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György Geiger

Ein grosser Trompeter

György Geiger

György Geiger

In den vergangenen zehn Jahren hat Ungarn, sehr zum Erstaunen Uneingeweihter, einige hervorragende Blechbläsersolisten hervorgebracht.

Schon seit den fünfziger Jahren gab es bemerkenswerte Holzbläser, welche sowohl als Quintett-Musiker als auch als Solisten im Rampenlicht standen. Ihre Kollegen von der Blechbläserfakultät schienen, aus welchem Grunde auch immer, hinterherzuhinken.

Wahrscheinlich gehe ich nicht fehl in der Annahme, dass es das von György Geiger gegründete und geleitete Modern Brass Ensemble war, welches das Eis brach. Es war vermutlich das erste Kammerensemble seiner Art in Ungarn, das in Bezug auf Musikalität und technisches Niveau als den besten Vertreter so klassischer Sparten wie dem Streichquartett ebenbürtig erachtet wurde. Seit es 1979 den internationalen Wettbewerb von Ancona gewann, blüht die Karriere des Modern Brass Ensembles, und regelmässige Tourneen führen es durch Europa, und nach dem grossen Erfolg an seinem Debut am internationalen Blechbläserkongress in Bloomington, Indiana 1984 wurde es 1985 wieder in die Vereinigten Staaten eingeladen.

Einmaliges Format

Auf Grund seines einmaligen trompeterischen Formates wurde György Geiger in Bloomington ausgewählt, an der Jahresversammlung der International Trumpet Guild 1985 in Albuquerque, New Mexico einen Vortrag zu halten. In diesem Zusammenhang möchte ich hier eine Begebenheit erzählen, die die Wirkung von Geigers Kunst auf die Leute illustrieren soll.

Der bekannte britische Musikkritiker William Mann, der mehrere Dezennium lang Konzerte für die Times rezensierte, kam im März 1984 nach Budapest, um ungarische Solisten und Gruppen im Hinblick auf das damals von ihm geleitete Bath Festival anzuhören. Mr Mann war eingeladen, das Modern Brass Ensemble in einem grossen Raum im ungarischen Radio anzuhören. Der Raum war recht ungeeignet, um Blechbläser anzuhören, denn er klingt hohl, und der Nachhall macht es schwierig, das Gespielte zu beurteilen. Aber in der Hälfte des zweiten Stückes beugte sich Mr Mann zu mir und flüsterte mir ins Ohr: «Der Trompeter ist ein erstklassiger Virtuose!» Sogar unter diesen ungünstigen Bedingungen zog Geiger die Aufmerksamkeit des erfahrenen Kritikers auf sich.

Ausnahmslos geschätzt

Geiger, der aus einer jetzt in die Stadt Budapest eingemeindeten Vorstadt, die für ihre Blechbläser berühmt ist, stammt, musste nie um Anerkennung kämpfen. Als er noch Student an der Musikakademie war, machte er ein Probespiel und errang die Stelle als erster Trompeter in der Budapester Philharmonie, welches das Orchester der Staatsoper ist. Die Geschichte erzählt er manchmal mit einem Ausdruck vergnügten Erstaunens:

«Das Probespiel war ein Spass: Ich spielte besser, als ich es erwartet hatte. Das Besondere war, dass ich nun erste Trompete neben meinem Professor blies, der am zweiten Pult sass... Morgens unterrichtete er mich in der Akademie, und abends musste ich ihn im Orchester führen. Nun, im Leben gibt es solche Situationen, wo es schwierig ist, festzustellen wer lehrt und wer lernt.»

Eine der Gelegenheiten, bei denen Geiger diese Anekdote berichtete, war an seinem Vortrag in Albuquerque: Er scheute es sehr, zu den amerikanischen Blechbläsern zu sprechen, deren Überlegenheit in Ungarn wie in vielen andern Teilen der Welt traditionell anerkannt ist. Geiger, der im ITG Journal als ein «sechseinhalb Fuss grosser Riese» beschrieben wird (nach dem Auftritt seines Ensembles in Bloomington) erwähnte die Begebenheit in der Budapester Oper auch, um seine Nerven zu beruhigen und sich zu überzeugen, dass er im Grunde in der Lage war, all diesen amerikanischen «Professoren» im Publikum etwas beizubringen.

Eine Leidenschaft: die Trompete

Er errang Triumph. Ich denke, dass sein Engagement, seine leidenschaftliche Liebe zur Trompete die Zuhörer gewonnen hat. Auch den Lesern von BRASS BULLETIN wird seine Ergebenheit gegenüber diesem Instrument geläufig sein. In Geigers Augen und Ohren ist die Trompete natürlich jedem anderen Instrument ebenbürtig, sie wetteifert mit der Geige in Ausdruckskraft und Legato-Spiel, und fordert sogar die menschliche Stimme heraus. Bestimmt errang er die Herzen seiner Zuhörer, indem er erzählte, wie ungerecht er es fand, dass die Trompete — mit dem Rest des Orchesters zusammen — in den Graben verbannt sei, aus den Augen des Publikums, als ob sie etwas Unanständiges wäre, und die Bühne das Monopol der Sänger sei. Er träumt, so sagt er, von einem Theater, wo die Situation umgekehrt wäre, die Sänger im Graben und die Trompete im Glanze ihres Ruhmes auf der Bühne... Und da er diesen Traum noch nicht verwirklichen konnte, tat er das Nächstbeste: Er bat einen Freund, die Toccata von Martini für Stimmen und Schlagzeug zu arrangieren, um dem schönen Trompetensolo eine entsprechende Begleitung zu verschaffen.

Auch die Geschmackssicherheit und geistige Beweglichkeit Geigers muss die Zuhörer beeindruckt haben. Er ist bekannt für seinen Einsatz für zeitgenössische Musik und hat praktisch alle im heutigen Ungarn komponierten Trompetenwerke aufgeführt. Er hat eine erhebliche Anzahl davon uraufgeführt, ist aber in vorklassischer Musik genauso versiert wie in jazzartigen Arrangements und natürlich richtiger Unterhaltungsmusik.

Die Aufzählung von Geigers Tugenden schliesst auch seine Ausdauer ein. Er gibt auch nach Entmutigungen nie auf, wenn er einmal etwas im Kopf hat. Zum Beispiel nahm er für das ungarische Radio eines seiner Lieblingsstücke, Beethovens Romanze in F-Dur auf. Das Tonband wurde von der Auswahlkommission abgelehnt, da der Vorsitzende, ein Geiger, das Arrangement geschmacklos und der Violinfassung unterlegen fand. Geiger, der viel Zeit für die Vorbereitung des Stückes gebraucht hatte, gab sich nicht geschlagen. Er überzeugte einen seiner Freunde, den Stil und die Instrumentierung des Arrangements abzuändern, und mit dieser neuen Begleitung nahm er das Stück noch einmal auf. Das Band wurde einer anderen, für leichte Musik verantwortlichen Jury unterbreitet und wurde angenommen. Geiger hatte sein Ziel erreicht.

Herausforderung an die Geige

Die Begebenheit bewog ihn, die Geige im direkten Nahkampf herauszufordern. Diesmal war seine Waffe ein altes Schlachtross der Geigenliteratur: Wieniawsky's Kurowiak. Das Solo wird abwechselnd von Violine und Trompete übernommen, und zu Ehren Geigers muss gesagt werden, dass das Duell unentschieden endet... Mindestens für den Autor dieses Artikels.

Geiger ist nun schon seit sechzehn Jahren erster Trompeter des ungarischen Radio-Sinfonie-Orchesters. Er hat den Operngraben mit dem Radiostudio vertauscht - aber das Orchester und natürlich auch das Modern Brass Ensemble geben viele öffentliche Konzerte. Zusammen mit seinen solistischen Verpflichtungen, den Tourneen in Ungarn und im Ausland hat György Geiger genügend zu tun, um immer beschäftigt zu sein.

Grosse Bescheidenheit

Wenn man mit ihm von Angesicht zu Angesicht spricht — was im wörtlichen Sinne wegen seiner enormen Grösse schwierig ist - beeindruckt er einen durch seine bemerkenswerte Bescheidenheit. Falls er seinen Wert kennt, behält er das für sich. Er ist eher schüchtern, was sich aber nie in Schroffheit oder Unnahbarkeit ausdrückt. Es ist leicht, ihn in Verlegenheit zu bringen mit der Erwähnung von Kritiken wie der aus dem I.T.G. Journal vom September 1984:

«Nachdem Geiger sich auf zwei aufeinanderg etürmte Stühle niedergelassen hatte, beeindruckte er seine Zuhörer mit einer Leichtigkeit, die an Raphael Mendez erinnerte, einer Höhe wie Doc Severinsen und einer Ausdruckskraft, die an Maurice André mahnte».

Brass Bulletin 56, I / 1986 Seiten 44–48

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