8 Min. Lesezeit
Teil 1
Zwischen Möbelmusik und Zwölftonkonzert
Die Posaune im Kammerensemble am Beginn der Neuen Musik (1913 - 1934)
Darius Milhaud bewunderte seine «Reinheit und Klarheit», Paul Hindemith betrachtete es als ein Mittel, musikalische Konventionen und Normen zu unterlaufen, und Igor Strawinsky bot es die Möglichkeit, auch in der materiellen Notlage des Ersten Weltkriegs Aufführungen eigener Werke zustande zu bringen — gemeint ist das «Solisten-Orchester», und die Tendenz der jungen europäischen Komponistengeneration von 1910 - 1920, den grossen sinfonischen Orchesterapparat zu ächten und das Ensemble aus wenigen solistischen Instrumenten zu favorisieren, soll das Thema der folgenden Studie sein. Dies allerdings unter einem speziellen Blickwinkel: denn da die Entwicklung zur konsequent solistischen Schreibweise fürs Kammerensemble nicht ohne die spieltechnische und ästhetische Emanzipation aller beteiligten Instrumente denkbar gewesen wäre, wurde sie begleitet vom zunehmenden Einsatz bisher vernachlässigter oder bespöttelter Instrumente, des Schlagzeugs etwa oder des Saxophons, aber auch der Posaune, der man im romantischen Orchester nur selten solistische Funktion zugedacht hatte.
Dabei lassen sich die neue Vorliebe für die kleine Besetzung anstelle grosser Sinfonieorchester als auch die Entdeckung neuer instrumentaler Klangfarben deuten als zwei Momente einer allgemeinen Kritik am musikalischen Erbe des 19. Jahrhunderts und seiner Gattungen (Kammermusik, Sinfonie, Oper), die für viele Neutöner als intellektuell zu überfrachtet (Hindemith), als Illusionsmusik und Gefühlsduselei (Strawinsky, Milhaud) oder als ungeeignet für ein neues Materialbewusstsein (Schönberg und die Wiener Schule) galt. Im polemischen Schussfeld der Avantgarde standen vor allem die hypertrophen Riesenorchester der Spätromantik (exemplarisch z.B. Gustav Mahlers «Sinfonie der Tausend» oder Richard Strauss’ «Sinfonia domestica»), deren orchestraler Gargantuismus als Symptom für die Dekadenz der bürgerlichen Vorkriegsgesellschaft verstanden wurde. Die musikalischen Konsequenzen der Jungen waren denn auch die Reduzierung der instrumentalen Mittel auf überschaubare Ensembles in meist ungewöhnlicher Kombination, der Rückgriff auf ältere vorromantische Formen (bes. des 18. Jahrhunderts: Gruppenkonzert, Suite usw.) und die Integrierung der leichten Muse (Jazz, Salonmusik). Der pure Skandaleffekt bestimmter «niederer» Instrumente wie des Schlagzeugs wurde besonders in Frankreich einkalkuliert, um den kulturell saturierten Bürger aufzuschrecken («épater le bourgeois»!)
Die Posaune nun zeigte sich für derlei Aufgaben bestens geeignet: Als Skandalinstrument konnte sie — wenn auch oft aufgrund ihrer vermeintlich lärmenden Vulgarität — ihre Wirkung kaum verfehlen, ihre obertonreiche, mitunter harte Klangfarbe wurde dem neuen antiromantischen Spaltklangideal gerechter als der weiche Waldhornton, und als typisches Jazzinstrument begann sie auch in Europa Anfang der 20er Jahre ihren Triumphzug. Ausserdem verfügte sie dank instrumentenbaulicher Fortschritte um die Jahrhundertwende und spieltechnischer Innovationen im spätromantischen Sinfonieorchester über eine hohe technische Fertigkeit, die ihre Rückständigkeit gegenüber traditionelleren Soloinstrumenten wettmachen konnte. Zwar war der Wiener Arnold Schönberg unbestritten der erste, der mit seiner «Kammersymphonie» op. 9 für 15 Soloinstrumente (1906) die «Aufhebung der natürlichen Grenzen zwischen Kammermusik und Symphonie»¹ einleitete. Doch erst Igor Strawinsky markierte mit Werken wie der «Histoire du Soldat» und dem «Rag-Time» für 11 Instrumente (beide 1918), deren Besetzung aufs Jazzinstrumentarium zurückgreift, den Ausgangspunkt einer wachsenden Beliebtheit der Posaune in Kammerensembles der verschiedensten Richtungen, sei es in den nonchalant jazzigen Werken Milhauds, den spielerisch neobarocken Kammerkonzerten Hindemiths oder den streng zwölftönigen Miniaturen Anton Weberns.
Die folgende Revue wichtiger Werke fürs Kammerensemble mit Posaune aus der für die Entwicklung der Neuen Musik entscheidenden Zeit von 1913 bis 1934 ist nicht nur gedacht als Repertoirevorschlag für den am gemischten Ensemble interessierten Posaunisten². Es gilt darüberhinaus darzustellen, dass erst die durchaus verschiedenen Musikrichtungen im Europa der 20er Jahre mit den ihnen eigenen Form- und Klangvorstellungen die kammermusikalische Emanzipation der Posaune überhaupt ermöglicht haben.
Weiterlesen
Erhalten Sie vollständigen Zugang zur digitalen Ausgabe.
Brass Bulletin 55, III / 1986 Seiten 6–14
Alle Inhalte sind urheberrechtlich geschützt © Brass Bulletin 1986–2026