Brass Bulletin 29, I / 1980 (Seite 13–15) · 3 Min. Lesezeit
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Vorwort

Im selben Mass, wie sich die Avantgarde in den letzten 25 Jahren in einem pseudowissenschaftlichen Elfenbeinturm abgekapselt hat, haben sich die Musiker in die Vergangenheit geflüchtet und vor allem die gloriose Epoche des Barock wiederaufleben lassen. Man kann behaupten, dass uns dieses letzte Vierteljahrhundert runde 450 Jahre aus der Geschichte der Blechbläsermusik wiedergeschenkt hat, so dass wir nun unendlich mehr darüber wissen als unsere Altvorderen.

Was die Komponisten anbetrifft, so haben sie, nachdem sie zuvor genialste Klangarchitekturen geschaffen hatten, ihre Hände nach den verschiedenen Volksmusiken ausgestreckt und diese dadurch — seit der Ära der Klassik — fast völlig in die Versenkung getrieben*, eine Tendenz, der sich zum Glück die heutige Welle der «Renaissancen» entgegensetzt. Heute organisieren oder schreiben sie immer verkrampftere und künstlichere Musiken (genauso wie die ganze Gesellschaft unser Leben zu organisieren neigt), Musiken, aus denen jede Freude und Spontaneität verbannt ist**.

Es ist höchste Zeit, dass wir anderen Musiker uns aufraffen, Farbe zu bekennen.

In diesem Sinne möchte Brass Bulletin die achtziger Jahre in Angriff nehmen, indem es an die junge Generation einen dringenden Aufruf erlässt, denn in ihren Händen liegt die Zukunft. Ihr obliegt es in erster Linie, die Welt der Erwachsenen kritisch zu beobachten, in die sich einzufügen und in der zu leben sie gezwungen ist, so sie nicht die Flucht vorzieht. Die Jugend sollte sich mit den Gesetzen der Evolution besser vertraut machen, damit sie, dereinst ihrerseits erwachsen, in der Lage sein wird, überkommene Werte zu verändern, zu verbessern oder zu verwerfen. Im Blick des Neuankömmlings liegen immense Hoffnungen.

Was die erwachsenen Musiker angeht, so haben sie gegen die geistige Arterienverkalkung anzukämpfen, gegen Erstarrung in der Routine und gegen die Gewissheit, im Recht zu sein. Vermeiden wir, dass unsere Blechbläserfamilie sich von «Päpsten» gängeln lässt, die ihre Meinung unter allen Umständen durchzusetzen wissen und so jeden geistigen Austausch, jede Entwicklung sabotieren. Ein jeder Musiker hat ein Interesse, sein Wissen weiterzugeben, seine Auffassungen in Frage zu stellen und mit denen anderer zu konfrontieren. Kurz, er muss sein Möglichstes tun, um lebendig zu bleiben!

Er wird also gut daran tun, die Ergebnisse der grossen Umfrage zur Kenntnis zu nehmen, die wir bei der Jugend durchführen werden, wobei wir zuerst das Wort den Studierenden eines Blechblasinstrumentes, ob Liebhaber oder angehende Berufsmusiker, erteilen möchten, auf dass sie uns ihre Kritiken oder Anregungen zu folgenden Punkten mitteilen:

— Unterricht (Lehrer/Schüler-Beziehung)

— Literatur (Unterrichtsliteratur, Vortragsstücke, Orchesterstudien)

— Blechbläserische Stilrichtungen (Barock, Brass Band, Jazz, U-Musik, zeitgenössische Musik)

— Institutionen (Konservatorien, Hochschulen, Musikschulen usw.; Vereine, Verbände, Gewerkschaften)

— Instrumente und Zubehör

Junge Berufsmusiker, die eine Orchesterstelle suchen, mögen uns ihre Kritik oder Anregungen zukommen lassen betreffend

— Gepflogenheiten bei der Vergabe von Stellen (Einladungen, Probespiele usw.)

— Verantwortung seitens der Lehrer und Schulen (Wert der Diplome, Vorbereitung auf die Berufstätigkeit usw.)

— Instrumente und Zubehör

Blechbläser, die sich auf die Unterrichtstätigkeit vorbereiten, sind aufgefordert, Kritik oder Vorschläge zu senden über

— Anstellungsbedingungen an Lehranstalten

— Lehrpläne

— allgemeine Systeme

— Instrumente und Zubehör

Blechbläser, die kürzlich eine Orchestermusikerlaufbahn angetreten haben, senden uns Kritik und Anregung zu den Punkten

— Beziehung zu den «eingesessenen» Orchesterblechbläsern

— allgemeine Arbeitsbedingungen

— Instrumente und Zubehör (ob selbst gewählt oder vorgeschrieben)

— In welchem Verhältnis steht, nach ihrer Meinung, die erhaltene Ausbildung zur Wirklichkeit des Berufslebens?

Liebhaber-Blechbläser sind herzlich willkommen, sich kritisch oder anregend zu äussern über

— die Lage junger nichtprofessioneller Blechbläser

— die ihnen zugängliche Literatur

— Aussichten für den Ausbau der Literatur für Amateurblechbläser

— musikalische Institutionen, die Liebhaber-Blechbläsern vorbehalten sind

Die besten Beiträge werden vollumfänglich veröffentlicht und ihre Verfasser in folgender Weise entschädigt:

  1. Veröffentlichung eines Porträts (Text und Lichtbild) auf einer ganzen Seite von Brass Bulletin
  2. Gutschein im Wert von SFr. 200.— für den Erwerb von Blechbläserliteratur beim Verlag BIM

Zudem wird die Redaktion Beiträge, die sich sinngemäss überschneiden, unter Nennung der Verfasser auszugsweise veröffentlichen.

Die Redaktion wird die Beiträge auf Grund der Qualität der Kritik und der Originalität der Vorschläge auswählen. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge oder Textabschnitte auszumerzen, wenn deren Inhalt für Drittpersonen kränkend oder verletzend ist.

Die jungen Musiker, welche an unserer Umfrage interessiert sind, sind herzlich eingeladen, uns ihre Texte zu senden, ohne sich allzusehr um sprachliche Perfektion zu kümmern: die Redaktion wird gerne, wo nötig, den letzten Schliff anbringen.

Es ist meine Hoffnung, dass dieser Vorstoss dazu beitragen wird, dass wir die Verhältnisse besser verstehen, unter denen wir Musiker leben und dass die Ansichten der Jungen über das Establishment der Blechbläserwelt einen konstruktiven Austausch von Ideen und Werten bewirken werden.

JPM

*Ungefähr so wie ein Berufsblechbläser, der heute das Alphorn als Vehikel für seine Karriere benützt. Er deklassiert die Hirten und Bauern in technischer Hinsicht dermassen, dass diese vor lauter Komplexen bald nicht mehr hineinzublasen wagen...

**Kaum besser ist es den Jazzmusikern ergangen: die Verpackung hat den Inhalt erdrückt; die Institutionen haben sich dieser lebenssprühenden, erregenden Musik bemächtigt und sie völlig strukturiert und akademisiert. Die Jazzmusik befindet sich in der Gewalt einer Industrie, welche sie auszubeuten und eine Jugend damit zu infiltrieren versteht.

 

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