Melvyn Poore
Er opferte viel Zeit, sein eigenes Solorepertoire und eigene Techniken aufzubauen. «Nicht völlig neue Techniken, denn alle waren schon vorher auf anderen Instrumenten angewandt worden. Sachen wie Rohrblätter anstelle eines Mundstückes, das Instrument auseinandernehmen, verschiedene Dämpfer, Zirkularatmung, Doppeltöne mit Stimme und Blasen zugleich. Die Werke, die ich spielte, schienen z.B. durchgehenden Klang zu verlangen — also lernte ich Zirkularatmung. Einige Stücke verlangten extrem hohe Töne, also musste ich mich bemühen, höhere Noten zu schaffen, als sie auf einem Mundstück möglich sind. Das kann man mit Kopfstimme oder Rohrblättern erreichen. Mit Rohrblättern muss man das gewohnte Mundstück verlassen und eine gewisse Kontrolle über die Tonhöhe aufgeben — das Instrument fühlt sich nicht gleich an beim Spielen. Mit der Stimme gibt es kein Hindernis, aber auch nicht viel Kraft. Ich benütze sowohl Einfachrohrblatt (Tenorsaxophonmundstück) als auch Doppelrohrblatt (Fagott).
Auf dem Saxophonmundstück erzielt man etwas, das überhaupt nicht nach Rohrblatt klingt, im tiefen Register — es tönt eher nach Flatterzunge auf einem Pedalton. Die Mittellage tönt eher wie ein Saxophon, aber weniger kernig. In der hohen Lage kann man alle Quietscher und Glissandi erzeugen.»
Nach der Universität arbeitete er vier Jahre lang im Birmingham Arts Laboratorium auf elektronischer Musik (indem er das Instrumentarium aus Sperrmüll aufbaute), schuf einen neuen Musik-Workshop und organisierte Konzerte und musikalische Publikationen.
Sein Interesse an Musiktheater (worunter er weder Oper noch Theater mit Liedern versteht, sondern Werke, in denen musikalischer und theatralischer Inhalt Hand in Hand gehen) wuchs. 1978 gab er bei Trevor Wishart «Tuba Mirum» in Auftrag, und dies ist heute eines seiner meistverlangten Paradepferde.
Das etwa 20 Minuten dauernde Werk spielt im Keller einer psychiatrischen Klinik. Die Hauptperson, gespielt von Melvyn, ist dort als politischer Gefangener.
«Ich werde auf die Bühne gebracht von zwei Bürokraten und einem Arzt, die mich erst in ein Bett stecken und dann an ein am besten sehr hoch angebrachtes Pult sitzen. Sie drehen ein rotes Licht an und beschäftigen sich für den Rest des Stückes mit dem Durchblättern von Papierkram.»
Melvyn Poore, ausgerüstet, um Tuba Mirum zu spielen.
Sie sind seine Richter. Politisch und medizinisch entscheiden sie, was mit ihm zu geschehen hat, und in Anlehnung an die Totenmesse, aus der der Titel des Stücks entlehnt ist, sollen sie die Dreifaltigkeit beim Studieren des Buches der Urteile, in dem da alles geschrieben steht, darstellen — bevor die letzte Trompete erschallt — oder eben Tuba Mirum.
«Ich steige aus dem Bett und gehe zu einer grossen Schachtel, an die etwas mit einem Sack bedecktes gelehnt ist. Dann enthülle ich die Tuba, die mit drei Autohupen und einer Befestigung neben dem Mundrohr für eine Entenlockpfeife, eine Lokomotivpfeife, eine Kindertrompete, eine Sirene und einen Kuckucksruf ausgerüstet ist.
Zu Beginn meines Spiels ist die Tuba voll Wasser, so dass nur blubbernde Töne herauskommen. Ich lasse das Wasser dann ab und mache verschiedene nicht-normale Tubaklänge. Nun hört man zum ersten Mal das Motiv aus der Tuba-Mirum-Sequenz, das im Laufe des Stücks entwickelt wird: 
Ich versuche laufend, dieses Motiv zu spielen, schaue aber dabei dauernd über meine Schulter, ob ich beobachtet werde, und benütze eine Reihe immer seltsamerer Dämpfer, um das Thema zu verkleiden: Einer mit einem Tambourin darin, welches in einer gewissen Lage meines Spiels rasselt, einen anderen aus schwarzem Film mit roten Tupfen, der eine Alarmglocke enthält, die auf dem Höhepunkt losgeht. (Dies und anderes wird über Pedale bedient, die das Stück noch komplizierter zum Spielen machen!)
Wenn die Glocke ertönt, ziehe ich die Züge aus dem Instrument, um herauszufinden, woher der Lärm kommt. Ich stecke jetzt ein Fagottmundstück auf, und es folgt ein Teil, in dem die Klänge mit normaler Tuba überhaupt nichts zu tun haben. Er endet mit einer Explosion im Becher und Rauchwolken, durch welche Lichter scheinen.
Der letzte Dämpfer ist ein Füllhorn mit allen Früchten. Alles geht nun gut. Ich schlage alle Vorsicht in den Wind und spiele das Motiv, das zu einem grossen Lied entwickelt wird. Die Tuba Mirum — die wunderbare Tuba — holt nun ihren letzten Trick hervor. Mittels eines im Dämpfer verborgenen Lautsprechers verstärkt sie ihren eigenen Klang vielfach. Tiergeräusche vom Band sind zu hören, anfangend mit tiefem Brummen und Grunzen bis zum Vogelgesang, dem Symbol der Freiheit. Die drei anderen haben nun beschlossen, was mit mir getan werden soll. Sie nehmen mir das Instrument weg und führen mich zum Bett. Das Licht geht aus. Wenn das Licht wieder aufleuchtet sieht man einen einzelnen Lichtstrahl auf die Tuba und einen anderen auf mich, der völlig von Drogen vernebelt im Bett sitzt. Die Tuba wiederholt ganz von selbst, zwei Klänge vom Anfang des Stücks: das Geblubber und ein Hundegeheul. Dann fällt der Schlussvorhang.»
Ein anderes Werk aus seinem Repertoire ist Ted Johnsons «Monologue», in dem er Tuba spielt und mit ihr spricht. Es ist ein sehr humorvolles und nicht einfaches Werk: «Ich mag das Stück, weil es ein Programm aufhellt. Ich bin gerade so gern unterhaltend wie ernsthaft.»
Auf meine Frage, wie er mit seiner Arbeit denn seinen Lebensunterhalt verdienen könne, antwortete er trocken: «Sehr prekär. Aber im Grund ist es nicht schlimmer als bei anderen freischaffenden Musikern. Das Problem ist, dass trotzdem der Markt existiert, eine grosse Vorarbeit geleistet werden muss, um ihn zu erschliessen — wenigstens am Anfang.»
Neben seiner Soloarbeit spielt er mit dem European Tuba Quartet, welches improvisierte Musik macht, dem Grubenklang-Orchester (im Grunde eine Jazzband, die viele verschiedene Stile spielt) und dem Interface Europe Quartet, das sehr melodischen Jazz macht. «Ich muss eine Menge Kilometer zurücklegen. Die Jazzengagements werden zwei bis drei Monate zum Voraus festgelegt, die für neue Musik viel früher. Wenn es eine Kollision gibt, versuche ich, es irgendwie unter einen Hut zu bringen. Ich denke, ich habe etwa 50-60 Engagements im Jahr.»
Im Gespräch mit Melvin Poore kann man beginnen, die Idee von einer Tuba als Symbol des menschlichen Strebens nach Freiheit zu akzeptieren. Dies scheint eine Art Vollendung zu sein.