — 200 Thaler; Tenorposaune — 200 Thaler; Baßposaune — 300 Thaler. Da in verschiedenen Aufführungen nur eine Baßposaune besetzt war, erhielt dieser Musiker 100 Thaler mehr Jahresgehalt. (Ein sächsischer Thaler ist 30 Neugroschen. Ein Neugroschen ist 10 Pfennige.)

Mit Ausbruch des 1. Weltkrieges brachen somit Eugen Reiches Beziehungen zur Heimat ab. Er gilt seither als verschollen. Ich persönlich habe noch mit einem Posaunisten in der Staatskapelle zusammen Dienst gemacht, der Eugen Reiches Interpretation im Jahre 1913 in Freital gehört hat. Er versicherte mir, daß Eugen Reiche ein hervorragender Interpret seines Konzertes war. Nur habe Reiche im Rondo ab Solo im 3. Takt statt Cis ein E geblasen. Anzunehmen ist, daß es sich um einen Druckfehler in der Solostimme handelt.

Dies also eine Reminiszenz an Posaunisten der Vergangenheit.

Artikel teilen

Loading…