Gleichzeitiges Spielen und Singen auf Blechblasinstrumenten
Von Benny Sluchin
1. Einleitung
Die Verwendung der menschlichen Stimme als zweite Klangquelle ist nicht so neu, wie viele glauben, auch wenn gleichzeitig spielende und singende Blechbläser vielerorts noch immer Verwunderung erregen und man diese Klänge mit Avantgardemusik in Verbindung bringt.
Von ihrer weiten Verbreitung in außereuropäischen Kulturen abgesehen, dürfte diese Technik bereits im späteren 18. Jahrhundert bekannt gewesen sein. Das bestbekannte Beispiel ist zweifellos C.M. von Webers Horn-Concertino (1806)¹:
¹ Verlag Breitkopf & Härtel.
Dauprat, Verfasser einer Hornschule (1824)², erwähnt das Phänomen, dessen musikalischen Wert er aber bezweifelt:
Punto, der sie (die Mehrklänge) besser beherrschte als alle, die sich seither darin versucht haben, gab selber zu, wie leicht und lächerlich sie sind.
Den Scharlatanen seien deshalb solche ausgefallenen Mittel überlassen, die sich nur für Mittelmäßiges eignen, die nur Banausen in Staunen versetzen und echte Könner und Künstler nur abstoßen.
Der Hornvirtuose Eugène Vivier (1817–1890) machte sich die Technik dennoch zunutze und erstaunte seine Zeitgenossen durch die Leichtigkeit, mit der er Akkorde erzeugte. Davon zeugt ein langer Artikel von A. Adam³, betitelt «Das Ding der Unmöglichkeit»:
Stellen Sie sich eine unlösbare Aufgabe gelöst vor: die Quadratur des Zirkels, die Luftschiffahrt, den Weltfrieden — wären all diese Utopien verwirklicht, würde uns das nicht mehr erstaunen, als was wir gestern gehört haben...
Von dem jungen Künstler... Herrn Vivier ist die Rede, der auf dem Horn (einem gewöhnlichen Horn ohne jede Mechanik) zwei-, drei- und sogar vierstimmige Passagen zuwege bringt. Welcher Kunstgriff ermöglicht ihm, dieses seltsame Phänomen zu erzeugen, das alle Gesetze der Akustik und Physik über den Haufen wirft? Keiner vermag dieses sein Geheimnis zu lüften...
Der Artikel wurde in Musikzeitschriften abgedruckt und erfuhr im folgenden Monat eine Erwiderung von A. Martin⁴ unter der Überschrift «Das Horn des Herrn Vivier — jedermann zugänglich gemacht»:
Keine Sorge, verehrter Verfasser dieses Artikels: dieses seltsame Phänomen wirft nicht, wie Sie anscheinend befürchten, alle Gesetze der Akustik über den Haufen. Herr Vivier hat nichts entdeckt, nichts erfunden und ist nicht der einzige Träger des Geheimnisses, das «keiner zu lüften vermag».
Martin erklärt, wie der «Trick» bewerkstelligt wurde und wiederholt dann eine Warnung seines Lehrers:
Herr Duvernoy gab mir den Rat, mich nicht mehr in solchem Schnickschnack zu versuchen, welcher der Intonation abträglich sein könnte.
Erwähnt seien auch zwei Etüden von J.R. Lewy⁵ (1804–1881), welche von den doubles sons auf dem Horn Gebrauch machen. Was andere Blechblasinstrumente anbetrifft, so schreibt Hector Berlioz⁶ in einem Brief über seine Eindrücke vom Stuttgarter Orchester anläßlich seiner ersten Deutschlandreise (1842):
Die Posaunisten haben beträchtliches Niveau. Ihr Erster, Herr Schrade, der vor vier Jahren Mitglied des Orchesters der Vivienne-Konzerte in Paris war, ist ein echtes Talent. Er beherrscht sein Instrument gründlich, meistert spielend die größten Schwierigkeiten und entlockt der Tenorposaune einen herrlichen Ton, oder vielmehr herrliche Klänge, denn er versteht es, mit Hilfe einer noch nicht geklärten Technik drei oder vier Töne aufs Mal zu erzeugen, wie jener junge Hornist, der kürzlich in der gesamten Pariser Musikpresse Schlagzeilen gemacht hat. In der Kadenz einer Fantasie, die er in Stuttgart öffentlich aufgeführt hat, ließ Schrade zum allgemeinen Erstaunen gleichzeitig die vier Töne des Dominantseptakkordes von B-dur vernehmen, in der Stellung F, C, A, Es, es ist Sache der Akustiker, diese neuartige Resonanzerscheinung in klingenden Röhren zu erklären. Wir Musiker aber sollten es gut studieren und es uns zunutze machen, wo sich Gelegenheit dazu bietet.
Leider sollte dies bis um die Mitte unseres Jahrhunderts nur in sehr geringem Ausmaß geschehen.
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