Brass Bulletin 21, I / 1978 (Seite 33–35) · 4 Min. Lesezeit
Alle Inhalte sind urheberrechtlich geschützt © Brass Bulletin 1978–2026

Ja oder nein? Achtung!

Bearbeitungen

Suche in diesem Artikel

Dank der «Explosion der Tuba» besitzen wir ein ansehnliches Solistenrepertoire.

Trotzdem besteht noch das Problem der Zusammenstellung eines musikalisch interessanten Solistenkonzertes. Aus der Zeit der amerikanischen Blasorchester gibt es unter den Musikstücken für Soloinstrument einige reizende Werke, die den Ausführenden zur Geltung bringen können. Ansonsten müssen wir uns mit Musik aus den vergangenen zwanzig Jahren und mit verschiedenen Transkriptionen zufrieden geben.

Sollen wir Transkriptionen spielen oder nicht? Bedenkt eure Antwort, ob ja oder nein! Es bedarf eines feinen Unterscheidungsvermögens bei der Entscheidung, ob eine Transkription in ein Konzertprogramm aufgenommen werden sollte oder nicht.

Hauptkriterium ist freilich, ob die Transkription gut klingt. Auf unserer chronischen Suche nach Material lassen wir uns leicht von brauchbaren Vehikeln bezaubern, die aber schliesslich doch nur der Abklatsch des Originals sind.

Vokalmusik zum Beispiel verliert etwas, wird sie der Worte (ja schon der feinen Koloritnuancen von Vokalen und Konsonanten, falls der Zuhörer die Sprache nicht versteht) beraubt.

Der grössere Teil der Musik, ob Vokal- oder Instrumentalmusik, überlebt die Transposition um eine Oktave nicht — hierin besteht das spezifische Problem der Tuba. Es braucht wohl kaum hinzugefügt zu werden, dass eine Transposition über zwei Oktaven musikalisch eine Katastrophe ist.

Die Transposition eines Werkes in eine andere Tonalität kann ein Ausweg sein, man muss aber für den schmalen Grat zwischen Zulässigem und Entwertetem einen sicheren Sinn entwickeln.

So manche Barockmusik klingt sehr schön auf der Tuba. Zu jener Zeit waren ja die Soloinstrumente eines Musikstücks austauschbar. Johann Ernst Gaillards sechs Sonaten für Cello oder Fagott sind dafür ein gutes Beispiel.

Wenn auch die Tuba damals, als diese Sonaten komponiert wurden, noch nicht existierte, so können sie doch auf der Tuba ausgeführt werden, fast ohne als Transkriptionen zu gelten. Der Interpret muss allerdings unbedingt die Ornamentik jener Zeit kennen.

In diesen Stücken ist die Stimmlage sehr hoch, man muss sie also auf einer F- oder einer Es-Tuba spielen, um keinen Schwierigkeiten zu begegnen. Sie überleben eine Transposition um eine Oktave nicht.

Verständlicherweise lassen sich zahlreiche Tubisten zur Ausführung der Hornkonzerte von Mozart und Strauss verleiten. Wenn diese Werke auch gute Musik, sogar Musik für Blechbläser sind, so sollte man diesem Trend gegenüber skeptisch sein, eben wegen der Transposition um eine Oktave.

Wer allerdings den russischen Trompeter Timofei Dokschitzer Fritz Kreislers Stücke für Solovioline hat spielen hören, weiss, dass eine Transposition wunderbar sein kann. Jedoch liegt das Recht zu solchen Entscheidungen beim ausführenden Künstler und der Zuhörer, wir also, muss sich darauf besinnen, dass Geschmack eine persönliche Sache ist.

Bedenkt eure Antwort, ob ja oder nein!

Instrumente, für die es ein reichhaltiges Repertoire aus dem 19. Jahrhundert gibt, haben den Vorteil, dass die Zeit für sie gewirkt hat, indem sie Minderwertiges aussortiert hat. Übrig bleibt ein ansehnliches Angebot an Meisterwerken.

Leider kann die Tuba auf einen ähnlichen Reifeprozess noch nicht zurückschauen, und es werden noch etliche Jahre vergehen, bis feststehen wird, welche Werke unseres gegenwärtigen Solistenrepertoires diesen Prozess zu überstehen vermögen.

Dieser Zustand könnte als die traurige Wahrheit über die Stellung der Tuba innerhalb der Musikgemeinschaft gelten, er birgt aber gleichzeitig einen Vorteil: da die Tuba das letzte herkömmliche Instrument ist, das ins Sinfonieorchester aufgenommen wurde, und seitdem (gegen Mitte des 19. Jahrhunderts) methodisch in fast allen Arten traditioneller Musik aufgenommen worden ist, schliesslich sogar als Soloinstrument, ist gerade sie bei zeitgenössischen Komponisten als interessantes Ausdrucksmittel beliebt.

Die neoklassische und serielle Musik der vergangenen zwanzig Jahre ist den Tubisten und den Komponisten zugute gekommen, indem eine grosse Menge Literatur für Soloinstrumente entstanden ist. Das waren unsere Entwicklungsjahre, eine Zeitspanne, in der Musiker und Komponisten sich gegenseitig auf die Probe stellen konnten, um das Machbare herauszukristallisieren, um zu testen, wie hoch, wie tief, wie schnell, wie kräftig und wie leise der Musiker spielen, und welche Kompositionsprinzipien, welche Instrumentenkonstellation die Tuba ins beste Licht setzen konnten.

Freilich ist dieser Wachstumsprozess nicht schlagartig stehengeblieben — hoffentlich wird er nie stehenbleiben. Jedoch sollte die Unbeholfenheit der Entwicklungsjahre einer gewissen Reife weichen.

Zufällig fällt dieses «Erwachsen»-werden mit einer Zeit grosser Veränderungen in der Komposition zusammen.

Auf ihrer Suche nach einem reicheren akustischen Vokabular verlassen immer mehr Komponisten die herkömmlichen Wege. Folglich erwartet man von den Tubisten, dass auch sie ihre herkömmliche Ära verlassen.

Wollte man in einem Artikel wie diesem einige nicht-konventionelle Techniken aufzählen, so käme man in die seltsame Lage, als unkonventionell solche Techniken ausgegeben zu haben, die beim Erscheinen der Zeitschrift schon als traditionell bezeichnet werden könnten (Multiphonie?) und andere wiederum nicht aufgezählt zu haben, die beim Redigieren noch nicht erfunden waren (Tuba mit elektronischem Synthesizer — mit Helium anstatt Luft geblasene Tuba?).

In der Geschichte der Blechbläser hat es eine Zeit gegeben, in der Dämpfer und Flatterzunge seltsam anmuteten.

Solche Musik ist für den Tubisten eine echte musikalische Herausforderung, weil sie mehr als die herkömmliche Musik die schöpferische Fantasie in Anspruch nimmt. Einerseits ist diese Musik allerdings noch ziemlich «traditionell», und zwar dort, wo sie die dramatische, emotionale Sphäre trifft.

Bedenkt der Musiker diesen Punkt, so kann er solche Musikstücke «leben» lassen.

Freilich gibt es auch hier gute und schlechte Musik. Um zwischen ihnen zu unterscheiden, muss sich der Solist durch sein Spiel und durch sein Hörvermögen engagieren und sich aus dem Land der Traditionen entfernen.

Experimentierfreudige Komponisten wenden sich selbstverständlich der elektronischen Musik und der Computermusik zu. Dort aber stossen sie auf ein grosses Problem: wie kann diese Musik «humanisiert» werden?

Wie gelangt man jenseits der blossen Entwicklung dieser mechanischen Klangwunder dorthin, wo die elektronischen Mittel für den Komponisten nichts weiteres als Ausdrucksmittel für das breite Spektrum der menschlichen Dynamik, Leidenschaften und Gefühle sind?

Eine der Möglichkeiten wird wohl der Einsatz einer herkömmlichen Klangquelle sein: eine Stimme oder ein Instrument wird auf die vom Komponisten erdachten Weisen elektronisch verwertet.

Die Tuba scheint mir durch die Energie, die ihr akustisches Zeichen enthält, das reichhaltigste Instrument zu sein. Aus diesem Grund dürfte sie eine der interessantesten Klangquellen menschlichen Ursprungs werden.

Musik verändert und entwickelt sich unentwegt. Wer mit der Entwicklung gehen will, braucht auf nichts aus der Vergangenheit zu verzichten, er muss nur mit der Zukunft in sie hinein wachsen.

In der musikgeschichtlichen Entwicklung ist die Tuba noch verhältnismässig jung.

Darf sie auf eine reiche Zukunft hoffen, genau so wie sie auf eine reiche Vergangenheit zurückblicken kann? Warten wir es ab!

Artikel teilen

Loading…