Brass Bulletin 29, I / 1980 (Seite 57–60) · 5 Min. Lesezeit
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Türmer und Nachtwächter in Böhmen

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Türmer und Nachtwächter in Böhmen

Schon seit Urzeiten hatten die Tschechen ein inniges Verhältnis zur Musik, vor allem zum Gesang ursprünglich, doch seit Beginn unseres Jahrtausends setzte sich auch die Instrumentalmusik durch. Erwiesenermassen waren schon im 13. Jahrhundert am Königshof der Přemysl-Dynastie Pfeifer eingestellt, unter denen sich auch Zinkspieler befanden.

Aus dem 14. Jahrhundert liegen verlässliche Berichte über Trompeter in Prag vor, denen der Trompeter Mikuláš (Niklaus, gestorben 1429) vorstand und die von den Behörden der Prager Altstadt unterhalten wurden. Unter Mikulášs Leitung erreichte das Ensemble einen hohen Stand und erregte die Bewunderung von König Sigismund, der sonst den Tschechen nicht sehr wohlgesinnt war. Leider sind aus jener Zeit keine Noten überliefert, aber aus alten Schäfer-Signalen lässt sich erahnen, wie jene Musik etwa geklungen haben mag. Der Lehrer Ladislav Vančata notierte eine uralte Fanfare, die er in einem südböhmischen Dorf einen Schäfer auf seinem Horn hatte spielen hören:

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Nicht alle Musikanten waren es zufrieden, dem Adel zu dienen wie Trompeter Mikuláš. Sie wählten ein Leben in Freiheit, zogen von Stadt zu Stadt, musizierten auf Stadt- und Dorfplätzen und spielten in Kneipen zum Tanze auf.

Das lockere Leben der fahrenden Musikanten erregte das Missfallen der frommen Hussiten, welche den Musikerberuf als ein zwangsläufig in Sünde verstricktes Gewerbe ansahen. Pfeifer, Fiedler, Trommler und Trompeter verdienten ja damals ihr Brot auf dem Tanz, also mit Sünde, und gehörten folglich als eindeutige Verbrecher bestraft. Eine alte Handschrift zählt diese Sünder in folgender Reihenfolge auf: Henker, Betrüger, Spieler, Pfeifer, Zitherspieler, Trommler, Trompeter (wenn zum Tanz spielend), Dieb, Räuber, Zauberer, Falschmünzer, Verfälscher von Metallen, Massen und Gewichten.

Die Hussiten waren dem Gesang zugetan und schrieben in ungemein grossem Ausmasse kunstvolle Lieder, aber ihre Abneigung gegen Instrumentalmusik war so ausgeprägt, dass sie ihren Feinden als Zielscheibe für Hohn und Kränkung diente. Wenn die katholischen Truppen einen hussitischen Soldaten gefangen hatten, verbrannten sie ihn nicht selten unter Trompetenklängen, um, wie sie meinten, seine Qualen noch zu vergrössern.

Eine der typischsten Gestalten der böhmischen Lande war seit jeher der Nachtwächter, gewöhnlich ein Gemeindebeamter oder armer Kleinhändler. Für ein paar Batzen ging er nachts durchs Dorf und kündigte mit seinem Horn die ganzen Stunden an.

Zu seiner charakteristischen Ausrüstung gehörten ein schwerer Lammfellmantel und ein Stierhorn. In den königlichen, befestigten Städten war es ein Türmer, also ein vollamtlicher Nachtwächter, der seiner Pflicht auf einem Turm oblag, wo er gewöhnlich auch wohnte. Der Türmer bezog einen vertraglichen Jahreslohn. Sehr oft nun bewarben sich fahrende Trompeter um solche Beamtenstellen, um ihrem verachteten Gewerbe den Rücken kehren zu können. So entstand in Böhmen eine eigentümliche Gruppe von Bläsern, welche die Anforderungen dieser Stellung bei weitem übertrafen, und ihnen ist es zu verdanken, dass die tschechische Trompeterkunst die bewegten Jahre der hussitischen Revolution glanzvoll überlebte.

Die Pflichten der Türmer waren reglementarisch festgelegt. Neben dem erwähnten nächtlichen Stundensignal, oft von einem religiösen Motto begleitet, oblag dem Türmer auch die Meldung von Feuersbrünsten, Stürmen, seltsamen Himmelserscheinungen und nahenden Feinden.

Der Türmer von Písek hatte dazu noch eine angenehme Pflicht: am Morgen jedes 1. Mai blies er auf seinem Horn dem Frühling den Willkomm:

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In Tábor hatte die Melodie fast militärischen Charakter:

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In der Stadt Klatovy, unweit des Šumava-Gebirges, erscholl die folgende Weise aus dem Horn des getreuen Wächters auf dem Schwarzen Turm:

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Die alten Ursprünge des Wächteramtes in den slawischen Ländern werden auch durch das Lied «Bogorodica Ljubica» belegt, welches bis zum heutigen Tag in Krakau (Polen) vom Turm erklingt, wenn auch jetzt nur noch auf einer modernen Ventiltrompete. Die Weise wurde angeblich vom Hl. Adalbert komponiert.

Die Aufzeichnungen über den Türmerdienst, die wir in alten Annalen finden, lesen sich häufig wie eine «schwarze Chronik». In Stanislavov wurde bis anfangs unseres Jahrhunderts eine Melodie geblasen, die mittendrin mit einem falschen Ton abbrach. Sie sollte an den Tatarenüberfall von 1241 erinnern, als der Türmer Alarm blies, aber mitten im Signal vom Dolch eines Feindes durchbohrt wurde.

Das Dach des Kirchturms von Velvary wurde vom Blitz in Brand gesteckt, der auch den Trompeter niederstreckte, sodass der Alarm ausblieb. Am 13. Mai 1753 zwischen 8 und 9 Uhr abends stürzte, bei nur leichtem Wind, der 60 Ellen hohe Steinturm der Stadt Jaroměř zusammen, wobei Frau und Tochter des Türmers umkamen und erst frühmorgens in den Trümmern gefunden wurden.

Ein alter Turmwächter in Rakovník wurde 1594 ein Opfer menschlicher Habgier: ein junger Anwärter auf seinen Posten brachte den alten Mann im Einvernehmen mit dessen Frau um, und nachts warfen die beiden die Leiche von der Zinne hinunter.

Kein Wunder bei alledem, dass die Türmer ihr hartes Dasein auf mancherlei Art aufzulockern suchten. Einige waren einem guten Schluck nicht abgeneigt, welcher den Turm oft auf seltsamen Wegen erreichen musste. Auf der Folter des Kerkers von Kutná Hora gestand 1556 der Türmer Lukáš seinen Pakt mit der Schankwirtin Fantová: wenn immer er einen kleinen Stein auf ihr Dach warf, zapfte sie ihm eine Mass Bier, die dann an einer Leine auf den Ausguck gehievt wurde.

Einmal nun geschah es, dass Lukášs Wurf zweimal ungehört verhallte; des Dürstenden drittes Geschoss aber, grösser kalibriert, sprengte gleich einen Ziegel vom Kneipendach, welcher um ein Haar die von einer Totenwache heimkehrende Küstersfamilie erschlagen hätte.

Gedachte aber ein Türmer sich zu verehelichen, liess er es sich nicht nehmen, zwecks Bereicherung seines Festes die Stadtobrigkeit von Kutná Hora untertänigst um eine zusätzliche Freibierspende zu ersuchen.

Vernachlässigte er aber seine Pflichten, indem er etwa ein Feuer zu spät meldete, wurde der Türmer eingekerkert und seine Besoldung eingestellt; in schweren Fällen, wenn etwa Feuersbrünste gänzlich verschlafen wurden, folgte zudem die Entlassung. So soll die Stadt Jindřichův Hradec aus Unachtsamkeit der Türmer zweimal niedergebrannt sein.

Die alten Schlösser und Zitadellen hielten sich einen ganzen Trupp von Turmwächtern. In Karlštejn etwa standen ihrer sechs auf Posten: vier um den Bergfried, einer vor dem Palast und einer am Brunnen. Ihr Warnruf ist einer der bekanntesten:

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«Hält euch fern vom Schloss, damit euch nicht plötzliches Unglück geschehe».

Während der Pestepidemie verstummten die Trompetenrufe von den Türmen. Unter der Herrschaft Kaiser Rudolfs II. in Böhmen nahm die Instrumentalmusik raschen Aufschwung. Von den Türmen erklang nun vermehrt die kunstvolle Musik von Posaunenensembles, während die Kunst des Tierhornblasens allmählich in Vergessenheit geriet. Schade. Noch im 19. Jahrhundert haben sich Instrumentenbauer bei der Konstruktion neuer Metallblasinstrumente an alten Tierhörnern inspiriert.

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