Lippenchirurgie: ein Erfahrungsbericht
Von Jean Douay
Chirurgische Eingriffe folgen in der Regel auf Unfälle. Chirurgen operieren nach Autounfällen, Bisswunden und anderen Ursachen. Nach vielen Monaten kann dann der Musiker hoffen, wieder in den Besitz aller seiner Fähigkeiten zu kommen, es ist aber nicht immer der Fall.
In den seltensten Fällen wird sich ein Instrumentalist freiwillig einer Operation unterziehen, um sein Spiel zu verbessern. Ein Posaunist hat es getan. André Féraud ist zur Zeit erster Posaunist im Orchestre Aimé Barelli, das im Sporting von Monte-Carlo spielt. Der achtundvierzigjährige leidenschaftliche Jazzman ist wie geschaffen für diesen Posten. Ich habe seine Improvisationen besonders geschätzt.
Er hat eine sehr persönliche Spieltechnik, da er die Posaune praktisch allein erlernt hat: die grossen amerikanischen Jazzposaunisten sind sein einziges Leitbild. Er begann seine Laufbahn in Paris als Trompeter. Er ist ein ausgezeichneter Unterhaltungsmusiker. Ich habe ihn gebeten, für die BRASS BULLETIN-Leser über seine Erfahrungen zu berichten. Sie werden feststellen, dass seine Ausführungen vollständig und, was die Instrumentaltechnik betrifft, erstaunlich sind. Ich fand seinen Fall spannend und zweifle nicht daran, dass Sie auch so reagieren werden.
Hören wir André Féraud zu:
Da meine Erfahrung Sie interessiert, werde ich versuchen, Ihnen so genau wie möglich die Gründe anzugeben, die mich dazu veranlasst haben, mir trotz aller abratenden Worte die Oberlippe durch drei chirurgische Eingriffe modifizieren zu lassen. (Der erste Eingriff wurde am 20. Januar 1965, der zweite am 1. Oktober 1974 und der dritte am 10. Oktober 1976 vorgenommen.)
Die Form meines Kiefers und meiner Oberlippe waren Ursache des schlechten Sitzes der Trompete. Mein Unterkiefer sitzt etwas zu weit hinten und meine Oberlippe war schwulstig in der Mitte (mit einem Auswuchs nach unten) und schmal auf beiden Seiten, also völlig unausgeglichen in ihrer Form (Abb. 1). Mir war aufgefallen, dass Blechbläser mit fliehendem Kinn das Mundstück nach oben versetzen (Abb. 2), es umso höher auf der Oberlippe ansetzen, als ihr Kiefer weiter zurück sitzt, und zwar um das Gleichgewicht wieder herzustellen und die höchstmögliche Leistung zu erreichen. Musiker mit vorspringendem Kinn hingegen versetzen meistens das Mundstück nach unten (Abb. 3).
In meinem Fall war dieses Ausgleichen wegen der Form meiner Oberlippe nicht möglich. Deshalb musste ich die Trompete auf die Schleimhaut der Oberlippe stützen (Abb. 4). Nach 15 Jahren hatte sich durch den Druck der Lippen auf die Schnittkante der Schneidezähne eine Verhärtung gebildet. Der untere Teil der Oberlippe war wie ausgebaucht (Abb. 5).
Weiterlesen
Zugang zum vollständigen digitalisierten Brass Bulletin Archiv • CHF 5.– / Monat · jederzeit kündbar