Vom Zinken und vom Serpent
Aus Pierre Trichets Traité des Instruments de Musique (um 1640)
Von Pierre Trichet
Vigenere identifiziert in seinen Kommentaren über den Amphyon von Philostrates die obliqua tibia, welcher man in einem Passus bei Plinius begegnet, als Zinken, ändert aber danach seine Meinung und bezeichnet sie in seinen Kommentaren zu Hyazinthus als deutsche Flöte. Midas, so sagt er, erfand in Phrygien die deutsche Flöte, welche die Italiener Traverso nennen, in Anlehnung an die lateinische obliqua tibia. Diese Erklärung befriedigt mich weniger als die erste, denn nicht alles, was man quer hält ist deshalb auch schief. Es scheint angezeigter, zu glauben, dass der Zink die Flöte sei, die von den Griechen elymos, photinx, plagios oder plagiaulos genannt wird, und von den Römern in Anlehnung daran tibia curva, obliqua, phrygia, berecynthia oder cornu berecynthium.
Was ich hier erläutert habe genügt nach meiner Meinung, die vorliegenden Schwierigkeiten zu erhellen. Es ist klüger, nun weiterzugehen und etwas vom modernen Gebrauche der Zinken zu sagen, welche sich ja heutzutage grosser Beliebtheit erfreuen, da sie sowohl zum Einzuge der Könige und grossen Herrschaften in die trefflichen Städte als auch bei Feierlichkeiten und Festen der Öffentlichkeit Verwendung finden. Ausserdem sind sie nicht nur im Gebrauche bei den weltlichen Herren, sondern auch die Geistlichkeit bedient sich ihrer in vielen Kirchen Frankreichs und anderer Länder, wo man sie hauptsächlich in den Stimmen des Soprans und des Kontrabasses einsetzt, um die göttlichen Loblieder melodisch auszuschmücken.
Der obenerwähnte Loyer berichtet, dass die Oberstimme des Zinken, vereint mit der Lyra und den Stimmen gelegentlich in einigen Kirchen Italiens Eingang fand, was nach seiner Meinung nicht vorkommen sollte, da die Gebräuche, die gefällig sind, zur Frömmigkeit anregen. Wenn aber schon die alten Philosophen vor Seneca bei ihren mehrstimmigen Konzerten das Flötenspiel einsetzten, warum sollten die Christen da keine Zinken einsetzen? Seht ihr nicht, sagt Seneca, aus wievielen Stimmen sich der Chor der Philosophen zusammensetzte? Aus all diesen Tönen erwächst doch ein Ganzes: hier hört man eine hohe Stimme, dort einen Bass, da eine Mittelstimme, Männer und Frauen singen zusammen — dazwischen setzt man die Flöte, die die Stimmen im einzelnen zudecken und im Ganzen doch hören lassen.
Ich möchte hier auch zur Kenntnis bringen, dass neben den Zinken in gebogener Form, welche gebräuchlicher sind und aus zwei Teilen aus gut getrocknetem Holz, das mit Leder überzogen wird, bestehen (die genannten Zinken messen eineinhalb Fuss Länge und haben sechs bis sieben Löcher hintereinander) auch andere, ganz gerade Zinken aus einem Stück hergestellt werden.
Der Grund, weshalb der Zink häufig in Vokalwerken eingesetzt wird, ist, dass er strahlender klingt als andere Instrumente und besonders schön wirkt, wenn er über den anderen Stimmen geführt wird wie ein Lichtstrahl in der Dunkelheit — sofern er einen fähigen Spieler aufweisen kann.
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