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Heilsarmee in Japan

Heilsarmee in Japan

Gegen Jahresende gehören Trompeter wie der auf dem Bild beim Spielen von Chorälen zum japanischen Strassenbild. Natürlich handelt es sich um einen Heilsarmisten, und diese Art der Kollekte gehört seit etwa 80 Jahren zum japanischen Winter.

Der Trompeter ist Herr Harita. Er ist nicht nur Kreiskommandant von Kanto-Tohoku, sondern auch ein ausgezeichneter Musiker, der 1962 an der Tokyoter Musikhochschule abgeschlossen hat. Die Aufnahme stammt aus der Ginza, der Hauptstrasse der Tokyoter Innenstadt. Den Bläser muss Herr Harita besonders interessieren. Die Geschichte der Heilsarmee in Japan ist 90 Jahre alt, sie geht auf den Anfang japanischen Musikimportes aus Westeuropa zurück.

Hr. Harita spielt Choräle

Hr. Harita spielt Choräle

Kulturell und wirtschaftlich hat sich Japan vom Schock der Niederlage von 1945 erholt. Nach einer Stagnation während des Krieges blüht jetzt die Musik und hat in 40 Jahren nie erträumte Höhepunkte erreicht. Die Schulblasmusik z.B. umfasst in Japan über 7000 Primar-Mittelstufen- und High-School-Bands, die ihre Existenz dem Nachkriegsboom bei der Blasmusik und der Entwicklung eigener japanischer billiger Schülerinstrumente verdanken. Die blühende Musikszene im heutigen Japan wäre vor 100 Jahren undenkbar gewesen. Damals hatte die westliche Musik kaum das fernöstliche Inselreich erreicht.

Das Photo von 1902

Das Photo von 1902

Der Prozess der Annahme einer fremden Kultur ist dramatisch und beeinflusst den Empfänger tiefgreifend — in Japan und anderswo. Aber der Fall Japan ist besonders interessant, da das Land während der 300 Jahre des Tokugawa-Shogunates total von der Aussenwelt abgeschnitten war.

Wann genau kam westliche Musik nach Japan? Wer brachte sie dorthin? Welche Art Musik wurde von verschiedenen Nationalitäten importiert? Welchen Eindruck hinterliess die Musik bei den Japanern? Leider wissen wir nichts genaues darüber, da die Antworten in der Nacht der Geschichte verborgen sind. Es ist aber doch sicher, dass extensive Kontakte mit westlicher Musik vor rund 100 Jahren begonnen haben.

Die Musik kam wahrscheinlich mit den verschiedenen europäischen und amerikanischen Militärkapellen, die Japan nach der Öffnung des Landes (durch amerikanische Kanonboote! der Übersetzer) besuchten. Die Heilsarmeekapellen, von denen dieser Artikel handelt waren ein anderer Weg, die Musikkultur des Auslandes nach Japan zu bringen.

Nach einer Mission

Nach einer Mission

Eine alte östliche Weisheit behauptet, dass man neue Erkenntnisse aus dem Studium der Vergangenheit gewinnen kann, und als Herausgeber einer Bläserzeitschrift ist es aufregend und erfreulich, die Zeit zu erforschen, in der die Blasinstrumente nach Japan kamen.

Aber zurück zu Herrn Harita. Wir besuchten ihn im Heilsarmee-Hauptquartier, wo er einige alte Papiere für uns heraussuchte. Wir waren nicht enttäuscht, da er uns einige seltene alte Fotos mit sehr menschlichem Aspekt zeigte.

Die Heilsarmee, 1865 in London gegründet, begann ihre Überseeaktivitäten früh zu entwickeln. Ihre weltweite Organisation begann 1880. Japan wurde erstmals 1890 geplant und 1895 schon realisiert. Eine seltsame Gruppe von Ausländern landete am Morgen des 4. September 1895 in Yokohama. Alle trugen Yukata, die japanischen Schlafanzüge mit engen Gürteln, in der ruhigen Gewissheit, japanische Alltagskleidung zu tragen. Es ist überliefert, dass die Japaner sich bei diesem Anblick vor Lachen kugelten.

Das Missverständnis klärte sich aber bald auf. Auf dem Weg nach Japan hatte das Schiff in Hong Kong Station gemacht, und der Leiter der Gruppe, Edward Wright, hatte bei einem japanischen Schneider dort Kleider für alle bestellt. Aber offensichtlich herrschten Sprachprobleme, und so hatte der Schneider statt Strassenkleidern die japanischen Pyjamas mit schmalen Gürteln angefertigt, die man im Bett trägt.

Kommandant Harita (rechts) und H. Suzuki, Dirigent des japan. Blasorchesters der Heilsarmee.

Kommandant Harita (rechts) und H. Suzuki, Dirigent des japan. Blasorchesters der Heilsarmee.

Im Sommer 1900 lancierte die Heilsarmee eine Kampagne zur Befreiung der Geishas und Prostituierten (welche ihren Arbeitsplatz nicht wechseln durften). Offiziere und Soldaten marschierten zu den Sperrbezirken, in der Hoffnung, diesen unglücklichen Frauen zu helfen. Puffbesitzer in Yoshihara, einem wohlbekannten Sperrbezirk, kauften alle Heilsarmeetraktate auf, bevor die Prostituierten diese zu Gesicht bekamen. Aber die Heilsarmee liess in ihren Anstrengungen nicht locker, und am 5. August heuerten die Bordellbesitzer einen mehrere Dutzend Mann starken Schlägertrupp an, um die Salutisten anzugreifen. Die Heilsarmee erlitt einen Verlust von fünf Mann, die Fahne war zerrissen und eine Pauke schwer beschädigt. Das traurige Schauspiel ist auf Bild A zu sehen. Bald darauf wurde den Prostituierten gestattet, ihren Arbeitsplatz nach Wunsch zu wechseln. Man muss im übrigen hinzufügen, dass es auch keine Sperrbezirke mehr gibt in Japan.

Im Februar 1902 wurde ein Musikkorps gegründet und von Oberst H. Bullard geleitet. Es unternahm 35 Evangelisationsfeldzüge in 23 verschiedenen Landesteilen. Wahrscheinlich hörten viele Japaner damals zum ersten Male ein Blechblasinstrument. Es ist interessant, dass auch die Europäer der Kapelle den Kimono tragen. Diese zwei Bilder sind Zeugnis für die Wege, aus denen westliche Musik nach Japan eindrang. Auch erinnern sie an einen heute selten gewordenen Brauch in Japans Städten — Männer im Kimono.

Unsere Forschungsarbeit in der Vergangenheit hat erst begonnen. Sie wird unendliche Geduld und Ausdauer erfordern — aber sie muss getan werden.

Dokumente und Photographien wurden vom Hauptquartier der japan. Heilsarmee freundlichst zur Verfügung gestellt.
Erschienen im Pipers Magazin Nr. 6, 1982.

Brass Bulletin 52, IV / 1985 Seiten 30–34

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