Machen Sie Brass Bulletin an Ihrer Hochschule, Ihrem Konservatorium oder Ihrer Bibliothek verfügbar Institutionellen Zugang entdecken

6 Min. Lesezeit

Die Kinder von Fats

Clifford Brown, Freddie Hubbard, Wynton Marsalis

Fats Navarros voller Trompetenklang prägt eine Jazztradition über Clifford Brown und Booker Little bis Wynton Marsalis, verbunden durch frühe Reife und technische Meisterschaft.
Die Kinder von Fats

Frühreife - Klang - Geläufigkeit

Man kann «Dizzy» Gillespie mit Fug und Recht als Vater der modernen Strömung der Jazztrompete bezeichnen. Aber dieser Erneuerer im Bereich der Geläufigkeit und der harmonischen Konzepte vernachlässigte zusehr die Bedeutung des Klangs. Dies war eine besondere Domäne von Theodor «Fats» Navarro: ein voller Klang wie Roy Eldridge, dem Bop stil angepasst. Dank einer künstlerischen Frühreife können wir trotz seines Todes mit 26 Jahren im Jahre 1950 seine Botschaft hören. Die Fackel wurde sofort an Clifford Brown weitergereicht, welcher ebenfalls im Alter von 26 Jahren sechs Jahre später starb. Zwei Jahre später tauchte Booker Little auf, als einziger Erbe der Art, der einen neuen Weg in dieser klassisch gewordenen Sprache gefunden hatte. Er starb 1961 mit 23 Jahren. In diesem Jahr wurde Wynton Marsalis geboren, auf dessen Schultern jetzt alle Hoffnungen ruhen. Die Gemeinsamkeit dieser vier Künstler ist die unglaublich künstlerische Reife im jugendlichen Alter, die ausgezeichnete Technik und die Klangqualität.

Fats Navarro

Die Ahnen des 1923 in Key West (Florida) geborenen Fats Navarro waren Kubaner, Chinesen und amerikanische Neger. Er begann mit dem Saxophon; offenbar bewunderte er anfänglich seinen entfernten Cousin Charlie Shavers (einen fabelhaften Virtuosen), aber es sind uns keine Informationen über eine seriöse trompeterische Ausbildung zugänglich. R. Russell berichtet, dass 1941, mit 17 Jahren, bei einer Stellvertretung bei Sol Albright schon seine ausserordentliche Technik und sein schöner Ton aufgefallen seien.¹ Nach einer Zeit bei Snookum Russell (1942 - 1943) spielt er bei Andy Kirk (1943 - 1945). Dort arbeitete er neben Howard McGhee, einem Schüler von Eldridge, welcher, wie man sagt, Fats beeinflusste in bezug auf die Ausnutzung der Geläufigkeit. Nach R. Russell war es Dizzy selbst, der Fats empfahl als seinen Nachfolger bei Billy Eckstine (1945-1946).

Fats Navarro (coll. M. Laplace)

Fats Navarro (coll. M. Laplace)

Die Autobiographie von Diz scheint aber keine grosse Achtung für seinen jungen Rivalen zu verraten.² Er spielte dann bei Lionel Hampton, Coleman Hawkins (Plattenfirma Sonora), Illinois Jacquet, Kenny Clarke (September 1936, von Ch. Delaunay überwachte Aufnahme). Seine Erkrankung an Tuberkulose führte zu Drogensucht. 1947 machte er die erste Aufnahme unter seinem Namen (für Savoy). Im November 1947 mit Charlie Parker (WOR) und Ende 1948 spielte er mit Tadd Dameron im Royal Roost. Mit Dameron machte er verschiedene Aufnahmen («Good Bait», «The Squirrel») und bei Blue Note verewigte er eine Begegnung mit seinem Ex-Kollegen H. McGhee («Double Talk»). 1949 war das letzte aktive Jahr für Fats. Er machte Aufnahmen mit der Metronome All-Star (mit Dizzy und Miles Davis! RCA), Bud Powell (Blue Note) und Max Roach (im September für Prestige). Sechs Jahre (1943-1949) genügten, um einen perfekten Stil zu erreichen: grosse Technik, beachtliche Höhe, saubere Artikulation, wenig Vibrato, warme und volle Klangfarbe.

Der mittelgrosse Fats wog vor seiner Krankheit 100 Kilo. Dies, zusammen mit seiner kleinen Stimme, trug ihm den Spitznamen «Fats» oder «Fat Girl» ein. Im Herbst 1947 begann er abzunehmen, und als er am 7. Juli 1950 verarmt im Bellevue-Hospital starb, wog er noch 50 Kilo.

Clifford Brown (Coll. Michel Laplace)

Clifford Brown (Coll. Michel Laplace)

Clifford Brown

Clifford Brown, in Wilmington (Delaware) am 30. Oktober 1930 geboren, bekam von seinem Vater als 15 Jähriger eine Trompete geschenkt; zu dieser Zeit war in den USA der be-bop vorherrschend.

«Get Happy»: Clifford Brown’s chorus Takte 25 bis 32 (1953). Transkription: Bill Kennedy

«Get Happy»: Clifford Brown’s chorus Takte 25 bis 32 (1953). Transkription: Bill Kennedy

Clifford erhielt eine gründliche und originelle Ausbildung bei Robert Lowery in Wilmington, später bei Harry Andrews. Letzterer unterrichtete ihn auf Grund der Arbanschule, indem er zugleich das Prescott System (Beispiel: 16 oder 32 Takte in einem Atemzug blasen) und das non-pressure system anwandte. Andrews erinnert sich an den guten Ansatz Cliffords (1/3 - 2/3) und bei seinem Diplom spielte er den «Karneval von Venedig».³ Seine ursprüngliche Inspiration kam von «Fats» Navarro.³ᵇⁱˢ 1952 nahm er sein erstes Solo («Ida Red» bei Chris Powell) auf. 1953 war Cliffords Stil in bezug auf Ton und Phrasierung schon etabliert: er machte wichtige Aufnahmen mit J.J. Johnson («Get Happy») und unter seinem Namen («Easy Living») bei Blue Note. Im September 1953 begegnet ihm Fred Gérard bei einer Aufnahme für Vogue in Paris; er stellt fest, dass der technisch noch in den Anfängen steckende «Brownie» schon ein grosser Chorusbläser ist.

Weiterlesen

Erhalten Sie vollständigen Zugang zur digitalen Ausgabe.

Brass Bulletin 58, II / 1987 Seiten 42–48

Alle Inhalte sind urheberrechtlich geschützt © Brass Bulletin 1987–2026

Artikel teilen

Facebook LinkedIn
Wird geladen…

Fragen und Antworten

So funktioniert die digitale Ausgabe

Was enthält die digitale Ausgabe?

Die digitale Ausgabe vereint die bereits digitalisierten Artikel als lesbare und durchsuchbare Online-Texte – nicht nur als Scans oder PDF-Dateien – mit ihren ursprünglichen Abbildungen, Anmerkungen, Angaben zu Autoren und Ausgaben sowie den verfügbaren Übersetzungen. Empfehlungen verwandter Artikel umfassen derzeit nur dieses digitalisierte Material.

Sind die digitalen Artikel mit den Originalen identisch?

Wir bewahren den ursprünglichen Text, die Sprache, Abbildungen, Bildlegenden, Fußnoten und den redaktionellen Kontext so originalgetreu wie möglich. Die Darstellung wird für ein angenehmes Lesen am Bildschirm angepasst; offensichtliche Übertragungs- oder Scanfehler können korrigiert werden. Inhalt und Charakter des veröffentlichten Artikels bleiben unverändert.

Welche Sprachen sind verfügbar?

Brass Bulletin erschien während seiner gesamten Geschichte auf Englisch, Französisch und Deutsch. Italienische und spanische Übersetzungen kamen ab Ausgabe Nr. 60 hinzu.

Auf der italienischen und der spanischen Website werden die Artikel aus den Ausgaben 1 bis 59 daher standardmäßig auf Englisch angezeigt.

Wie oft werden neue Artikel hinzugefügt?

Neue Artikel werden fast täglich hinzugefügt; ungefähr eine vollständige Ausgabe wird pro Woche digitalisiert. Das Tempo kann je nach erforderlicher Vorbereitung, Bildbearbeitung und redaktioneller Prüfung variieren.

Warum sind noch nicht alle Artikel digital verfügbar?

Die vollständige Sammlung von Brass Bulletin umfasst 1’246 Artikel aus den Jahren 1971 bis 2003. Das vollständige Verzeichnis ist bereits online verfügbar und ermöglicht es, jeden Artikel der Sammlung zu entdecken – auch jene, deren vollständiger Text noch nicht digitalisiert wurde.

Die Digitalisierung begann im Februar 2026. Jeder Artikel wird sorgfältig für die Online-Lektüre aufbereitet, geprüft und mit seiner Ausgabe, den Autoren, Themen und Abbildungen verknüpft. Beim derzeitigen Digitalisierungstempo wird die vollständige Sammlung voraussichtlich bis Februar 2028 online verfügbar sein.

Warum verweisen manche Quellen auf Artikel, die noch nicht verfügbar sind?

Verweise in den Originalartikeln bleiben erhalten, auch wenn das Material, auf das sie hinweisen, noch nicht digitalisiert wurde. So bleiben die historischen und redaktionellen Zusammenhänge vollständig erhalten. Mit jeder weiteren digitalisierten Ausgabe werden mehr dieser Verweise zu online lesbaren Artikeln führen.

Kann ich einen Artikel vorschlagen oder einen Übertragungsfehler melden?

Ja. Wenn Sie einen bestimmten Artikel gerne digitalisiert sehen möchten oder einen möglichen Übertragungsfehler beziehungsweise eine fehlende Information entdecken, nehmen Sie bitte Kontakt mit uns auf. Rückmeldungen unserer Leser helfen uns, die digitale Ausgabe zu verbessern und sinnvolle Prioritäten im Archiv zu setzen.

Wie kann ich Brass Bulletin unterstützen?

Ihre Unterstützung hilft, die Aufbereitung, Überprüfung und Online-Veröffentlichung der vollständigen Sammlung zu finanzieren.

Digitalausgabe abonnieren

Möchten Sie uns lieber unterstützen, ohne ein Abonnement abzuschließen?

Spenden

Wie kommt die Digitalisierung voran?

Wir machen Brass Bulletin nach und nach online zugänglich, Artikel für Artikel. Neu digitalisierte Artikel können Sie lesen, sobald sie verfügbar sind – auch wenn die gesamte Ausgabe noch nicht fertig ist.

Unser Digitalisierungsplan zeigt die neuesten Ergänzungen und die voraussichtlichen Verfügbarkeitstermine der kommenden Ausgaben. Diese Schätzungen basieren auf unserem jüngsten Arbeitstempo und können sich ändern.

Brass Bulletin durchsuchen.