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Die Kinder von Fats
Clifford Brown, Freddie Hubbard, Wynton Marsalis
Von Michel Laplace
Frühreife - Klang - Geläufigkeit
Man kann «Dizzy» Gillespie mit Fug und Recht als Vater der modernen Strömung der Jazztrompete bezeichnen. Aber dieser Erneuerer im Bereich der Geläufigkeit und der harmonischen Konzepte vernachlässigte zusehr die Bedeutung des Klangs. Dies war eine besondere Domäne von Theodor «Fats» Navarro: ein voller Klang wie Roy Eldridge, dem Bop stil angepasst. Dank einer künstlerischen Frühreife können wir trotz seines Todes mit 26 Jahren im Jahre 1950 seine Botschaft hören. Die Fackel wurde sofort an Clifford Brown weitergereicht, welcher ebenfalls im Alter von 26 Jahren sechs Jahre später starb. Zwei Jahre später tauchte Booker Little auf, als einziger Erbe der Art, der einen neuen Weg in dieser klassisch gewordenen Sprache gefunden hatte. Er starb 1961 mit 23 Jahren. In diesem Jahr wurde Wynton Marsalis geboren, auf dessen Schultern jetzt alle Hoffnungen ruhen. Die Gemeinsamkeit dieser vier Künstler ist die unglaublich künstlerische Reife im jugendlichen Alter, die ausgezeichnete Technik und die Klangqualität.
Fats Navarro
Die Ahnen des 1923 in Key West (Florida) geborenen Fats Navarro waren Kubaner, Chinesen und amerikanische Neger. Er begann mit dem Saxophon; offenbar bewunderte er anfänglich seinen entfernten Cousin Charlie Shavers (einen fabelhaften Virtuosen), aber es sind uns keine Informationen über eine seriöse trompeterische Ausbildung zugänglich. R. Russell berichtet, dass 1941, mit 17 Jahren, bei einer Stellvertretung bei Sol Albright schon seine ausserordentliche Technik und sein schöner Ton aufgefallen seien.¹ Nach einer Zeit bei Snookum Russell (1942 - 1943) spielt er bei Andy Kirk (1943 - 1945). Dort arbeitete er neben Howard McGhee, einem Schüler von Eldridge, welcher, wie man sagt, Fats beeinflusste in bezug auf die Ausnutzung der Geläufigkeit. Nach R. Russell war es Dizzy selbst, der Fats empfahl als seinen Nachfolger bei Billy Eckstine (1945-1946).
Fats Navarro (coll. M. Laplace)
Die Autobiographie von Diz scheint aber keine grosse Achtung für seinen jungen Rivalen zu verraten.² Er spielte dann bei Lionel Hampton, Coleman Hawkins (Plattenfirma Sonora), Illinois Jacquet, Kenny Clarke (September 1936, von Ch. Delaunay überwachte Aufnahme). Seine Erkrankung an Tuberkulose führte zu Drogensucht. 1947 machte er die erste Aufnahme unter seinem Namen (für Savoy). Im November 1947 mit Charlie Parker (WOR) und Ende 1948 spielte er mit Tadd Dameron im Royal Roost. Mit Dameron machte er verschiedene Aufnahmen («Good Bait», «The Squirrel») und bei Blue Note verewigte er eine Begegnung mit seinem Ex-Kollegen H. McGhee («Double Talk»). 1949 war das letzte aktive Jahr für Fats. Er machte Aufnahmen mit der Metronome All-Star (mit Dizzy und Miles Davis! RCA), Bud Powell (Blue Note) und Max Roach (im September für Prestige). Sechs Jahre (1943-1949) genügten, um einen perfekten Stil zu erreichen: grosse Technik, beachtliche Höhe, saubere Artikulation, wenig Vibrato, warme und volle Klangfarbe.
Der mittelgrosse Fats wog vor seiner Krankheit 100 Kilo. Dies, zusammen mit seiner kleinen Stimme, trug ihm den Spitznamen «Fats» oder «Fat Girl» ein. Im Herbst 1947 begann er abzunehmen, und als er am 7. Juli 1950 verarmt im Bellevue-Hospital starb, wog er noch 50 Kilo.
Clifford Brown (Coll. Michel Laplace)
Clifford Brown
Clifford Brown, in Wilmington (Delaware) am 30. Oktober 1930 geboren, bekam von seinem Vater als 15 Jähriger eine Trompete geschenkt; zu dieser Zeit war in den USA der be-bop vorherrschend.
«Get Happy»: Clifford Brown’s chorus Takte 25 bis 32 (1953). Transkription: Bill Kennedy
Clifford erhielt eine gründliche und originelle Ausbildung bei Robert Lowery in Wilmington, später bei Harry Andrews. Letzterer unterrichtete ihn auf Grund der Arbanschule, indem er zugleich das Prescott System (Beispiel: 16 oder 32 Takte in einem Atemzug blasen) und das non-pressure system anwandte. Andrews erinnert sich an den guten Ansatz Cliffords (1/3 - 2/3) und bei seinem Diplom spielte er den «Karneval von Venedig».³ Seine ursprüngliche Inspiration kam von «Fats» Navarro.³ᵇⁱˢ 1952 nahm er sein erstes Solo («Ida Red» bei Chris Powell) auf. 1953 war Cliffords Stil in bezug auf Ton und Phrasierung schon etabliert: er machte wichtige Aufnahmen mit J.J. Johnson («Get Happy») und unter seinem Namen («Easy Living») bei Blue Note. Im September 1953 begegnet ihm Fred Gérard bei einer Aufnahme für Vogue in Paris; er stellt fest, dass der technisch noch in den Anfängen steckende «Brownie» schon ein grosser Chorusbläser ist.
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Brass Bulletin 58, II / 1987 Seiten 42–48
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