B. B. — Und die negativen Aspekte ?
J. D. — Der Druck der Kollektivität... man muss halt damit zurechtkommen. Als Gegengewicht kann ich zum Glück als Solist auftreten, was mir ermöglicht, meine tägliche Arbeit auf ein bestimmtes Ziel auszurichten. Dann gibt es die Kammermusik, die ich mit Begeisterung, vornehmlich mit zwei Besetzungen, ausübe : einem Posaunenquartett und einem Blechbläserquintett. Hierin habe ich besonderes Glück, da meinen Kollegen vom Quintette de cuivres de l’Orchestre national de France diese Art des Musizierens ganz besonders liegt. Und schliesslich kommt noch das Unterrichten.
B. B. — Sprechen wir doch darüber. Sie haben viele Schüler in Paris und in Montreux, am Institut de Hautes Etudes Musicales (IHEM). Was ist Ihrer Ansicht nach das Schwierigste, das man ihnen beibringen möchte ?
J. D. — Das kann man nicht definieren, denn « das Schwierigste » ist relativ. Alles hängt von der Intelligenz, der Aufnahmefähigkeit, der Persönlichkeit und dem Charakter des Schülers ab.
B. B. — Welche Bedeutung messen Sie den Werken, die Sie zum Unterrichten brauchen, zu, und welche sind es ?
J. D. — Auf diesem Gebiet ist mein System sehr grosszügig. Ich passe es dem Grad der Entwicklung, der Fähigkeit und des Wissens jedes einzelnen Schülers an, jeder ist ja ein individueller Fall. Ich sporne meine Schüler eher an, als dass ich sie leiten würde ; Einfühlungsgabe ist hier entscheidend, um das gewünschte Ziel zu erreichen.
Ich bevorzuge die Etüden von Müller und Kopprasch ; sie sind sehr vollständig. Ich nehme aber immer Rücksicht auf den Geschmack der Schüler, vor allem bei der Wahl der Concerti. Gerade in Frankreich gibt es ein recht bemerkenswertes Repertoire von Concerti.
Übrigens möchte ich hier auf eine traurige Tatsache hinweisen. Das Pariser Konservatorium, als Besteller dieser Concerti für die jährlichen Prüfungen, zwingt dem Komponisten eine Höchstdauer von etwa 7 Minuten auf, damit der Stundenplan der Prüfung eingehalten werden kann... Vom künstlerischen Standpunkt aus gesehen, ist das bedauerlich, gibt es doch darunter manch ein gelungenes Werk, das leider auf diese Weise so kurz ist. Selten gelingt es einem Komponisten, später weitere Sätze hinzuzuschreiben, die die ursprüngliche Inspiration weiterführen.
B. B. — Wie wählen Sie zukünftige Berufsposaunisten aus ?
J. D. — Die Auswahl ergibt sich von selbst, durch das Leben. Es gibt im Musikleben Konstellationen, die für diejenigen, die sie nicht zu erkennen wissen, fatal werden.
B. B. — Wie ist die Berufsauffassung der jungen Posaunisten ?
J. D. — Ziemlich schwer zu definieren. Die jungen Amerikaner, zum Beispiel, arbeiten mit viel Mut und sind bewunderungswürdig in ihrer Strebsamkeit ; die jungen Franzosen hingegen wählen oft den leichteren Weg in Anbetracht der Berufsanforderungen. Vor zwanzig Jahren musste man schnell und gut lernen, weil man früh Geld verdienen musste. Ich habe den Eindruck, dass der heutige Lebensstandard die Dauer des Studiums seltsam verlängert.
B. B. — Was suchen sie in der Musik, Ihrer Meinung nach ?
J. D. — Die Musik ist eine grosse Verführerin... Äusser der Bezauberung, die von ihr ausgeht, sehen sie, wie ich annehme, die Orchesterarbeit, die Reisen, den Künstlernimbus. Kurz, sie beneiden uns aus mancherlei Gründen und möchten verständlicherweise das alles selber erleben.
B. B. — Wie steht es mit ihren Aussichten für die Zukunft ?
J. D. — Ja, da sieht es augenblicklich schlecht aus ! Mit der Umgestaltung des ORTF z.B. werden 5 Orchester und unzählige Stellen aufgelöst, eine wahrhaft dramatische Situation ! Man ist dabei, in Frankreich ein Verbrechen, ja, einen regelrechten Betrug zu begehen !
Es werden Musikhochschulen, städtische und regionale Musikschulen eröffnet, in Paris werden ausgezeichnete Virtuosen ausgebildet ; man vergisst aber dabei die Wahrheit auszusprechen, nämlich dass die Zukunft schlechte Berufsaussichten bietet. Wenn nicht bald etwas unternommen wird, werden sehr schwere Zeiten für die jungen Musiker anbrechen. Darum empfehle ich allen meinen Schülern, ihre musikalischen Kenntnisse soweit zu vervollständigen, dass sie nötigenfalls auch auf para-musikalischem Gebiet einen Beruf ausüben können.
B. B. — Was müssen die Posaunisten also tun, um ihre beruflichen und künstlerischen Aussichten zu sichern und zu verbessern ?
J. D. — Bei dieser Frage müssen zwei Aspekte berücksichtigt werden : die Persönlichkeit des Musikers und die Fähigkeit des Spielers.
Posaunisten haben nie als Intellektuelle gegolten, viele unter ihnen waren sogar unkultiviert, « ungeschlacht », ein Berufsbild, das uns sehr geschadet hat. Heute jedoch gibt es immer mehr studierte, wohlinformierte Leute, die imstande sind, eine Diskussion durchzuführen. Die Intelligenz spielt nun mal eine bedeutende Rolle, was uns erlauben wird, in der herkömmlichen Hierarchie eine gleichwertige Stellung unter den verschiedenen Instrumenten zu erlangen.
Hinzu kommt die Entwicklung des Unterrichtens, die in unaufhörlichem Fortschreiten begriffen ist ; der wichtigste Schritt ist meines Erachtens getan. Freilich bleiben noch Forschungsmöglichkeiten auf dem Gebiete der Technik und der Ausführung, man nähert sich aber allmählich der bestmöglichen Auswertung des Instrumentes.
Unser Nachwuchs scheint die Bedeutung dieses Phänomens zu erfassen, und die ausserordentlichen Erfolge der letzten Jahre — man denke an das aussergewöhnlich hohe Niveau der Kandidaten in den Concours internationaux de Genève 1973 — werden sich auf die neue Generation auswirken. Die Posaune erlangt ihre Mündigkeit. Hoffentlich wird dieses Bestreben um Entwicklung mit besseren Berufsaussichten belohnt !
B. B. — Vielen Dank, Jean Douay.