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Atmen und physiologische Maske

Die «Luftsäule». Es wird viel von der Luftsäule gesprochen: Mode oder Wirklichkeit? Blasen... Luft geben... stossen... verdichten... Warum? Wie? Ist es berechtigt, von Atemtechnik zu sprechen? Inwiefern kann von Wirksamkeit die Rede sein? Gegenwärtig beschäftigt sich wohl jeder Bläser mit diesem Problemkreis. Es werden Fragen erörtert wie z. B.: Wie kann der «Wind» hinsichtlich seiner Wirksamkeit erzeugt werden? Wie kann die zur Tonerzeugung notwendige Luft bewusst gebraucht werden? Wie kann diese Luft verdichtet werden, ohne die Lippen allzusehr zu beanspruchen, wenn hohe Töne erzeugt werden sollen?

Alle Bläser sind sich über die Bedeutung des «Lufthaushalts» beim Blasen einig. Und trotzdem gab es Zeiten, da man von «Atemtechnik» nicht sprach; bei Mundstückinstrumenten konzentrierte man sich auf die Lippen. Manche betrachteten die Atemtechnik als ein empirisches Element der Spieltechnik, andere vernachlässigten sie gänzlich. Als man sich der Bedeutung des Atems bewusst geworden war, kam der Begriff «Luftsäule» auf, und wurde, wohl aus einer Art Reaktion, als Allheilmittel gepriesen: nichts anderes mehr kam in Betracht, sogar die Lippen nicht; alles wurde unterschätzt ausser der Luft, der angeblichen Lösung aller Probleme.

Heutzutage haben sich diese extremen Tendenzen glücklicherweise eingependelt: die Luft ist wichtig, ja wesentlich, aber sie bedeutet nicht alles. Die Lippen dürfen nicht unterschätzt werden. Um mit der höchstmöglichen Leichtigkeit ein Blasinstrument spielen zu können, müssen zwei wesentliche Ausgangspunkte — einer so wichtig wie der andere — betrachtet werden.

  1. Das Atmen mit
    a) dem Einatmen, das darin besteht, die notwendige (nicht die grösste) Luftmenge in der kürzesten Zeit zu schlucken und richtig zu speichern.
    b) dem Ausatmen, wo die ausschlaggebende Arbeit der Atemtechnik einsetzt, eine Arbeit, welche von einem sehr wichtigen psychologischen Faktor abhängt, den ich den «senkrechten Druck» genannt habe. Dieser senkrechte Druck soll eine maximale Luftverdichtung mit minimaler Anstrengung ermöglichen. Der erwähnte psychologische Faktor besteht in einem geistigen Einsatz, genauer in der Nutzbarmachung unserer Phantasie. Den Vorteil dieser Technik sehe ich darin, dass eine körperliche Reaktion, wie z. B. die für die Verdichtung der Luft notwendige Muskelanspannung, durch das Schaffen einer «geistigen Bilderfabrik» gewährleistet werden kann.
  2. Die physiologische Maske: das ist alles, was den Mund umgibt: ein eiförmiges Gebilde, das seinen Ursprung unter der Nase hat, ausserhalb der Mundwinkel verläuft, und seine untere Grenze am Strich hat, der die Unterlippe vom Kinn trennt. Es geht darum, die Gesichtsmuskeln so einzusetzen, dass sie die Mundwinkel in einer Stellung festhalten, in der die Lippen nicht gespannt sind, sich nicht seitlich verziehen, und in der der Luftdruck die Lippen nicht auseinanderpresst.

Die Erörterung dieser zwei wichtigen Punkte bilden die beiden ersten Kapitel des «Traité méthodique de pédagogie instrumentale»¹, das ich verfasst habe, um eine vollständigere Arbeit auf dem Gebiet des Atmens zu ermöglichen, ohne dabei die Instrumentaltechnik zu vernachlässigen. Der Lehrer braucht nicht mehr seine Zeit darauf zu verwenden, das Warum und das Wie der Atemtechnik zu erläutern, da die Schüler das selbst nachlesen und üben können. Die ersten paar Minuten des Unterrichts sollten ausreichen, um die vom Schüler geleistete Arbeit nachzuprüfen. Der Abschnitt, der vom Atmen handelt, ist in Lektionen aufgeteilt, die einem fortschreitenden Schema entsprechen und somit rasche und sichere Aneignung fördern.

Das dritte Kapitel ist zur gleichzeitigen Anwendung der in den beiden ersten Kapiteln erörterten Punkte notwendig. Es gibt die Anleitungen zur Ausübung von neuen «subjektiven Techniken» mit dem Instrument hinsichtlich einer weiteren Verbesserung der Atemtechnik. Der erste Teil dieses Werkes schliesst mit «circular breathing» oder unentwegtem Ausatmen und dem Erzeugen von Doppeltönen. «Circular breathing» ist ein unentwegtes Ausatmen, wodurch der Ton über mehrere Minuten ohne Unterbrechung hinweg gehalten wird. Ein Doppelton entsteht, wenn gleichzeitig ein Ton gespielt und ein anderer gesungen wird.

Während der Arbeit an diesem Lehrwerk bin ich zur Überzeugung gekommen, dass es wichtig sei, die Aufmerksamkeit der Schüler und der Lehrer auf die verschiedenen im zweiten Teil gestreiften Themen zu richten. Es ist tatsächlich schwierig bis unmöglich, sich durch einen ewig gespannten Körper und einen unkontrollierbaren Geist hindurch auszudrücken. Wir müssen vermeiden, dass unser Körper ein Hindernis für Virtuosität, für Schnelligkeit, für Kunstmässigkeit ist oder wird, schlimmer noch für die kunstgerechte Ausübung, für den Ausdruck der Empfindlichkeit, der Schaffens- und Einbildungskraft. Die verschiedenen Techniken, von denen der zweite Teil handelt und die dazugehörenden Übungen (Hara, Entspannung, Do-in, Atmen, Autohypnose, usw.) sollten jeden Instrumentalisten, jeden Künstler, welches auch sein Fach sei (Gesang, Tanz, Schauspielkunst, Malkunst, usw.), fähig machen, immer aufnahmebereiter, ausdrucksvoller zu werden durch eine tiefere Selbsterkenntnis und eine bessere Selbstbeherrschung.

Nach der Zusammenfassung dieses Lehrwerks, nun zurück zur «Luftsäule». Es wurde schon gesagt, dass der Luft eine grosse Bedeutung zukomme, dass aber ebenso die Lippenmuskulatur sehr wichtig sei. Ich möchte sogar behaupten, dass die Leistungsfähigkeit einer perfekten Atemtechnik im Verhältnis zur Qualität der physiologischen Maske steht. Daher will ich jetzt die Bedeutung der Lippenmuskulatur anhand eines Beispiels unter Beweis stellen.

Eine für Bläser allgemeingültige Regel besagt, dass wir die Lippen umso stärker zusammenpressen müssen, desto höher wir spielen wollen, um auf diese Weise den Luftstrom durch die kleinstmögliche Öffnung zu entlassen. Je winziger diese Öffnung ist, umso schneller sind die Schwingungen und umso höher ist der erzeugte Ton. Wir haben wohl alle gelegentlich jemanden mit einer Luftpumpe (vom Fahrrad) Volksmelodien «spielen» hören: man verstopft die Öffnung mehr oder weniger mit der Handfläche oder mit einem Goldschlägerbällchen und zieht mehr oder weniger seitlich den Öffnungshals des Ballons, was die Wände verengt und den Luftstrom verringert, sodass der Ton ansteigt.

Angesichts dieser Erfahrung schlage ich folgendes Beispiel zur Illustration der Bedeutung vom Muskelspiel der Lippen vor. Stellen Sie sich vor, Sie hielten einen kleinen geschmeidigen Gummischlauch in der Hand. Mit Daumen und Zeigefinger pressen Sie an einem Ende die Schlauchwände gegeneinander, als ob Sie den Schlauch abwürgen wollten, lassen dabei aber eine winzige Öffnung bestehen. Das andere Ende des Schlauches schliessen Sie an den Wasserhahn an, den Sie nun öffnen. Was geschieht? Das Wasser füllt den Schlauch bis ans entgegengesetzte Ende. Da aber hier der Durchmesser sehr viel kleiner ist und das Wasser nicht frei durchgelassen wird, entsteht unter dem Druck eine Verdichtung im Innern des Schlauches. Durch die Öffnung am zusammengepressten Ende entweicht ein sehr dünner aber starker Wasserfaden, der sehr weit nach vorne springt (gleich dem Prinzip des Gartenschlauchs, dessen Düse man durch Drehen regeln kann). Je stärker Sie den Schlauch zwischen den Fingern zusammenpressen, desto dünner und stärker wird der Wasserstrahl. Die Kraft der beiden Finger muss aber stark genug sein, um trotz dem Druck des Wassers das Schlauchende ohne nachzugeben zusammenpressen zu können.

In diesem Beispiel finden wir das Grundprinzip, das wir anwenden müssen: Daumen und Zeigefinger stehen für die Lippen, der Wasserhahn für den Druck, der Schlauch für die Lunge und das Wasser vertritt die Rolle der Luft. Aus diesem Vergleich können wir ableiten, dass die Luft oder das Wasser unter umso höherem Druck entfliesst, je kleiner die ihm zur Verfügung stehende Öffnung ist. Zur Ausführung aber muss man über Muskeln verfügen, die stark genug sind, um ein Erweitern des Spaltes, d. h. ein Öffnen der Lippen, zu vermeiden, wodurch die Ausflussöffnung sich vergrössern würde. Wir können also daraus folgern, dass der Druck in einem bestimmten Verhältnis zu dem Umfang der Öffnung steht, und dass dieser wiederum von der Lippenmuskulatur abhängt. Folglich hängt der Druck von der Lippenmuskulatur ab... Daher die beiden wesentlichen Ausgangspunkte: das Atmen und die physiologische Maske.

Brass Bulletin 22, II / 1978 Seiten 71–74

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