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Zur Rezension von Schallplatten

Ist Kritik konstruktiv? Ist eine «objektive» Kritik möglich?

Zur Rezension von Schallplatten

Schallplatten-Rezensionen scheinen immer wieder Anlass für Verstimmungen und Ärger zu bieten. Gerade in einer Fachzeitschrift, wo Interpreten über Interpreten schreiben ist dieses besonders der Fall. Interpretation verbinden wir mit Kriterien wie «Eindruck», «Anschauung», «Geschmack», «Gefühl» etc. Liegt der Ärger da nicht schon in der Natur der Kriterien? Hat Kritik mit solchen Kriterien überhaupt einen Sinn? Einen «falschen Eindruck», «falschen Geschmack», ein «falsches Gefühl» kann es ja nicht geben. Hängt es also nur vom zufälligen Zusammentreffen oder Nichtzusammentreffen des gleichen Geschmackes ab, wie eine Rezension ausfällt?

Solange Kriterien wie die oben genannten eine so grosse Rolle spielen, wie zur Zeit so oft, haben Rezensionen — aber auch Veröffentlichungen bzw. Einspielungen — sicher nicht viel Sinn.

Die grosse Rolle des Gefühls etc. in der Musik will ich hier keinesfalls bestreiten. Es ist oft das Einzige, was Musikhörer zum Verständnis der Musik haben. Dieses bedingt aber nicht, dass auch Interpreten Musik überwiegend mit dem Gefühl gestalten und Rezensenten sie auf die gleiche Art beurteilen. Im Gegenteil: diese Situation des Hörers fordert die Interpreten¹. Er muss den Notentext so aufbereiten, dass der Hörer wirklich hört, was auf dem Pult liegt. Ein Musikstück ist nicht nur das Medium zur Entfaltung der Solistenindividualität des Interpreten, es ist das Werk eines (in der Regel) anderen, das er darzustellen hat. Er muss es nicht nur spielen, sondern verdeutlichen, verständlich machen.

Selbstverständlich gibt es keine grundsätzlich «richtige» Interpretation von Musik — wenn es so wäre, wären wir alle keine Künstler, sondern Reproduzenten. Eine Interpretation von Musik muss aber (wissenschaftlich) begründbar und somit diskutierbar sein. Veröffentlichen heisst: sich zur Diskussion stellen. Rezensionen sind der zweite Schritt dieser Diskussion — und die dürfen nicht der letzte sein.

Diskussion ist aber nicht möglich mit den oben genannten Kriterien (Geschmack etc.). Diskussionen sind nur möglich, wenn be- und damit oft auch widerlegbare Stellungen bezogen werden.

Dieses ist keineswegs utopisch. Auch in der Musik lässt sich vieles, ja sogar das meiste, wissenschaftlich ergründen. Die zahlreichen, oft jedem als Faksimile zugänglichen Schul- und Theoretikerwerke aus allen Epochen der Musikgeschichte geben oft eindeutig Auskunft, wie mit der geschriebenen Musik umgegangen werden soll. Nur das nicht wissenschaftlich Ergründbare bleibt voll und ganz der Individualität des Interpreten überlassen. Dieses nicht Ergründbare darf und kann dann auch nicht wertend Gegenstand der Gesamtrezension werden. Der Rezensent hat die Aufgabe, die ihm vorliegende Einspielung ebenfalls nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten zu untersuchen, und dabei auf nicht beachtete Quellen etc. hinzuweisen.

In diesem Sinne wäre es auch wünschenswert, wenn die Plattenproduzenten die Cover-Texte weniger zur Darstellung des Solisten benutzen würden. Hier ist die Möglichkeit gegeben, über die der Interpretation zugrunde liegenden Erkenntnisse und, bei Stücken, die bereits anderweitig eingespielt sind, über die Besonderheiten dieser neuen Aufnahme zu unterrichten.

Rezensionen können nicht objektiv — aber sie müssen diskutierbar sein. Objektivität ist auch in der Wissenschaft nicht vollends möglich, da niemand den «totalen Überblick» hat, niemand über allem stehen kann. Aber seinen Ausschnitt des Überblickes kann man zur Diskussion stellen. Der Zusammenbau vieler solcher Teilüberblicke ist sicher das konstruktivste, was es gibt.

Rezensionen sind daher als Diskussionsbeitrag überaus konstruktiv.

Auch dieser Beitrag ist als Aufruf zur Diskussion gedacht!

¹ Er muss dem Werk wissenschaftlich gegenüberstehen, denn er hat die Möglichkeit dazu.

Brass Bulletin 48, IV / 1984 Seiten 75–77

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