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Das Inventions-Posthorn des frühen 19. Jahrhunderts

Das Inventions-Posthorn des frühen 19. Jahrhunderts

Bei den im Postdienst verwendeten Signalhörnern war es nicht notwendig die Stimmung zu verändern, denn diese Instrumente dienten ja nur dem einfachen Zweck des Signalgebens.

Vor 1828 waren im Deutschen Reich die Postsignale nicht eindeutig festgelegt; es blieb mehr oder weniger dem Postillion überlassen, was er blies. Typisch für das 18. Jahrhundert war, dass im ganzen damaligen Europa die Postsignale aus einer schlichten Folge aufwärts gerichteter, rhythmisch betonter Oktavsprünge bestanden, die eigentlich nur als musikalische Zitate in der klassischen Musik überliefert sind. Zum Beispiel

Carl Ditters von Dittersdorf (1739-1799)Sinfonia B-Dur «Der Postzug», vierter Satz «Presto assai»

Carl Ditters von Dittersdorf (1739-1799)
Sinfonia B-Dur «Der Postzug», vierter Satz «Presto assai»

Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791)Serenade Nr. 9 D-Dur KV 320, 6. Satz «Menuetto»

Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791)
Serenade Nr. 9 D-Dur KV 320, 6. Satz «Menuetto»

Ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts fand das Posthorn immer öfter Verwendung in der klassischen Musik.¹ Am bekanntesten dürften die Kompositionen von Leopold und Wolfgang Amadeus Mozart sein.

Leopold Mozart (1719-1787) verwendet ein «Corno da postiglione» in G in seiner «Cassatio ex G» mit Kinderinstrumenten. Dem Beispiel des Vaters folgend nahm sich auch Wolfgang Amadeus Mozart des Posthorns an. Im Trio II zum Menuetto (6. Satz) seiner 1779 entstandenen Serenade Nr. 9 D-Dur KV 320, «Posthorn-Serenade» genannt, lässt er eine der schönsten Melodien erklingen, die jemals für das einfache Postillionsinstrument komponiert wurden.

Im «Deutschen Tanz» Nr. 3 C-Dur KV 605 von 1791 verwendet W.A. Mozart gleich zwei «Corni di posta» (in B und F) im Trio («Die Schlittenfahrt» betitelt) und in der Coda. Dieses Werk hat wohl im Jahre 1795 Ludwig van Beethoven dazu angeregt, die zwölf «Deutschen Tänze» (WoO 8) mit einer Coda abzuschliessen, die ebenfalls durch virtuose solistische Passagen eines Posthorns (in C) klanglich gewürzt wird.

Mit Beethoven waren nun in Wien Posthornklänge in Mode gekommen. Dem Beispiel Beethovens folgend schrieben auch Anton Eberl (1765-1807), Joseph Eybler (1765-1846), Adalbert Gyrowetz (1763-1850), Anton Höllmayr, Johann Nepomuk Hummel (1778-1837), Graf Wilhelm von Lichnowsky und Friedrich Starke Tänze mit Posthornsolo.

Moderne Kopie eines Inventionshornes der Firma Alexander in Mainz.

Moderne Kopie eines Inventionshornes der Firma Alexander in Mainz.

Bei diesem Einsatz in der klassischen Musik war es natürlich notwendig, dass das benutzte Posthorn sauber gestimmt werden konnte. Besser als vor dem Mundstück aufzusetzende Stimmbögen oder Setzstücke ist zweifellos ein Stimmzug, mit dem man die Rohrlänge stufenlos und schnell verändern kann. In Anlehnung an die damals gebräuchlichen Inventions-Waldhörner wurden deshalb nach 1800 für den Einsatz in der klassischen Musik, in der Salonmusik und in der Harmoniemusik (alte Bezeichnung für Blaskapellen) Posthörner mit Stimmzug entwickelt.

Obwohl es bisher nicht eindeutig bewiesen werden kann, ist es sehr wahrscheinlich, dass bei diesen Posthornmodellen statt des Stimmzuges auch Stimmbögen eingeschoben werden konnten, die die Grundstimmung des Instruments veränderten (z.B. von B nach As oder F).

Bei meinen Nachforschungen in der Postabteilung des Verkehrsmuseums in Nürnberg fand ich das Titelblatt zu einer Sammlung von Posthornsignalen, welches mit folgendem Motiv geschmückt ist: (Abb. 2).

Abbildung 2

Abbildung 2

Dieses Heft ist beim Verlag André in Offenbach am Main in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erschienen; leider hat sich nur dieses Titelblatt erhalten. Der Stahlstich stellt ein Posthorn dar, das den Inventions-Waldhörnern nachgeahmt ist, wie sie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gebaut wurden.

Dieses alte Posthornmotiv wurde für das Deckblatt des «Posthornkalenders» 1971 verwendet, den auch der Hornist und Instrumentensammler (speziell Hörner) Uwe Bartels aus Buchholz-Dibbersen zufällig in die Hand bekam. Kaum vier Wochen später entdeckte Herr Bartels bei einem Salzburger Antiquitätenhändler ein kleines Horn, das dem historischen Motiv auffallend ähnlich war — ein überzeugter Jünger der Parapsychologie würde hierbei schon nicht mehr an Zufälle glauben!

Weil das alte Instrument sofort das Herz des Sammlers gewann und ihm auch kein derartiges erhalten gebliebenes Hornmodell bekannt war, kam der Kauf trotz einer zunächst unrealistisch hoch erscheinenden Preisforderung zustande.

Die Töne sind als Naturtöne spielbar

Die Töne sind als Naturtöne spielbar

während diese durch «Stopfen» erzeugt werden müssen.

während diese durch «Stopfen» erzeugt werden müssen.

Der Mensur nach ist dieses Instrument eher eine Trompete. Die Mundrohrmensur entspricht der eines alten Kornetts. Das originale Mundstück ist nicht erhalten. Im 18. Jahrhundert wurden bei den Posthörnern überwiegend Kesselmundstücke wie bei den Trompeten verwendet; erst nach 1800 setzten sich kornettartige Mundstücke immer mehr durch. Vor 1800 wurde in der klassischen Musik auf dem Posthorn nur der bescheidene Naturtonvorrat verlangt. Um 1810 veranlasste der Wunsch nach einem grösseren Tonvorrat einige Komponisten auf dem Posthorn auch «Stopftöne» zu verlangen. Dabei kann wegen des geringen Stürzendurchmessers die rechte Hand nicht in die Stürze eingeführt werden, sondern der Schalltrichter muss mit der flachen Hand abgedeckt werden, wie es uns Uwe Bartels auf folgendem Foto zeigt:

Uwe Bartels

Uwe Bartels

In der «Fürstlichen Hofbibliothek» des Hauses Thurn und Taxis zu Regensburg befinden sich in Form von handgeschriebenen Stimmen acht «Quartetten für vier Waldhorn [in F], mit Posthorn-Solo/ componirt und arrangirt von Gebrüder Grimm», die um 1810 entstanden sein dürften (Signatur: Rtt Grimm 1). Bei den Komponisten handelt es sich wohl kaum um die vor allem durch ihre «Kinder- und Hausmärchen» (erste Gesamtausgabe 1819) so bekannt gewordenen Brüder Jacob (1785-1863) und Wilhelm (1786-1859) Grimm. Unsere Gebrüder Grimm waren höchstwahrscheinlich ein Hornistenpaar — wohl nicht so bekannt wie Johann Palsa (1754-1792) und Carl Thürschmidt (1753-1797) — welches ebenfalls Stücke für Hörner schrieb².

Nr. 4 Walzer, Posthorn in As

Nr. 4 Walzer, Posthorn in As

In den Quartettsätzen Nr. 4, 6 und 7 spielt der dritte Hornist statt seines Waldhornes ein Posthorn, wobei in Nr. 4 und 6 auf dem Posthorn «Stopftöne» verlangt werden. Es ist anzunehmen, dass die Gebrüder Grimm, auf ihren Tourneen auch mit Mitgliedern der Thurn und Taxisschen Hofkapelle musizierten und zu diesem Zweck die Quartette komponierten. Die Verwendung des Posthorns dürfte eine musikalische Huldigung für die damalige Thurn und Taxis-Post sein.

Brass Bulletin image
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Die drei Quartette für Posthorn und drei Waldhörner wird Kurt Janetzky beim Heinrichshofen’s Verlag veröffentlichen.

Die praktischen Versuche von Herrn Bartels ergaben, dass die Grimmschen Partien auf seinem Posthorn mit Inventionszug verhältnismässig mühelos und durchgängig spielbar sind. Eine Tonbandaufnahme, die er mir freundlicherweise zur Verfügung stellte, dokumentiert dies. Bei Versuchen, die Herr Bartels vergleichsweise auf Signalhörnern mit weiteren Mensuren anstellte, liessen sich die «Stopftöne» nicht so leicht rein spielen. So darf wohl angenommen werden, dass der Hersteller von Uwe Bartels’ Instrument die Mensuren bewusst so trompetenähnlich wählte, damit dieses Posthorn optimal als Inventions-Posthorn einsetzbar war.

Als weiteres Beispiel für die Verwendung eines Inventions-Posthornes mag uns folgendes Beispiel des Komponisten Johann Nepomuk Hummel (1778-1837) dienen:

Nr. 10 aus «Zwölf deutsche Taenze/ componirt/ Zur Eroeffnung des Apollo Saales in Wien/ im Carneval 1808» op. 28.

Davon hat sich in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien unter der Signatur M.S. 36529 eine Klavierbearbeitung mit «Posthorn» erhalten.

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Etwa seit den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurden dann für anspruchsvollere musikalische Aufgaben Posthörner mit vier oder fünf Klappen gebaut, die ab etwa 1850 immer mehr von Ventilposthörnern abgelöst wurden. Weitgehend wurde aber das Ventilposthorn im Laufe des 19. Jahrhunderts durch das fast klanggleiche Cornet à pistons ersetzt. Das Kornett entstand aus dem Posthorn kurz vor 1830, als der Franzose Halary ein Posthorn mit Ventilen konstruierte.

Anmerkungen

¹ Wider Erwarten gibt es in der Zeit der Frühklassik und Klassik viele Beispiele, wo in Kompositionen ein Posthorn verlangt wird. Da die Aufzählung all dieser Werke hier zu weit führen würde, darf ich auf mein Buch «Das grosse Buch vom Posthorn» (Wilhelmshaven 1985, Heinrichshofen’s Verlag) verweisen, so alle mir bekannten derartigen Kompositionen wenigstens im bibliographischen Anhang aufgeführt sind.

² In C.F. Whistling’s «Handbuch der musikalischen Literatur» (Leipzig, 1844, 3. Auflage, Verlag Adolph Hofmeister) finden wir von den «Grimm Frères» folgende Werke: «6 Pièces p. 3 Cors» (en Fa.) op. 6, Frankfurt, Dunst; «6 Duos op. 1,2 [für 2 Hörner], Frankfurt, Dunst; «Potpourri av. (in F)» [für 4 Hörner), Mainz, Schott.

In der Fürstlichen Hofbibliothek zu Regensburg haben sich unter der Signatur «Rtt Grimm 2» als Manuskript noch «19 Harmoniestücke für 2 Corni con Clarino» (ursprünglich für 3 Clarini komponiert) erhalten, die beim Verlag Hans Pizka in München erscheinen werden.

Die Stücke nr. 2, 10, 12 und 13 sind bereits veröffentlicht im Heft «Bläsermusik» — Niederbayerische Blätter für Volksmusik Nr. 4 (Seite 46-48), Dingolfing 1984, Verlag Fritz Markmiller.

Brass Bulletin 59, III / 1987 Seiten 27–34

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