Brass Bulletin 28, IV / 1979 (Seite 51–60) · 9 Min. Lesezeit
Alle Inhalte sind urheberrechtlich geschützt © Brass Bulletin 1979–2026

Frauen und Blechblasinstrumente

Aussagen

Suche in diesem Artikel
Frauen und Blechblasinstrumente

Gallina Brass Quintet
Von links nach rechts: Helen Crayford, Joan Pulling, Pat Reid, Geraldine O'Reilly, Alison Miller. Vor der Royal Albert Hall.

Joan Pulling

Als man mich bat, einen Beitrag über «Frauen als Blechbläser» zu schreiben, fiel mir der Anfang schwer, bis ich merkte, dass es mir im Wesentlichen darum ging, «ihre» Einstellung zu mir meiner Einstellung zu «ihnen» gegenüberzustellen. Als Tubistin trifft man ja überall auf offene Münder und ungläubige grosse Augen! Seit dem Alter von 13 Jahren bin ich auf diese Reaktion Uneingeweihter gefasst und geniesse sie. Aber mit 18 musste ich mich ernsthaft für eine Laufbahn entscheiden, und ich wusste, dass sie im Orchester sein musste.

Joan Pulling (Tuba)

Joan Pulling (Tuba)

Spätestens 1973 kannte ich die Reaktion der Männer im Orchester — meistens ein Blick, der unverhohlen fragte: «... aber kann sie drauf spielen?» Nach Proben oder Konzerten war die musikalische Einstellung jeweils günstiger — die musikalische sage ich, denn schätzungsweise bis 1975 mussten sich die schottischen Orchestermusiker an meinen Anblick gewöhnt haben, und dennoch fühlte ich menschlich eine gewisse Zurückhaltung auf ihrer Seite. Das war und ist oft heute noch der wunde Punkt. Aber ich mache meine Sache und sie die ihre, also was ändert da die Tatsache, dass ich als Weib geboren ward? Vielleicht erwarten sie wegen des ausgeprägt männlichen Instrumentes auch eine ausgeprägt männliche Einstellung — zu allem. Aber andererseits ist es obligatorisch — oder sollte ich sagen: nötig? — dass man seine Weiblichkeit bewahrt.

Konnte ich dann 1976, als ich in London studierte, noch immer mit gelegentlichen Tuba-Geschäften rechnen? (Sagte ich «gelegentlich»?) Die «Mucken» kamen, aber meistens mit Kummer verbunden: würden die mich wieder nehmen? und weshalb sagte die Blechgruppe begeistert: «Oh, wir haben von Ihnen gehört, aber wir dachten nicht...», usw. usw.? Ich wusste, dass Abwarten geboten war und dass andere vor mir auf der Liste standen, aber allmählich wurde ich zynisch und fragte mich — im Stillen! — wie ein schlechterer Spieler vor mir engagiert werden konnte. Überheblich, aber wahr. Das Traurigste war, dass ich mich damit abzufinden begann. Der «Kampf» erlahmte.

Gewiss, ich hatte mit dem London Symphony Orchestra gespielt und war total «aufgestellt» gewesen; gewiss, ich war in der engsten Wahl von drei Spielern gewesen für die Tubastelle im B.B.C.-Symphonieorchester von Wales, aber nachdem ich dort unterlegen war, war ich völlig entmutigt. Der Beste möge gewinnen — aber die Fragen der B.B.C.-Blechbläser liessen mich das Gefühl nicht loswerden, dass das Problem war, dass ich eine Frau bin. Ihr Problem!

Gottseidank hatte ich noch ein Lehrdiplom — für die nächsten zwei Jahre.

1977 schlug man mir vor, für drei Konzerte nach Brüssel zum Belgischen Nationalorchester zu gehen. Drei Tage später bot man mir die Stelle an — fest! Ein Traum erfüllte sich. Aber die Fragen wollten nicht enden, und das Verhalten war oft gekünstelt. Ein ganzes Orchester drehte sich nach meinem ersten Tubaeinsatz um; die Posaunengruppe gab sich «mütterlich», aber zufrieden.

Erst sieben Monate später gestanden sie mir ihre anfängliche Unsicherheit. Ob sie sie erklären könnten? Ich wäre ja «freundlich, gesprächig und zu Spässen aufgelegt wie sie alle», meinten sie, aber sie hätten eben «eine Frau erwartet» — d.h. eine Frau von fügsamer Wesensart! Musikalisch, meinten sie, wäre da nie ein Problem gewesen. Heute würden sie sich's nicht mehr zweimal überlegen. Das wurde auch gesagt.

Nun denn, meine Beobachtung ist, dass das zweimal-hinsehen-Müssen und das Lächeln normal sind — Frauen verkehren ja noch nicht lange in Berufsblechbläserkreisen. Nur, weshalb braucht eine Blechgruppe so lange, um eine Frau zu akzeptieren, auch wenn sie musikalisch taugt?

Joan Pulling (Tuba)

Alison Miller (Horn)

Alison Miller (Horn)

Alison Miller

Während meiner ganzen musikalischen Ausbildung erfreute sich das Horn bei beiden Geschlechtern gleicher Beliebtheit, obschon man noch immer nicht so viele Frauen im «schweren Blech» antrifft. Während meiner ersten Berufsjahre ist mir nicht mehr als eine Handvoll Hornistinnen begegnet, aber die Tatsache, dass fast alle von ihnen jung sind, bedeutet hoffentlich, dass wir auf dem Weg zu allgemeiner Anerkennung sind.

Jedenfalls haben sich hierzulande die Probespielgremien in letzter Zeit genötigt gefühlt, sich eine beträchtliche Zahl von Bläserinnen anzuhören, da diese häufig die Hälfte der Bewerber stellen und ihr Niveau in mindestens einem Fall bestehende Vorurteile widerlegt hat.

Ich möchte festhalten, dass ich nie unter irgendwelchen Vorurteilen gegen mich als Frau gelitten habe. Eine Bemerkung, die viele von uns von Anfang an gehört haben, ist: «Wie kann eine so zarte Person einen genügend grossen Ton produzieren?» — aber es gibt auch viele schmächtig gebaute Männer unter den Blechbläsern.

Ernster zu nehmen ist ein Einwand, den ich von Kollegen gehört habe, wenn für eine offene Stelle eine Frau und ein Mann zur Diskussion standen: dass dem Mann der Vorrang gebühre, da er seiner herkömmlichen Rolle entsprechend die grössere finanzielle Last zu tragen habe. Das mag manchmal zutreffen, wenn eine Familie da ist. Aber heutzutage stellen beide Ehepartner — und Alleinstehende schon gar — den Anspruch, im Beruf ihrer Wahl einen Lebensunterhalt zu verdienen. Das ist die Wirtschaftslage im heutigen Leben.

Alison Miller (Horn)

Pat Reid (Trompete)

Pat Reid (Trompete)

Pat Reid

Ohne hier meine Memoiren schreiben zu wollen, möchte ich zeigen, wie offensichtlich unsere frühe musikalische Umgebung unser späteres Denken prägt. Deshalb ermutigte mich mein Vater, Trompete zu spielen wie er selber, rein zum Vergnügen.

Dann landete ich in der Schul-Band und auch in der Brass-Band der Stadt. Beide bestanden zu 70% aus Frauen, auch im «schweren Blech» und als Stimmführer, die ausgezeichnet spielten. Vielleicht Ausnahmen? Ich nahm es als Norm an. So habe ich es nie als aussergewöhnlich empfunden, dass eine Frau Trompete spielt, und das war gut so.

Naiv, wie ich war, dachte ich, ich würde nach London gehen, meine drei Jahre College machen und dann geradewegs eine Stelle bekommen! Natürlich war ich desillusioniert, als ich merkte, dass ich mich ständig behaupten musste und von den Berufsbläsern häufig entmutigt wurde, welche den Betrieb für eine Frau zu hart fanden.

Nun, hier bin ich, verdiene mein Leben freischaffend und habe in einem guten Berufsorchester eine Stelle angeboten bekommen.

Ich habe Glück gehabt. Ja, es gibt Vorurteile, doch wenn eine Frau gut spielt, ihre Kollegen im Blech respektiert und mit ihnen auskommt, dann hindert sie nichts daran, ihren Weg zu machen — ausser zu viel Ehrgeiz.

Ich spüre, wie der Anblick einer Frau im Blech Dirigenten etwas nervös macht, da sie wie die meisten Männer befürchten, wir wären unzuverlässig und könnten lautstärkemässig nicht mithalten. Daher der beständige Zwang, nicht nur ebenso gut wie ein Mann zu sein, sondern besser.

Ich halte es auch für wichtig, dass man nicht Nr. 1 im Orchester sein will, denn erste Trompete ist ein sehr harter Job, da man als Stimmführer des gesamten Blechs am exponiertesten ist und Männer im allgemeinen nicht gern eine Frau als Chef haben.

Deshalb glaube ich, dass man als Frau überleben kann, solang man nicht in einem Londoner Orchester oder in den Studios spielen will, auch wenn man sich für ebenso fähig hält wie den nächstbesten Mann. Ich kann nur hoffen, dass wir Blechbläserinnen eines Tages zahlreich genug sein werden, um auch diese Tabus zu brechen. Vorderhand begnüge ich mich damit, einen anständigen Lebensunterhalt zu verdienen, meine Sache so gut wie möglich zu machen und weiterhin zu üben!

Pat Reid (Trompete)

Helen Crayford (Trompete)

Helen Crayford (Trompete)

Helen Crayford

Erst im Laufe der letzten zehn Jahre — bestenfalls — haben Blechbläserinnen bei ihren männlichen Kollegen Beachtung gefunden. Allmählich sind ihre Kräfte gewachsen, so dass Frauen heutzutage nicht mehr ignoriert oder pauschal abgelehnt werden können als zu schwach, untauglich oder unpassend gebaut für solche «Schwerarbeit», wie sie das Spiel auf Blechblasinstrumenten erfordert.

Wenn ich als Trompeterin vorgestellt werde, höre ich als erste Frage immer: «Wie behandeln dich denn die Männer?» oder: «Ist das denn nicht furchtbar anstrengend?» Auf die erste Frage antworte ich stets: «Die Männer behandeln mich einfach als Mitmenschen, solange ich sie auch so behandle und nicht unnötig meine Weiblichkeit betone.»

In anderen Kunstgattungen (z.B. Ballett, Theater, bildende Kunst) ist die Frau ja auch «einfach eine Person»; weshalb sollte das auf einem bestimmten Gebiet der klassischen Musik anders sein? Die Antwort auf die zweite Frage ist weniger klar.

Blechblasen ist zugegebenermassen hart, aber hart ist auch viel tägliche Hausfrauenarbeit: Kinder tragen, Treppensteigen beim Einkäufen, grosse Wäsche machen usw. — die Liste ist endlos. Wenigstens brauchen wir unseren Atemapparat richtig und betätigen unsere Muskeln kontrolliert.

In der Tat soll ja jede Tiefatmung ausgesprochen lebensverlängernd wirken, weil nie verbrauchte Luft über längere Zeit in den Lungen bleibt. Ich kenne Blechbläserinnen, die sozusagen schmerzlos Kinder geboren haben, da sie die dabei beteiligte Muskulatur bei ihrer täglichen Arbeit zu brauchen gewohnt sind. Die Befürchtung, durch zu viel Blasen Schaden zu nehmen, ist also unbegründet — vorausgesetzt, dass die Blastechnik richtig erlernt und angewandt wird. Bei falschem Blasen kann jeder einen Bruch erleiden — Männer zuerst!

Vor allem glaube ich, dass Frauen die Kunst der Blechbläser um eine positive neue Dimension bereichern können. Die Trompete ist längst nicht mehr einfach ein «kriegerisches» oder «zeremonielles» Instrument. Sie wird zunehmend nach rein künstlerischen und musikalischen Gesichtspunkten eingesetzt.

Trompetenspiel ist heutzutage (besonders im Bereich der zeitgenössischen Musik) nicht mehr eine Frage des Übertönens der anderen Instrumente, sondern erfordert Sensibilität und Musikalität. In dieser Hinsicht, glaube ich, können Frauen wirklich reüssieren — und Kraftreserven haben sie dann immer noch, wenn es drauf ankommt.

Helen Crayford (Trompete)

Rosemary Jenner (Trompete)

Rosemary Jenner (Trompete)

Rosemary Jenner

«Ich will im Orchester Trompete blasen!» schockierte ich in zartem Alter meine Eltern. Man reagierte meist belustigt, denn meine Geschwister spielten Streichinstrumente.

Mein fortgesetztes Zwängen hatte Ablenkungsversuche mit einer Blockflöte und sogar einem Horn zur Folge — das konnte eine Frau ja allenfalls noch spielen. Schliesslich gaben meine Eltern nach und liessen mich ein Instrument mieten, bis mein Wille, es wirklich zu versuchen, feststand.

Als Kind musste ich Bemerkungen einstecken wie «Hat denn so ein kleines Mädchen genug Puste?», aber im allgemeinen erhielt ich viel Ermutigung, als ich Fortschritte machte. In meinen letzten Schuljahren hatte ich die Ehre, in allen Liebhaberaufführungen von Gilbert & Sullivan im Ort mitzuspielen und wurde mit Mozart und Beethoven bekannt gemacht.

Diese Bewährungsprobe, in einer kleinen Orchestersituation mit je einer Flöte, Klarinette, Trompete, einem Fagott und Pauken unter unfähigsten Dirigenten alle alten Zöpfe zu spielen, war ein Erlebnis von grundlegender Bedeutung für meinen Werdegang.

Ich genoss jeden Augenblick und dachte nur an den nächsten Schritt: ans Musik-College zu gehen. Diesmal versuchten es die Erwachsenen mit Besorgnis. Ich erhielt jede Menge Warnungen vor schlimmen Zuständen in Orchestergräben sowie betrunkenen und fluchenden Posaunisten und Trompetern, doch mich interessierte nur, einmal «richtige Blech-Musik» wie Tschaikowsky, Wagner und Bruckner unter den Zahn zu kriegen. Ob ich wohl laut genug spielen könnte?

Das Studentenleben war himmlisch: achtmal Orchester in der Woche, mit einem Monsterrépertoire. Die menschliche Seite stand auf einem anderen Blatt. Die Männerwelt empfing mich mit Verachtung und Unglauben: «Was, du spielst Trompete!» Fast ausnahmslos sassen sie an den ersten Pulten und bliesen das Blaue vom Himmel herunter.

So kam es, dass ich zweite spielen wollte und nie Ambitionen auf den «heissen Stuhl» gehabt habe. Ich spielte ganz gerne jede untere Stimme und war dabei recht zufrieden mit mir selber, denn ich konnte in lauten wie in leisen Stellen die Waage halten, und das befreite mich von meiner grössten Angst, denn die untere Oktave erfordert ohnehin mehr Luft.

Beruflich musste ich indessen meinen Ehrgeiz begraben. Ich wurde ignoriert. Nie durfte ich in einem Berufsorchester aushelfen, und manchmal wurden Nebenfachtrompeter mir vorgezogen.

Da gab es nur eines zu tun: ich beschloss, mich mächtig ins Zeug zu legen und zu versuchen, entsprechend besser als ein Mann zu werden. Noch wurde ich nicht ernst genommen und spürte nur zu gut, wie der geringste Fehler von Kreti und Plethi registriert, gutes Spiel aber ignoriert wurde.

Ich begann daran zu verzweifeln, jemals akzeptiert zu werden und dachte schon an eine andere Karriere.

Dann aber schlug das Glück zu: Ich bekam eine Stelle, wobei mein Lehrer, der im Probespielkomitee sass, nachgeholfen haben dürfte. Es war eine 2. Trompete in einem Orchester, das ich damals in der allerletzten Garnitur einstufte, aber ich nahm sie mit Handkuss.

Der Mann, der gleichzeitig die Solostelle erhielt, soll sich anders besonnen haben, wie er erfuhr, dass eine Frau zweite blasen würde, doch man überredete ihn, es mal zu versuchen. Daraus wurde ein sehr glückliches Jahr; danach ging ich in ein anderes Orchester, wo mein zukünftiger Ehemann Solotrompeter war.

Nur drei Leute bewarben sich, und mir kam meine jahrelange Erfahrung zugute. Der Schlüssel zum Erfolg war, glaube ich, gegenseitiger Respekt vor dem Können der Kollegen in der Blechgruppe und der Wille zur Zusammenarbeit.

Ich war bereits seit vier Jahren vollamtliche Berufsmusikerin, aber noch immer gaben mir Männer zu verstehen, dass sie eine Frau im Blech nicht gerne sahen und beeilten sich hinzuzufügen, das sei «nicht persönlich gemeint». Ich frage mich, was sie denn stört.

Die üblichen Ausreden, sie könnten sich nicht gehenlassen, nach Belieben fluchen, dass Frauen ablenken, zu gefühlsbetont sind und die Arbeit als Gesellschaftsanlass betrachten, kenne ich als gängige Klagen über Frauen in irgendeiner Orchestergruppe.

Wäre die Lösung ein rein weibliches Orchester (rein männliche gibt es ja noch immer viele)? Ich bezweifle, dass es seinen anfänglichen Seltenheitswert überdauern würde.

Ich gebe ja zu, dass Frauen weggehen, um sich der Familie zu widmen, aber auch Männer kommen und gehen recht häufig, vor allem in Provinzorchestern.

Ich hatte das starke Gefühl, «geduldet» zu sein, obwohl mein Spiel anerkannt wurde, dass man einen Mann aber vorgezogen hätte.

Ich werde noch häufig von Orchestern in der Gegend als Aushilfe angefordert. Als ich bekanntgab, ich würde das Spielen aufgeben, weil ich nicht mehr genügend zum Üben käme, um die erforderliche Form zu wahren, da hörte ich, das wäre doch Unsinn, ich könnte doch jetzt nicht aufhören, was würde man denn ohne mich tun — und von wem? Von den Trompeten-Männern!

Friede sei mit ihnen, ich habe in meinen siebzehn Berufsjahren nicht ein böses Wort gehört, aber ich könnte nicht behaupten, die Männer seien williger geworden, eine Frau in ihrer Gruppe als etwas Normales anzunehmen.

Und wehe der Frau, die auf eine Solostelle aspiriert — wie würde sich das männliche Selbstgefühl erst dagegen sträuben, eine Frau loyal als Chef anzuerkennen! Ich kann ihr nur viel Glück wünschen — der Weg wird lang und dornenvoll sein.

Rosemary Jenner (Trompete)

Artikel teilen

Loading…