Dieses ist keineswegs utopisch. Auch in der Musik lässt sich vieles, ja sogar das meiste, wissenschaftlich ergründen. Die zahlreichen, oft jedem als Faksimile zugänglichen Schul- und Theoretikerwerke aus allen Epochen der Musikgeschichte geben oft eindeutig Auskunft, wie mit der geschriebenen Musik umgegangen werden soll. Nur das nicht wissenschaftlich Ergründbare bleibt voll und ganz der Individualität des Interpreten überlassen. Dieses nicht Ergründbare darf und kann dann auch nicht wertend Gegenstand der Gesamtrezension werden. Der Rezensent hat die Aufgabe, die ihm vorliegende Einspielung ebenfalls nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten zu untersuchen, und dabei auf nicht beachtete Quellen etc. hinzuweisen.
In diesem Sinne wäre es auch wünschenswert, wenn die Plattenproduzenten die Cover-Texte weniger zur Darstellung des Solisten benutzen würden. Hier ist die Möglichkeit gegeben, über die der Interpretation zugrunde liegenden Erkenntnisse und, bei Stücken, die bereits anderweitig eingespielt sind, über die Besonderheiten dieser neuen Aufnahme zu unterrichten.
Rezensionen können nicht objektiv — aber sie müssen diskutierbar sein. Objektivität ist auch in der Wissenschaft nicht vollends möglich, da niemand den «totalen Überblick» hat, niemand über allem stehen kann. Aber seinen Ausschnitt des Überblickes kann man zur Diskussion stellen. Der Zusammenbau vieler solcher Teilüberblicke ist sicher das konstruktivste, was es gibt.
Rezensionen sind daher als Diskussionsbeitrag überaus konstruktiv.
Auch dieser Beitrag ist als Aufruf zur Diskussion gedacht!
¹ Er muss dem Werk wissenschaftlich gegenüberstehen, denn er hat die Möglichkeit dazu.