Die einleitenden Takte zur Kadenz sind verklungen. Wie nun weiter? Um den improvisatorischen Charakter zu unterstreichen, wird es gut sein, das der Kadenz vorausgehende Motiv des Orchesters aufzugreifen und als Einleitung zu benutzen. Dann sollte das Hauptthema folgen. In einem Mittelteil sollte man in das zweite Thema oder ein Motiv daraus ausweichen, welches sequenzartig verarbeitet werden kann. Gebrochene Dreiklänge und ein Triller auf der Dominante beenden die Kadenz. Gelegentlich sollte man sich vielleicht auch einmal des harmonischen Schemas einer Kadenz erinnern.
Über Ausweichungen schreibt Türk (op. cit., 4. Regel): «Auf keinen Fall sollte man in Töne ausweichen, worein der Komponist in dem Tonstück selbst nicht ausgewichen ist. Diese Regel gründet sich … auf das Gesetz der Einheit eines Kunstwerkes.» Zu diesen Ausweichungen zählen m. E. auch Modulationen innerhalb einer Kadenz in Tonarten, die auf dem betreffenden Horn nur schlecht möglich waren, heute aber keine Schwierigkeit bieten.
In meinen Kadenzversuchen, die ich hier keinesfalls als Muster anführen möchte, da auch sie nicht fehlerfrei sind, habe ich z. B. im Konzert KV 447 das harmonische Material der Takte 104, 109–111 im Mittelteil verarbeitet (Beisp. 2). Anders ist die harmonische Substanz in der Kadenz zum Rondo KV 371 (Beispiel 3). Mozart selbst modulierte in diesem Stück von Es-Dur nach Ces-Dur, wobei er durch die gehäufte Anwendung gestopfter Töne die dadurch entstehende samtweiche Klangfärbung des Inventionshornes ausnutzt (Takte 86 bis 98). Die Kadenz beende ich nach dem Trugschluss mit einem Eingang im Takt 201 (Beisp. 4). Auf die Besonderheiten eines Einganges werde ich später zurückkommen.
Und noch eine Regel Türks, die extreme Virtuosität (besonders der Kadenzen in den langsamen Sätzen) betreffend: «2. Muss die Kadenz, so wie jede willkürliche Verzierung, nicht sowohl aus geflissentlich angebrachten Schwierigkeiten, als vielmehr aus solchen Sätzen bestehen, welche … dem Hauptcharakter des Tonstückes angemessen sind.»
Auch die technische Ausführung einer Kadenz im Stile des Konzertes ist erstrebenswert, auch wenn hie und da Kompromisse geschlossen werden müssen. Ein d’ oder f’ wird man in den Konzerten von Mozart vergeblich suchen. Das im Rondo KV 371, Takt 187, vorkommende f kann ein Fehler (oder eine Ergänzung) in der Abschrift, welche Rudorff (Alte Mozart-Ausg.) als Vorlage diente, sein. In einer Kadenz wird man aber schwerlich ohne ein f oder d’ auskommen. Für Skalen- und Akkordtechnik bietet die Klassik genügend Möglichkeiten, die den stilistischen Rahmen der Werke nicht sprengen.
Über die Interpretation einer Kadenz sagt Türk (op. cit.): «9. Übrigens muss jede Kadenz, folglich auch eine bereits vorher entworfene … so vorgetragen werden, als wäre es eine Fantasie, die nur erst während der Ausführung selbst erfunden würde.»
Abschliessend möchte ich noch auf die sogenannten Eingänge zurückkommen, die keine Kadenzen sind, sondern kurze Einführungen, im Rondo beispielsweise zur Reprise des Rondo-Themas (sie kommen meist in den Rondo-Sätzen der Konzerte vor). Von der Kadenz unterscheiden sie sich noch dadurch, dass die Harmonie nicht wechselt. Funktionell stehen die Eingänge auf der Dominante der nachfolgenden Tonart. Ihre Aufgabe besteht darin, zwei sich «scharf abgrenzende Teile eines Satzes durch ein kurzes Solospiel» (op. cit.) zu verbinden. Zum thematischen Material haben sie meist keine Verbindung, sondern bestehen aus gebrochenen Akkorden und Skalen. Der Charakter ist also überleitend.
In letzter Zeit wurde der Wunsch, Eingänge früher Konzerte auszuschreiben, von einigen Herausgebern unternommen. Dagegen sind solche in nachklassischer Zeit häufig auskomponiert. Als Beispiel möchte ich das Rondo des Zweiten Hornkonzertes von Strauss nennen. Wir finden Eingänge nach Ziffer 39 (Takt 6–8½) und 8 Takte vor bis 2 Takte nach Ziffer 47 (letzterer vom Horn auf das Orchester übergehend).
Nun habe ich lange und ausführlich über die klassische Kadenz geschrieben und mich, obgleich dem Neuen nicht abweisend gegenüberstehend, zum Anwalt der Kadenz im Stile des Werkes gemacht, auch Kronzeugen zu Wort kommen lassend. Es würde mir aber trotzdem nicht einfallen, so zu «tun als wäre man Mozart». Suchen mit viel Feingefühl, orientieren an guten Vorbildern (diese können Pianisten ebenso wie Violinisten sein), das sei die Devise.
Wenn man seine Gedanken schriftlich fixiert, «… muss man freilich wohl der Kritik so mancher sich aussetzen, deren Meinung über die Art, es zu spielen … unter sich selbst sehr verschieden ist …». Duvernoy schrieb als Einleitung zu seiner «Methode pour le Cor» diese Worte. Ich glaube, sie passen auch zur Frage: «Stilkopie oder Chance?»
B. Krol an P. Damm, 17. Januar 1976:
Lieber Peter, Deine kritischen Ausführungen zu meinem Aufsatz über die Kadenz im Solo-Konzert (BB 12/75) erhielt ich heute. Ich danke vielmals und zolle Deiner gründlichen Arbeit meinen Respekt. Deiner Argumentation habe ich nur ein paar wenige Worte entgegenzusetzen: Dein Kronzeuge Daniel G. Türk hat, als er seinen Regelkanon für die Konzertkadenz verfasste, jene Kadenz wohl nicht gekannt, die (mein Kronzeuge) Ludwig van Beethoven für das d-Moll-Klavierkonzert von Mozart KV 466 schrieb. Du kennst sie ganz sicher und wirst bestätigen müssen, dass das mit Mozarts Stil überhaupt nichts mehr zu tun hat. Es ist Beethovens eigener Musikstil, zupackend und eigenwillig … Beethoven tat also nicht, als wäre er Mozart.