Das jury. ➜ Carlo Arfinengo, Roger Voisin, Roger Delmotte, Timofei Dokschidser, Philip Jones, Jean-Pierre Mathez (X Edgar Cosma).
Kann eine Jury gerecht sein?
Der Massstab eines jeden Jurors ist verschieden. Der Durchschnitt der Jury ist also ein abstrakter Wert, der gewissen ungerecht erscheinen kann (es wäre interessant, die Resultate einer parallelen Jury aus Kandidaten kennen zu lernen!). Die Ausgewogenheit einer Jury ist proportional zur Qualität, zur Persönlichkeit, zur Gewissenhaftigkeit und zur Toleranz eines jeden Mitgliedes. Kandidaten und Zuhörer haben nicht dieselben Beurteilungskriterien wie die Jury und begreifen häufig ihre Entscheide nicht...
Für die Jury ist es gefährlich, sich auf Diskussionen einzulassen, da die Entscheide das Resultat einer kollegialen Benotung sind. Wenn ein Jurymitglied in seinem eigenen Namen spricht, kehrt es augenblicklich zu seiner Subjektivität zurück. Die Entscheidungen der Jury sind — wenn man den Grundsatz eines Wettbewerbes akzeptiert — als der Ausdruck einer gewissen Objektivität zu akzeptieren.
Nach dem Wettbewerb von Toulon hatte BRASS BULLETIN die Gelegenheit, einer interessanten Diskussion unter den Jurymitgliedern beizuwohnen:
Timofei Dokschidzer: Meines Erachtens sollten die Wettbewerbsprogramme nicht die Techniker begünstigen, sondern jene Musiker ermutigen, die nachdenken und ihre Musikalität vermitteln können. Es bräuchte Werke, die die Freude am spielen und zuhören stimulieren.
Roger Delmotte: Ich bin nur teilweise einverstanden. Wieviele erste Preise von München, Toulon, Genf, usw. werden wirklich Solisten? Die Grundlage ist doch die Anforderung des Orchesters. Dieser Beruf verlangt eine Beherrschung aller musikalischen Formen, alt und neu.
T. D.: Das stimmt! Die Wettbewerbe verbessern das Niveau der Orchestermusiker. Der ausserordentliche Solist taucht nur sehr selten auf.
Philip Jones: Ich unterstützte Roger Delmotte in seiner Auswahl des Repertoires dieses Wettbewerbes. Meiner Meinung nach versucht er, alle Arten Musik diesen jungen Musikern verständlich zu machen und sie spielen zu lassen. Wenn man am ersten Pult in einem Orchester sitzen will, ist es ja schon eine Grundvoraussetzung, dass man klassische, moderne und Avant-Garde-Musik spielen kann. Was Timofei Dokschidzer über die Musik sagt ist richtig, aber die künstlerische Entwicklung ist unaufhaltbar und nach und nach weltweit. Was Roger Delmotte hier in Toulon macht, ist vielleicht etwas verfrüht, aber notwendig und unentbehrlich.
T. D.: Meine Idee steht nicht im Widerspruch dazu. Ich glaube nur, dass in all diesen Sektoren qualitativ hochwertige Werke und nicht Zirkusmusik notwendig sind!
Roger Voisin: Persönlich fand ich die Vielfältigkeit des Programms und der Anforderungen ausgezeichnet. Meines Erachtens verlangt der Musikerberuf eine Flexibilität und Anpassungsfähigkeit an alle Ansprüche. Dies ist professionell! Ein Wettbewerb wie jener von Toulon ermutigt alle Arten Talent und kontrolliert die technischen und musikalischen Mittel der Kandidaten.
Carlo Arfinengo: Im grossen ganzen bin ich einverstanden mit dem was gesagt wird, habe aber doch einige Zweifel. Ist es beispielsweise richtig, dass die jungen Leute, die im ersten Durchgang mit Hummel und Sutermeister selektioniert wurden, im zweiten Durchgang auf zwei zeitgenössische Werke treffen? Ich hätte persönlich den Wunsch gehabt, vor dem Finale noch ein weiteres klassisches Werk zu hören.
T. D.: Ich denke, dass diese Wettbewerbe auch für die Lehrer sehr wichtig sind. Beispielsweise sollten wir in der Sowjetunion uns mehr um festliche Musik kümmern und umgekehrt. Unsere sovjetische Musik ist sehr romantisch und schön zu spielen (Vassilenko, Vainberg, usw.), was den universellen musikalischen Reichtum nur erhöhen kann!
R. D.: Wozu dient ein internationaler Wettbewerb?
C. A.: Jeder Musiker hält sich für das Zentrum der Welt. Ein Wettbewerb ist ein grosses internationales Forum, ein Ort des Austausches, des Lernens. Man erweitert dort sein provinzielles Bewusstsein!
R. V.: Es ist ein Ort der Konfrontation der Talente, wo man die Möglichkeit findet, zu vergleichen und anderen Nationen zu begegnen. Kulturell ist es eine beträchtliche Bereicherung, dies erinnert uns daran, dass die Musik keine Grenzen und Schlagbäume kennt.
T. D.: Zuhören, vergleichen, kennenlernen des weltweiten Niveaus der Musiker oder neuer Interpretationstendenzen. Entdeckung neuer Werke, setzen neuer Herausforderungen. Ein Wettbewerb zeigt den künstlerischen Horizont aller Länder der Welt.
P. J.: Eine solche Begegnung sollte zum Verständnis der verschiedenen möglichen Stile bei der Interpretation derselben Musik führen! Sie sollte eine nationalistische Sicht der Interpretation ermöglichen, den Respekt erhöhen und den Geist der Toleranz ermutigen. Was ein Wettbewerb nicht sein sollte: der Wunsch, schneller höher und lauter zu spielen als die anderen!
Meine Herren, wie war der Wettbewerb von Toulon 1987?
P. J.: Das technische Niveau war höher denn je, aber ich suche immer noch eine dementsprechende Musikalität. Dies ist die wirkliche Aufgabe, welche die Lehrer erfüllen sollten, die ihre Schüler hierher schicken!
C. A.: In der Regel waren Tonqualität und Musikalität zweitrangig. Man spürt, dass die Vorbereitung der Kandidaten vor allem auf technischem Niveau passierte.
R. V.: Ich möchte unterstreichen, dass die engagierten Begleiter mindestens auf dem Niveau der Kandidaten sein sollten. Während dieses Wettbewerbes hörte man Begleiter höchst unterschiedlicher Qualität, und gewisse Trompeter waren zweifellos benachteiligt! (Die übrigen Jurymitglieder stimmen vehement und einstimmig bei!).
T. D.: Es gäbe noch viel zu tun für diese jungen Leute in bezug auf die einfache Analyse des musikalischen Textes...
R. D.: Die Bedeutung dieses Wettbewerbes besteht darin, den jungen Leuten aus aller Herren Ländern einen Ort der Begegnung zu bieten, die verschiedenen Schulen zu vergleichen. Nicht nur die Schlusswertung zeigt die Gewinner des Wettbewerbes auf.
Wäre ein Wettbewerb gerechter, wenn die Kandidaten bis zum Schluss anonym blieben?
P. J.: Es wäre interessant, die Anonymität bis zum Halbfinal zu behalten.
R. V.: Einverstanden, von mir aus sogar bis zum Schluss!
C. A.: Ich schliesse mich dem Vorschlag von Roger Voisin an.
T. D.: Ich begreife die Musiker besser, wenn ich sie sehen kann.
R. D.: Ein schwieriges Problem...
J.-P. M.: Vom Gesichtspunkt der Ehrlichkeit aus wäre die Anonymität während des ganzen Wettbewerbes die beste Lösung!
Eine der Entdeckungen des Wettbewerbes:
Das vom französischen Komponisten Edgar Cosma als Pflichtstück geschriebene Trompetenkonzert entpuppt sich als ein wichtiges Werk für das Repertoire. Eine Orchestrierung voller Farben und Schattierungen, einfallsreiche rhythmische Struktur und ein sehr gehaltvoller Solopart sind seine Kennzeichen. Einmütig befanden Jury, Publikum und Kandidaten: ein ausserordentlich gelungenes Werk!
Urban Agnas — Edgar Cosma.
Einige Überlegungen...
Der atemlose Wettlauf führt nicht zur menschlichen Entfaltung. Die jungen Musiker bräuchten mehr Zeit zum Leben, Entdecken, Träumen, Überlegen, Arbeiten... Unsere Zeit hat ihre Tage und Nächte zu sehr verkürzt!
Die Neugier eines Interpreten führt ihn zur Entdeckung der interpretatorischen Strukturen.
Viele Kandidaten kommen mit technischem Gepäck bis zum Rande ihrer Möglichkeiten beladen daher und verlieren die Hälfte davon wegen des Lampenfiebers. Warum sollte man deshalb nicht die Hälfte oder mehr der Vorbereitungsarbeit auf Übungen der Selbstkontrolle, der Entspannung, der Meisterung verwenden?
Ist dies eine Frage der Ausbildung?
Folgen sich die Programme zu rasch? Vielleicht. Die Blechbläser sollten sich eher an den Sängern als an anderen Instrumentalisten orientieren. Tatsächlich benötigt man die volle körperliche Reife für die Assimilation eines grossen solistischen Programms! Karriereplanung mit Klarsicht und Weisheit...
Bestehen zuviele verschiedene Einflüsse?
Die Verbreitung der Meisterkurse auf der ganzen Welt schafft eine enorme Menge häufig widersprüchlicher und unklarer Meinungen. Die Schüler, deren Ausbildung noch nicht stabilisiert ist, können sich darin verlieren...
In welchem Augenblick nimmt man an einem internationalen Wettbewerb teil?
Sobald die Intelligenz Technik und Musikalität umfasst.
— Wann ist das?
— Wenn Du hoch genug gestiegen bist und der Horizont weit genug weg von Dir ist, damit Du Raum vor Dir hast...