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Die Posaunenstimme des Boléro von Ravel

Teil 2 – Ende

Von Jean Douay

Die Posaunenstimme des Boléro von Ravel

Im ersten Teil dieses Artikels (Brass Bulletin 13) hat Jean Douay allgemeine Aspekte dieses Themas behandelt, hier berichtet er von seinen persönlichen Erfahrungen. Schliesslich wird er über die Ausführung dieses Orchestersolos sprechen (Red.).

Vor kurzem habe ich die Gelegenheit gehabt, die Aufnahme des Bolero zu hören, den ich vor etwa zehn Jahren auf einer Konzertreise gespielt hatte. Dabei bin ich mir einer gewissen stilistischen und klanglichen Entwicklung bewusst geworden. Nicht nur mein Instrument ist ein anderes, auch meine Ausführung dieses Solos hat sich gewandelt. Zeit und Erfahrung lassen einen heranreifen, das ist auch hier wahr, vor allem wenn man dieses Musikstück öfters spielen muss, auf Auslandstourneen oder in Frankreich unter der Leitung verschiedener Dirigenten, nach verschiedenartigen Auffassungen. Meinen ersten Boléro habe ich während eines Galakonzertes zur Einweihung eines Konzertsaales vor zahlreichen Musikkritikern und wichtigen Persönlichkeiten gespielt. Es hiess also, vor den anspruchsvollsten Rezensenten standzuhalten. An jenem Tag ist es mir gelungen, den erwünschten Erfolg davonzutragen. Ein bitterer Nachgeschmack aber ist übriggeblieben: die Erinnerung an das stärkste Lampenfieber meiner Laufbahn. Für meine erste Konzertreise mit dem Orchestre National als erste Posaune stand der Boléro auf dem Programm. An der Wirkung, die diese Nachricht damals auf mich ausgeübt hat, verstand ich, dass ich Gefahr lief, jedesmal Furcht vor der Ausführung dieses Solos zu empfinden. Demnach musste ich wählen: entweder nahm ich diesen Posten mit allen damit verbundenen Risiken und Pflichten an und unterwarf mich einer entsprechenden psychologischen und künstlerischen Vorbereitung (siehe 3. Teil dieses Artikels in einer kommenden Nummer) oder ich verzichtete... (Sie wissen wofür ich mich entschieden habe!) Zum Glück habe ich inzwischen diese Furcht überwunden. Darüber war ich besonders froh, als wir den Boléro unter Leonard Bernstein spielen mussten. Er hatte das Stück als Zugabe vorgesehen: da er es aber nicht mochte, versicherte er uns vor jedem Konzert, dass er es nicht spielen lassen würde. Unter dem Druck des Erfolges und dem Bitten der Zuhörerschaft zögerte er zuerst und kündigte ihn schliesslich doch dem entzückten Publikum an. Solche Situationen sind für den Posaunisten schwierig, vor allem wenn das Konzert schon anspruchsvoll gewesen ist und man sein Bestes gegeben hat. In wenigen Minuten muss man seine volle Konzentrationskraft zusammenraffen! Bernsteins Orchesterleitung ist für die Ausführenden besonders angenehm, wohltuend. Seine Haltung verrät keine Spannung, man hat sogar den Eindruck, dass das Fortschreiten des Orchesterspieles ihn befreit. Er lässt den Boléro mit dem Orchester entstehen. Im Gegensatz zu Paul Paray, dessen Hauptanliegen das Tempo ist, ein Tempo das er allen aufzwingt: es ist «sein» Boléro, in seinen Händen ist das Orchester nur noch Werkzeug.

Andere Dirigenten, wie z. B. Jean Martinon, finden ein sehr bequemes Tempo, zwischen den Extremen von Pierre Dervaux und Paul Paray. J. Martinon zwang allen eine rhythmische Einheit auf, die für den Posaunisten besonders günstig war, da er als letzter auftritt nach der kleinen Klarinette, dem Fagott und dem Saxophon. Eine zentrale Auffassung ist notwendig, will man eine musikalische Einheit, eine klangliche Synthese erreichen. Würde das Posaunensolo nicht erst am Ende des Stückes aufkommen, dann wäre das Problem wahrscheinlich ein anderes.

Die Verantwortung der Soloposaune ist sehr gross. Ist ihr Spiel erfolgreich, dann hat das gesamte Orchester daran teil — das Gegenteil gilt aber auch.

Brass Bulletin 19, III / 1977 Seiten 29–30

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