Abbildung 2
Dieses Heft ist beim Verlag André in Offenbach am Main in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erschienen; leider hat sich nur dieses Titelblatt erhalten. Der Stahlstich stellt ein Posthorn dar, das den Inventions-Waldhörnern nachgeahmt ist, wie sie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gebaut wurden.
Dieses alte Posthornmotiv wurde für das Deckblatt des «Posthornkalenders» 1971 verwendet, den auch der Hornist und Instrumentensammler (speziell Hörner) Uwe Bartels aus Buchholz-Dibbersen zufällig in die Hand bekam. Kaum vier Wochen später entdeckte Herr Bartels bei einem Salzburger Antiquitätenhändler ein kleines Horn, das dem historischen Motiv auffallend ähnlich war — ein überzeugter Jünger der Parapsychologie würde hierbei schon nicht mehr an Zufälle glauben!
Weil das alte Instrument sofort das Herz des Sammlers gewann und ihm auch kein derartiges erhalten gebliebenes Hornmodell bekannt war, kam der Kauf trotz einer zunächst unrealistisch hoch erscheinenden Preisforderung zustande.
Die Töne sind als Naturtöne spielbar
während diese durch «Stopfen» erzeugt werden müssen.
Der Mensur nach ist dieses Instrument eher eine Trompete. Die Mundrohrmensur entspricht der eines alten Kornetts. Das originale Mundstück ist nicht erhalten. Im 18. Jahrhundert wurden bei den Posthörnern überwiegend Kesselmundstücke wie bei den Trompeten verwendet; erst nach 1800 setzten sich kornettartige Mundstücke immer mehr durch. Vor 1800 wurde in der klassischen Musik auf dem Posthorn nur der bescheidene Naturtonvorrat verlangt. Um 1810 veranlasste der Wunsch nach einem grösseren Tonvorrat einige Komponisten auf dem Posthorn auch «Stopftöne» zu verlangen. Dabei kann wegen des geringen Stürzendurchmessers die rechte Hand nicht in die Stürze eingeführt werden, sondern der Schalltrichter muss mit der flachen Hand abgedeckt werden, wie es uns Uwe Bartels auf folgendem Foto zeigt:
Uwe Bartels
In der «Fürstlichen Hofbibliothek» des Hauses Thurn und Taxis zu Regensburg befinden sich in Form von handgeschriebenen Stimmen acht «Quartetten für vier Waldhorn [in F], mit Posthorn-Solo/ componirt und arrangirt von Gebrüder Grimm», die um 1810 entstanden sein dürften (Signatur: Rtt Grimm 1). Bei den Komponisten handelt es sich wohl kaum um die vor allem durch ihre «Kinder- und Hausmärchen» (erste Gesamtausgabe 1819) so bekannt gewordenen Brüder Jacob (1785-1863) und Wilhelm (1786-1859) Grimm. Unsere Gebrüder Grimm waren höchstwahrscheinlich ein Hornistenpaar — wohl nicht so bekannt wie Johann Palsa (1754-1792) und Carl Thürschmidt (1753-1797) — welches ebenfalls Stücke für Hörner schrieb².
Nr. 4 Walzer, Posthorn in As
In den Quartettsätzen Nr. 4, 6 und 7 spielt der dritte Hornist statt seines Waldhornes ein Posthorn, wobei in Nr. 4 und 6 auf dem Posthorn «Stopftöne» verlangt werden. Es ist anzunehmen, dass die Gebrüder Grimm, auf ihren Tourneen auch mit Mitgliedern der Thurn und Taxisschen Hofkapelle musizierten und zu diesem Zweck die Quartette komponierten. Die Verwendung des Posthorns dürfte eine musikalische Huldigung für die damalige Thurn und Taxis-Post sein.
Die drei Quartette für Posthorn und drei Waldhörner wird Kurt Janetzky beim Heinrichshofen’s Verlag veröffentlichen.
Die praktischen Versuche von Herrn Bartels ergaben, dass die Grimmschen Partien auf seinem Posthorn mit Inventionszug verhältnismässig mühelos und durchgängig spielbar sind. Eine Tonbandaufnahme, die er mir freundlicherweise zur Verfügung stellte, dokumentiert dies. Bei Versuchen, die Herr Bartels vergleichsweise auf Signalhörnern mit weiteren Mensuren anstellte, liessen sich die «Stopftöne» nicht so leicht rein spielen. So darf wohl angenommen werden, dass der Hersteller von Uwe Bartels’ Instrument die Mensuren bewusst so trompetenähnlich wählte, damit dieses Posthorn optimal als Inventions-Posthorn einsetzbar war.
Als weiteres Beispiel für die Verwendung eines Inventions-Posthornes mag uns folgendes Beispiel des Komponisten Johann Nepomuk Hummel (1778-1837) dienen:
Nr. 10 aus «Zwölf deutsche Taenze/ componirt/ Zur Eroeffnung des Apollo Saales in Wien/ im Carneval 1808» op. 28.
Davon hat sich in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien unter der Signatur M.S. 36529 eine Klavierbearbeitung mit «Posthorn» erhalten.
Etwa seit den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurden dann für anspruchsvollere musikalische Aufgaben Posthörner mit vier oder fünf Klappen gebaut, die ab etwa 1850 immer mehr von Ventilposthörnern abgelöst wurden. Weitgehend wurde aber das Ventilposthorn im Laufe des 19. Jahrhunderts durch das fast klanggleiche Cornet à pistons ersetzt. Das Kornett entstand aus dem Posthorn kurz vor 1830, als der Franzose Halary ein Posthorn mit Ventilen konstruierte.