Gewöhnlich besteht die britische Brass-Band (aus der sich die meisten reinen Blechbläserensembles der Welt entwickelt haben) aus folgender Besetzung: 1 Es-Soprankornett 8 B-Kornetts 1 B-Flügelhorn 3 Es-Tenor-(Alt-)hörner 2 B-Barytone 2 B-Tenorposaunen 1 B/F-Bassposaune 2 B-Euphonien 2 Es-Basstuben 2 B-Basstuben Schlagzeug
Die Industrialisierung im England des 19. Jahrhunderts und die Anfänge der britischen Brass-Band-Bewegung können etwa gleichzeitig angesetzt werden. Fabrikbesitzer wurden sich der sozialen Bedeutung einer werkeigenen Kapelle bewusst: sie konnte Arbeiter anlocken und zur Werbung für die Erzeugnisse beitragen. Ausserdem gründeten Städte und Dörfer, Mässigkeitsvereine und religiöse Gesellschaften (allen voran die Heilsarmee, die einen weltweit bekannten eigenen Musikverlag betreibt) Brass-Bands. Männer mit rauhen Händen, die deshalb kein Saiteninstrument spielen konnten, die sich von den damals beliebten Gesangvereinen nicht angezogen fühlten, fanden Spass am Blasen in einer Blechbläserkapelle. Dazu kam noch, dass das damalige Repertoire zahlreiche Auszüge aus Opern und Chorwerken zählte, was Parallelausgaben mit gegenseitigem Melodienaustausch ermöglichte. Man darf auch nicht den therapeutischen Wert dieser Musik vergessen, die von den Fabrikarbeitern des 19. Jahrhunderts gespielt wurde: sie half ihnen ihre undankbare Arbeit und kümmerlichen Lebensverhältnisse vergessen und war gleichzeitig ein gesunder und nützlicher Zeitvertreib.
Brass Band Speicher (AR), Schweiz (1971). Leitung: Ernst Graf.
Freizeitverlängerung und Einrichtung von Wettbewerben haben auch noch zur Beliebtheit der Brass-Bands beigetragen.
Von Anfang an hat die Brass-Band-Bewegung breite Aufnahme genossen; mehrere Länder veranstalten nationale Brass-Band-Meisterschaften und Wettbewerbe für Solisten und kleinere Ensembles, wobei sich die Jury oft aus berühmten Musikern aus der allgemeinen Musikwelt zusätzlich zu den Fachleuten der Bewegung zusammensetzt. Zahllose Orchestermusiker kommen von den Brass-Bands, so viele, dass sie oft als ihre Vorschule bezeichnet werden. In der Tat, sie bieten die praktische Erfahrung, und zahlreiche Dirigenten und Lehrer haben ihre Laufbahn in der Brass-Band eingefädelt. Der Kräfteaustausch zwischen Bands und Orchester bildet ein wertvolles Band; viele Dirigenten und Orchestermusiker leiten Brass-Bands, was beiden zugute kommt. Es wird auch mit Gesanggruppen gearbeitet, wie von den in Europa und anderswo üblichen «Blechbläser und Gesang»-Konzerten bezeugt; ausserdem haben namhafte Komponisten speziell für Chor und Brass-Band komponiert, wie etwa Joseph Horowitz («Samson») und Gilbert Vinter («The Trumpets»). Der verstorbene Dr. Denis Wright hat eine eindrucksvolle Bearbeitung von Händels Messias mit Brass-Band-Begleitung geschrieben. Auch das Klavier und die Orgel spielen gelegentlich als Soloinstrumente mit Begleitung einer Brass-Band, z. B. in den klassischen Bearbeitungen von Grieg, Tchaikovsky und Mendelssohn.
Obwohl einige Brass-Bands und kleinere Blechbläserensembles professionelles Niveau erreicht haben, ist die Brass-Band-Bewegung vor allem eine Amateurbewegung, was ihren einzigartigen Enthusiasmus und die Stimmung, um die die übrige Musikwelt sie beneidet, begründet. Lag der Akzent anfangs besonders auf den technischen Aspekten, so haben die musikalischen Komponenten inzwischen die Oberhand gewonnen, sodass diese künstlerische Ausdrucksform an Bedeutung gewonnen hat und dass eine stets wachsende Anzahl von Bearbeitern und Komponisten sich angeregt fühlen, um für diese Ensembles zu schreiben. Insbesondere in den letzten 30 Jahren hat sich das Repertoire merklich erweitert, es sind sogar «Klassiker» entstanden, was dazu beigetragen hat, die Brass-Band aus ihrer Isolation (in früheren Zeiten war das ihr Problem) zu befreien und ihr zu einem bedeutenden Platz im Hauptstrom der gegenwärtigen Musik zu verhelfen. Das Mitwirken weltberühmter Dirigenten bei Brass-Band-Festspielen hat ihre Fortschritte gefördert, es hat ihr auch noch grössere Anerkennung eingebracht.
Unter den bekannten britischen Komponisten, die für die Brass-Band geschrieben haben, findet man Elgar, Holst, Vaughan Williams, Bantock, John Ireland, Arthur Bliss, Herbert Howells und Edmund Rubbra. Innerhalb der Bewegung findet man unter den bekannten Bearbeitern und Komponisten William und Drake Rimmer, J. Ord Hume, J. A. Greenwood, Eric Ball, Dr. Denis Wright, Frank Wright, Gilbert Vinter, Elgar Howarth und Edward Gregson. Auch in Europa, in Amerika, in Australien und in Neuseeland gibt es immer mehr Bearbeiter und Komponisten, die wertvolles Material für Brass-Bands schaffen.
Brass Band Eschlikon, Schweiz (1978). Leitung: Ernst Egger.
Die Bewegung besitzt ihre eigenen nationalen und internationalen Zeitschriften, in denen Beiträge von namhaften Schriftstellern und Musikern zu lesen sind. Das Interesse für die Brass-Bands nimmt auch in den Schulen zu. Junge Leute, die sich weder vom Klavier, noch von den Holzblas- oder Saiteninstrumenten angezogen fühlen, wenden sich schon eher den Brass-Bands zu, die viel schneller als irgendwelche andere Ensembles die Möglichkeit bieten, sich musikalisch auszudrücken. Schon nach drei Monaten können junge Blechbläser ohne Vorbildung oder Erfahrung einfach harmonisierte Melodien blasen. Dazu kommt noch, dass die Mitgliedschaft in einer Brass-Band eine besondere Art Disziplin und Kameradschaft fördert, die der Charakterbildung und den zwischenmenschlichen Beziehungen zugute kommt.
Sehr oft kommen Leute erst über die Brass-Band in den Genuss von (klassischer oder anderer) Qualitätsmusik, weshalb die Brass-Band wohl manchmal «das Orchester des Volkes» genannt wird. Werke wie die Ouvertüre zu «Roi d'Ys» (Lalo, Bearb. Frank Wright), wie Tchaikowskys 5. Sinfonie (Bearb. Eric Ball) oder die «Akademische Fest-Ouvertüre» (Brahms, Bearb. Denis Wright) sind ausgezeichnete Beispiele von Orchesterstücken, die für Blechbläser bearbeitet und von gewissen Grössen der Musikkritik mit Begeisterung begrüsst worden sind.
In der wahrhaft besonderen Klangqualität der Brass Band, ihren warmen Tönen und ihrem weitgespannten Tonumfang liegen gesunde, freie Luft und auf alle wirkender Zauber. Es fehlt ihr auch nicht an vielfältigen Tonfärbungen: alle Nuancen der musikalischen Ausdruckskala sind möglich — Lilia Fox sagte in ihrem 1967 in der Lutterworth Press erschienenen Buch «Instruments of Processional Music»: «... der unvergleichliche Klang der Blechblasinstrumente, die scherzen können, zur Schlacht aufrufen können, die Himmelspforte öffnen können» — alles in einem einzigen Musikstück. Mit Recht ist die Brass-Band von Eric Blom, einem geschätzten Musikkritiker und Schriftsteller, als ein «seltsam schönes musikalisches Ausdrucksmittel» gelobt worden. Sie ist der Weg zu lohnenden musikalischen Erfahrungen.
Einige der berühmtesten Musikhochschulen der Welt erteilen Diplome für Brass-Band-Leitung und für Brass-Band-Instrumente, und viele Erziehungsbehörden fördern Abendkurse für Erwachsene, die sich in dieser Kunstform ausbilden wollen.
Marschmusik von einer guten Brass Band gespielt übt einen unwiderstehlichen Reiz auf alt und jung aus. Ausser dem bezaubernden Rhythmusgefühl und allgemeinen Wohlsein, das einer dabei empfindet, wirkt diese Musik erbaulich! Das Brass-Band-Repertoire besteht aber nicht nur aus Märschen. Vielseitigkeit und Nützlichkeit der Brass-Band wird auch hier bewiesen: sie kann auch Jazz- und Tanzmusik, Klassikerbearbeitungen, Opernauszüge und Show-Musik, Originalkompositionen und Solostücke spielen. Sie zählt Mitglieder aus allen möglichen Berufen und kennt keine sozialen Schranken. Nebeneinander blasen Generaldirektoren, Rechtsanwälte, Zimmerleute und Fabrikarbeiter, zu einer grossen Familie zusammengeschlossen — oft zwei bis drei Generationen im selben Ensemble! Brass-Band-Tradition wird hier zur Lebensart. Nationalfeiern, bürgerliche Feste, Aufzüge, Versammlungen aller Art, Konzerte: die Brass-Band trägt überall zum Erfolg bei.
Zusammenfassend: die Brass-Band bietet tausenden von Musikern aller Alters- und Gesellschaftsschichten — ob Mann oder Frau — ein wichtiges schöpferisches Betätigungsfeld. Ihre kulturelle Bedeutung ist international anerkannt. Brass-Bands haben einen festen Platz neben Berufsorchestern und Chören sowohl in Konzerten wie in den grossen Rundfunk- und Fernsehsendungen z. B., indem sie der Verbesserung der Lebensqualität auch ihr Scherflein entrichten.
Brass-Band-Musik ist Musik des Volkes!
Brass Band Frohsinn Schütz, Schweiz. Leitung: André Winkler.