Brass Bulletin 19, III / 1977 (Seite 45–49) · 4 Min. Lesezeit
Alle Inhalte sind urheberrechtlich geschützt © Brass Bulletin 1977–2026

Zahnhygiene

Suche in diesem Artikel

Eine unerlässliche Disziplin für Blechbläser

Die hartnäckig bestehende Vorstellung, dass wir mit fortschreitendem Alter unsere Zähne verlieren müssen, ist falsch. Ein Leben lang sollten wir mit unseren eigenen Zähnen beissen, kauen und lächeln können. Freilich gehören dazu einige Vorsichtsmassnahmen und zwar nicht nur seitens des Zahnarztes, sondern auch des Patienten.

Meistens denken wir genug getan zu haben, wenn wir uns regelmässig die Zähne putzen und Karies vermeiden. Das aber ist nur ein Teilaspekt der Zahnpflege, da mehr Zähne wegen Zahnfleisch- und Kieferknochenerkrankungen verloren gehen als wegen Karies. Statistiken zeigen, dass jeder sechste 45jährige Amerikaner infolge von Zahnfleischleiden zahnlos ist, während unter den Sechzigjährigen das Verhältnis auf drei von sechs steigt! Die Berichte der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zeigen, dass die parodontalen Erkrankungen (Leiden des Zahnfleisches und des Kieferknochens) die verbreitetsten Krankheiten sind. Kein Land auf der Erde kennt sie nicht. In einigen Gebieten ist sogar die Hälfte der Jugendlichen und die gesamte erwachsene Bevölkerung davon betroffen. Etwa 20% der Erdbevölkerung ist zahnlos. Aus einer schwedischen Studie geht hervor, dass etwa 40% der Bevölkerung Teilprothesen und 17% Vollprothesen tragen. Obwohl Schweden ein Land mit hohem Lebensniveau ist, sind die sanitären Dienstleistungen zur Vorbeugung und Kontrolle der Zahnerkrankungen nicht sehr wirksam, wie diese Zahlen beweisen.

Betrachtet man anhand von vier Umfragen aus den USA (1929-1960) die Ursachen, die zum Zähneziehen führen, entdeckt man, dass sie gleichermassen bei Karies und bei parodontaler Erkrankung zu suchen sind: Karies hauptsächlich vor dem Alter von 30 Jahren, dann nimmt die Anzahl von Parodontitisfällen rasch zu, nach dem Alter von vierzig Jahren ist sie am Zähneausfall hauptschuldig. Dies sollte nachdenklich stimmen. Vor mehr als dreissig Jahren schrieb Sidney Smith zum Thema der Vorbeugung: «Um seinem Patienten wirklich zu helfen, muss der Zahnarzt mehr für dessen Zähne tun, als sie sorgfältig zu putzen und polieren. Er muss ihn dazu erziehen, auf die Pflege seines Zahnfleisches Wert zu legen, und ihn dazu anleiten.»

Schon 1846 hatte J. Fox in seinem Buch «Naturgeschichte und Zahnerkrankungen beim Menschen» folgende Sätze geschrieben: «Junge Leute müssen dazu ermuntert werden, ihre Zähne sauber zu halten. In den meisten Fällen wird die Benutzung von Zahnbürste und klarem Wasser ausreichen. Grossen Vorteil bietet darüber hinaus die Zahnseide, deren Gebrauch Dr. T. S. Parmly empfiehlt. Sie erlaubt, jene Rückstände aus den Zahnzwischenräumen zu entfernen, welche die Zahnbürste nicht erreicht, wo sich alsbald eine Karies bildet. Wäre es möglich, die Zähne ständig sauber zu halten, würden nie Karies entstehen.»

Übrigens, die moderne Zahnbürste wurde 1498 von den Chinesen erfunden. J. Greenwood schrieb vor 1800: 

Unwissende sind der idiotischen Ansicht, dass häufiges Zähne- und Zahnfleischbürsten abnutzt und verletzt. Eines Tages erleben diese Leute dann die unangenehme Überraschung, dass ihre Zähne unwiderruflich verloren sind, während sie gerade das vermeiden wollten, indem sie solche Ratschläge befolgten. Zähne und Zahnfleisch müssen sauber gehalten werden, ebenso wie der Körper. Sauberkeit fördert die Gesundheit.

Brass Bulletin image

In einem Artikel aus dem Jahre 1967 spricht Arnim von der Entwicklung der Vorsorgeprogramme:

Selbstverständlich verhielten sich die Mitglieder eines Berufes, dessen Aufgabe darin besteht, Zahnfüllungen zu machen und kranke Zähne zu ersetzen, zurückhaltend, als es darum ging, ein sogenanntes «nicht praktisches» vorbeugendes Programm einzuführen.

Was wird auf diesem Gebiet in der Schweiz geleistet? Ich meine jetzt nicht die auf breitester Basis vorgenommenen prophylaktischen Massnahmen, wie z. B. fluorhaltiges Salz oder Wasser und das (zu langsame) Einführen vom kollektiven Zähneputzen in der Schule. Ich meine: «Was wird in der Praxis eines Zahnarztes unternommen?» Wieviele Zahnärzte nehmen sich die notwendige Zeit, ihre Patienten zu informieren und ihnen die bevorstehenden Probleme zu erklären?

Ein ausgeklügeltes System hält unsere Zähne fest. Sie müssen Lebensmittel aller Arten schneiden, zerreissen, zerdrücken, mahlen. Um ihrer Aufgabe gewachsen zu sein, ohne sich Schaden zuzuziehen, müssen sie festsitzen, gleichzeitig aber elastisch genug befestigt sein, um jeden Schock aufzufangen. Die Zahnwurzeln passen sich dem Knochen gut an, bilden aber mit ihm keine Einheit. Im Gegenteil, sie sind mit einem feinen Gewebe, der Parodontalmembran, bedeckt, und durch tausende von winzigen Fasern verankert, die durch die Parodontalmembran hindurch die Alveolenwand mit der Zahnwurzel verbinden. Das Zahnfleisch bedeckt und schützt diese Feinmechanik und hält die Zähne in ihrer Stellung fest.

Michel G. Corti

Michel G. Corti

Das Zahnfleisch muss den Zähnen genau angepasst sein, damit keine Nahrungsrückstände oder Fremdkörper sich zwischen die Zähne oder zwischen Zahnfleisch und Zahnwurzel setzen können. Gesundes Zahnfleisch ist fest und hellrosa, entzündetes ist rot und geschwollen und löst sich vom Zahn. Blutet das Zahnfleisch beim Zähnebürsten, dann ist es gereizt und es bestehen Kongestionen, die seine Abwehrrolle beeinträchtigen. Wenn das Zahnfleisch sich vom Zahn löst, können sich in den gebildeten «Taschen» Lebensmittelrückstände und Bakterien ablagern. Eine Zahnfleischentzündung wird zur Parodontitis, wird sie nicht bald behandelt. Rückstände häufen sich in den Taschen und bilden eine zementartige Masse, den Zahnstein, der mit der Zahnbürste nicht entfernt werden kann. Bei fortschreitender Entzündung werden zuerst das Zahnfleisch, dann das Wurzelhautgewebe zerstört, schliesslich werden Knochen und Zahnwurzeln beschädigt, die Zähne sitzen nicht mehr fest, werden beweglich und fallen aus.

Dr. S. Ramfjord, Professor an der zahnmedizinischen Schule der University of Michigan, hat die ersten Erkrankungserscheinungen des Zahnfleisches gegen Ende der Kindheit oder in der Jugend festgestellt. Er schreibt:

Meistens verläuft die Krankheit schmerzfrei und viele Leute wissen nicht, dass sie davon befallen sind, bis sie soweit fortgeschritten ist, dass sie schwer zu behandeln ist.

Brass Bulletin image

Was kann zur Erhaltung eines gesunden Zahnfleisches getan werden?

  1. Sehr wichtig: Gehen Sie regelmässig mindestens zweimal jährlich zum Zahnarzt. Er sollte nicht nur Ihre Zähne, sondern auch Ihr Zahnfleisch untersuchen. Er sollte Sie in die richtige Methode einführen, wie die Zähne bürsten, das Zahnfleisch massieren, Ihnen zeigen, wie jene Stellen gereinigt werden können, wo die Zahnbürste nicht hinreicht. Eine Studie hat ergeben, dass Zahnfleischerkrankungen durch richtiges Bürsten um 6,6%, durch Reinigen der Zahnzwischenräume um 23,6% zurückgehen.
  2. Lassen Sie regelmässig den Zahnstein entfernen. Ist Ihr Zahnfleisch geschwollen oder entzündet oder blutet es, dann ist es krank. Auch bei gründlichem Bürsten wird sich unter dem Zahnfleisch mit höchster Wahrscheinlichkeit Zahnstein bilden. Wird er nicht regelmässig bis aus den hintersten Winkeln entfernt, dann wirkt er in demselben Grade wie ein Splitter unter der Haut, den man nicht entfernt hat. Der Zahnarzt wird den Zahnstein entdecken, bevor er unwiderruflichen Schaden angerichtet hat. Je länger Sie die Behandlung hinauszögern, je schwieriger und kostspieliger wird sie.
  3. Lassen Sie alles Zahnfleischbeschädigende aufs schnellste behandeln. Bei einzelnen Patienten können Zahnfleischschäden durch nicht einwandfrei ausgeführte Ausbesserungen (Kronen, Füllungen) verursacht werden, oder durch noch nicht vorgenommene Arbeiten, wodurch Lücken entstehen, die eine Gleichgewichtsstörung in der Zahnreihe hervorrufen. Bei anderen ist eine Formkorrektur des Zahnfleisches und die Entfernung der zwischen Zahn und Zahnfleisch entstandenen Taschen nötig. Schliesslich gehört es zu den Pflichten eines Zahnarztes, auf den möglichen Zusammenhang zwischen anderen, den Allgemeinzustand betreffenden Krankheiten und den Zahnfleischerkrankungen hinzuweisen.

Vernachlässigung ist der Hauptgrund der Zahnfleischerkrankungen, 

erklärt Professor Glickman aus Boston (USA), 

Vernachlässigung des gesunden Mundraumes, welche Krankheitserscheinungen fördert, Vernachlässigung der Erkrankung in den Anfangsstadien, welche zur Zerstörung der zahntragenden Gewebe führen kann und Vernachlässigung des behandelten Mundraumes, welche eine erneute Erkrankung ermöglicht.

Die Lehre ist eindeutig: Durch angemessene Pflege Ihres gesunden Zahnfleisches und Ihrer gesunden Zähne dürften Sie in der Lage sein, Ihre Zähne Ihr Leben lang zu erhalten.

Brass Bulletin image
Brass Bulletin image

Artikel teilen

Loading…