Brass Bulletin 3, II / 1972 (Seite 13–21) · 5 Min. Lesezeit
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Welches Horn für welche Musik?

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Immer wieder werde ich gefragt, auf welchem Horn Bach, Mozart, Brahms, Strauss ... zu spielen sei. Die nachfolgenden Überlegungen sind ein nur kurzer Überblick über die Geschichte des Hornbaus und meine praktischen ausführungstechnischen Erfahrungen und führen zur Beantwortung der Frage, wie ein möglichst originalgetreuer Klang zu verbinden sei mit der heutigen Forderung nach Perfektion.

Eins zuvor: Es gibt unter den Hörnern keine Stradivari! Auch ich spiele Instrumente, deren Kaufwert DM 2000.- nicht übersteigt. Nicht eingehen möchte ich der Einfachheit halber auf die ebenso oft gestellte und interessante Frage nach Fabrikat, Metall usw.

Hermann Baumann, Professor für Horn an der Staatliche Folkwang Hochschule für Musik, Theater, Tanz, in Essen
Hermann Baumann, Professor für Horn an der Staatliche Folkwang Hochschule für Musik, Theater, Tanz, in Essen

Das Horn hat als Orchesterinstrument eine 300jährige Geschichte hinter sich, ist in dieser Zeit immer wieder verändert worden und auch heute in seiner Entwicklung nicht abgeschlossen.

Anders als im 19. Jahrhundert, als der Hornist im Orchester nur das F-Horn zur Verfügung hatte, auf dem er - wenn überhaupt - auch Bach spielte, steht dem heutigen Hornisten eine reiche Auswahl verschiedener Bauarten zur Verfügung, bis hin zu überkommenen historischen Instrumenten.

Soll der Hornist heute nun für Bach ein corno da caccia, für Mozart ein Inventionshorn, für Brahms ein F-Horn blasen? Ich tue es - aber nur unter der Voraussetzung, dass das Ensemble gleicherweise mit historischen Instrumenten ausgerüstet ist. Sonst ergäbe sich ein Effekt, wie wenn man einen Eisenbahnwagen der Jahrhundertwende an einen TEE koppelte ...

Erst wenn man die historischen Instrumente kennt und auch geblasen hat, über ihr Tonvolumen und ihren Klangcharakter Bescheid weiss, wird man das angemessene moderne Horn richtig wählen können. Der Hornist wird erfahren, dass die hohen Partien von Bach sich leichter oder überhaupt erst realisieren lassen auf einem historischen Naturhorn. Man mache den Vergleich, das Trio aus Mozarts g-moll Symphonie KV 550 auf einem Inventionshorn in G, einem modernen B- und auf dem F-Horn zu blasen. Das Inventionshorn wird am schönsten klingen, am besten stimmen und in der Ansprache das sicherste Instrument sein.

Das Horn ist zwischen 1830 und 1850 an einen entscheidenden Wendepunkt seiner Entwicklung gekommen. Es gewinnt durch den Einbau dreier Ventile die volle Chromatik. Vergleichen wir Naturhörner in F mit Ventilhörnern in F, so stellen wir fest, dass die Ventile den Klang verdunkeln und die Tonansprache hemmen. C. M. von Weber duldete keine Ventilhörner in seinem Orchester; sein Concertino schrieb er für Naturhorn. Robert Schumann und Richard Wagner verwenden noch Natur- und Ventilhörner. Nach 1850 bis hinein in unser Jahrhundert ist im Orchester ausschliesslich das F-Horn zu finden. Die Gruppe von nun 4 solchen Hörnern bildet « das Pedal des Orchesters », wird von Schumann als « die Seele des Orchesters » bezeichnet. Mit seinem dunklen, weichen Klang entspricht es romantischem Empfinden. Aber es ist schwerfälliger, « kieksfreudiger » als seine Vorgänger geworden. Es ist kein virtuoses Instrument mehr, weshalb auch keine Solo-Literatur in dieser Zeit entsteht.

Um die Jahrhundertwende fordern allen voran Richard Strauss, auch Gustav Mahler, dann Strawinsky, Alban Berg z. B. dem Orchesterhornisten hochvirtuose Leistungen ab. Um die Schwerfälligkeit und mangelnde Treffsicherheit des F-Horns zu beheben, baut man Hörner in fortschreitend höherer Grundstimmung. Es wird das Doppelhorn in F und B entwickelt. Der um sich greifende Drang nach Perfektion führte zum Gebrauch des reinen B-Horns und zur Verdrängung des F-Horns aus dem Orchester. In den letzten 15 Jahren findet das F-hoch-F und das B-hoch-F Horn bei den hohen Hornisten immer weitere Verbreitung.

Welche der heute gebräuchlichen Hörner entsprechen nun den historischen sowohl im Hinblick auf die technische Ausführbarkeit wie auf die Klangfarbe?

Corno da caccia

Die Komponisten der Barockzeit verwendeten das corno da caccia in den Stimmungen C basso bis C alto. Die Tonarten waren von sehr unterschiedlicher Klangfarbe, da die langen Hörner tiefer Stimmung einen relativ dunklen, die höherer Stimmung einen sehr hellen, trompetenähnlichen Klang haben. Das corno da caccia ist sehr eng gebaut, hat einen kleinen Schallbecher und wird mit einem flachen, breitrandigen Mundstück geblasen. Die hohen F-Hörner, die heute für Barockmusik häufig genommen werden, sind um eine Oktave kürzer, aber durch weitere Mensur, grösseren Schall, den Klang beeinflussende Ventile und ein tieferes Mundstück einem corno da caccia in F klanglich sehr ähnlich. Sehr hohe Partien in F oder höherer Stimmung sollte man auf dem hoch-F-Horn mit flachem, breitrandigem Mundstück blasen, eventuell ohne Hand in der Stürze. Bei tieferer Stimmung (etwa D oder Partien des 2. Horns) sollte man ein B-Horn nehmen: ein B-hoch-F Horn gibt hier die Möglichkeit, eine ganze Palette verschiedener Klangfarben in einer Hand zu haben.

Inventionshorn

Das Inventionshorn, das das corno da caccia um 1750 ablöste, ist unserem heutigen Horn schon viel ähnlicher. Es wird mit tiefem Trichtermundstück mit schmalem Rand geblasen, die Hand wird in den weiten Schall eingeführt. Auch hier stellen wir die gleichen grossen Klangunterschiede zwischen Hörnern tiefer (B basso) und hoher Stimmung (C alto) fest. Als Regel gilt hier, ein etwas kürzeres Ventilhorn als das vorgeschriebene Naturhorn zu nehmen. Dadurch erreicht man bei annähernd originalem Klang höhere Treffsicherheit. Das F-Horn erweist sich als optimal in den Stimmungen B basso bis Es, das B-Horn von Des bis A; ideal daher ein F-B Doppelhorn. Für den hohen Hornisten ist das F-Horn eines B-hoch-F Horns für die Transpositionen G bis C alto von grossem Wert hinsichtlich der Treffsicherheit und Ähnlichkeit mit den hohen Naturhörnern.

F-Horn

Nur die Wiener Philharmoniker halten heute noch an der Tradition fest, F-Horn zu blasen. Das ist möglich, da sie auch in den anderen Instrumentengruppen eine « Modernisierung » z. T. ablehnen und vorwiegend Musik des 19. Jahrhunderts spielen. Sie geben uns somit eine klangliche Leitvorstellung von dieser Musik.

Wenn der hohe Hornist heute aus Gründen der Sicherheit nur noch zum B-hoch-F Horn greift, erliegt er der gleichen Gefahr wie vor 100 Jahren der F-Horn-Bläser; er verabsolutiert eine Bauart.

Von einigen Ausnahmen bei romantischer Musik abgesehen, wo zu einem B-hoch-F Horn zu raten ist - obgleich es sich nicht gut mit dem Klang der Horngruppe (Doppelhörner) mischt -, sollte er zu einem F-B Doppelhorn zurückkehren. Dieses Horn ziehe ich für einen ersten Hornisten auch dem B-Horn vor.

Für den heutigen verantwortungsbewussten Hornisten besteht also die Verpflichtung, auf mehreren Hörnern fit zu sein. Konsequentes und ökonomisches Üben auf den verschiedenen Instrumenten wird ihm dazu verhelfen.

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